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Scheiße. Das war mein einziger Gedanke. Ich war unten, präzise an der Leber getroffen. Ringrichterin Sparkle Lee zählte mich an. Ich konnte sie genau hören. Eins, zwei, drei. Bevor sie bei zehn ist, muss ich wieder auf den Beinen stehen. Ich muss mich aufrichten, weitermachen, weiterboxen. Der Kopf war bereit, der Körper nicht. Acht, neun, zehn, aus. In 35 Sekunden war alles verloren, die ganze Arbeit zunichtegemacht. Das schlimmste Gefühl meiner Karriere.

"In 35 Sekunden war alles verloren, die ganze Arbeit zunichtegemacht."

Wenn die Leber getroffen wird, ist es vorbei. Die Durchblutung versagt, der Körper sackt zusammen. Als würde man den Stecker ziehen. Da kannst du tun, was du willst. Du willst einatmen, aber es geht nicht. Du willst aufstehen, aber es funktioniert nicht. Je mehr man sich dagegen wehrt, desto schlimmer wird es. Ich wurde schon oft auf die Leber geschlagen, aber nicht mit dieser Wucht. Amanda Serrano hat die Faust hineingedreht. Lieber werde ich mit einem Treffer gegen den Kopf ausgeknockt, da bekomme ich wenigstens nichts mit.

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Eva Voraberger wird angezählt.
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Ich höre immer noch dieses Zählen, es hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Die Niederlage nagt an mir. Ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Madison Square Garden, so eine Chance kommt nicht jeden Tag. Wenn ich die Augen zumache, weiß ich, dass ich verloren habe. Wenn ich die Augen aufmache, weiß ich, dass ich verloren habe. Und dazwischen träume ich davon. Am liebsten würde ich es auf der Stelle wiedergutmachen, in den Ring steigen und zeigen, was ich kann. Oder zumindest trainieren gehen, härter denn je. Aber ich brauche eine Pause, ich muss meinen Körper schonen.

Ein K. o. in der ersten Runde sieht nicht gut aus. Ich wollte die rechte Gerade anbringen, in dem Moment hat sie mich erwischt. Ein Lucky Punch, wie er im Kampfsport passieren kann. So ist das, ein Schlag entscheidet. Die blöde Nachrede ist mir in Österreich sicher. Viele wissen nicht, in welcher Liga ich boxe. Ich bekomme kein Fallobst vorgesetzt, das ist die Champions League. Egal, ich kann es ohnehin nicht allen recht machen. Würde ich jeden Fight gewinnen, könnte man über die Farbe meiner Boxhandschuhe diskutieren.

"Es gab keine Alternative. Alles auf eine Karte, hop oder top, Pokal oder Spital."

Ich steige nicht in den Ring, um zu verlieren. Ich wäre keine Kämpferin, wenn ich nicht versucht hätte, meine Chance zu nützen. Ich musste Gegenfeuer geben. Hätte ich weglaufen sollen? Ich laufe nicht weg, ich bin noch nie weggelaufen. Ich bin beim Boxen, ich gehe nach vorne, ich probiere es. Auch als Außenseiterin, auch gegen eine der besten Boxerinnen der Welt. Für die Zuseher ist es besser so. Durch Punkte hätte ich dort nicht gewinnen können. Es gab keine Alternative. Alles auf eine Karte, hop oder top, Pokal oder Spital.

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Amanda Serrano schlägt zu.
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Okay, es wurde ein New Yorker Spital. Sie haben mich nach dem Kampf von oben bis unten durchgecheckt. Die Zustände im Krankenhaus waren erschreckend. Ein Patient wurde vor meinen Augen festgebunden. Da lernt man das österreichische Gesundheitswesen noch mehr zu schätzen. Ich weiß nicht, ob ich in den USA je zu boxen begonnen hätte. Dort ist Sport Business. Wenn du nicht funktionierst, bist du weg. Dann wirst du ersetzt. Die Boxerinnen stehen Schlange. In Österreich geht es familiärer zu, hier kann ich mich in Ruhe entwickeln.

Ich war kein einfaches Kind. Meine Mutter hat es schwer mit mir gehabt, ich war ein unausgeglichener Teenager. Als 17-Jährige habe ich mir einen Sport gesucht, bei dem ich mich hemmungslos auspowern konnte. Boxen war genau mein Ding, mein Ventil. Ich bekam endlich den Kopf frei. Ich bin nicht mehr fortgegangen, nicht mehr abgehangen, das hat mich alles nicht mehr interessiert. Es gab nur Boxen, Boxen, Boxen. Meine Familie hat mich auf dem Weg in den Profisport unterstützt, mein Onkel, inzwischen ist er verstorben, führte mich zu den Trainingslagern. Er hat immer geschaut, dass ich weiterkomme, hat an mich geglaubt. Er war stolz auf mich.

"Ich habe es von der Lugner City in den Madison Square Garden geschafft."

Als Boxerin hast du nur zwei Hände und eine Gegnerin. Es ist ein ehrlicher Zweikampf, sie oder ich. Das Gewinnen macht süchtig, du willst mehr davon, immer weiter gehen. Ich habe es in zehn Jahren von der Lugner-City in den Madison Square Garden geschafft, ich durfte um den WBO-Weltmeistertitel im Superfliegengewicht kämpfen. Ein unbeschreibliches Gefühl, eine Ehre, ich hätte das am Anfang meiner Karriere nicht für möglich gehalten. Das macht die Niederlage aber keine Spur erträglicher. Es ist bitter. Egal ob Schwechat, Wien oder New York. Ich will länger als 35 Sekunden im Ring stehen.

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Eine Umarmung zum Abschied.
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Die Kulisse vom Hulu Theatre im Madison Square Garden hat mich nicht nervös gemacht. Im Gegenteil, ich hatte vor dem Kampf ein gutes Gefühl, ich war fit und motiviert. Im Nachhinein muss ich mir die Frage stellen, ob vier Wochen Vorbereitungszeit für so eine Herausforderung nicht doch zu kurz sind. Als im Dezember die Anfrage kam, gab es in meinem Team bei aller Freude auch skeptische Stimmen. Ich habe meinen Sturschädel durchgesetzt, man lässt mich meine Erfahrungen machen. Ich habe auf die Herdplatte gegriffen und mir die Finger verbrannt. Das soll keine Entschuldigung sein, es gibt keine Ausrede. Ich habe verloren, sie war die Bessere. Und wer weiß, ob es mit einer längeren Vorbereitung besser gelaufen wäre.

Der Kampf hat mir vieles aufgezeigt. Ich habe gesehen, was mir noch fehlt. Ich muss körperlich robuster werden, explosiver sein. Wir müssen im Training eine Schippe drauflegen, ich muss härter an mir arbeiten. Tag für Tag, Schritt für Schritt. Meinen ersten Profikampf habe ich 2008 auch in der ersten Runde verloren. Aus Niederlagen habe ich immer am meisten gelernt. Wir brauchen jetzt Zeit, und die müssen wir uns nehmen. Ich bin noch jung im Boxsport. Die beste Zeit für eine Kämpferin liegt zwischen 25 und 35 Jahren. Ich bin jetzt 28. Und ich fange wieder bei null an. (Zugehört und aufgezeichnet hat: Philip Bauer, 28.1.2019)