Vergleichbar mit seismografischen Instituten registrieren die Chefetagen internationaler Auktionshäuser jede kleinste Veränderung auf dem Markt: Den Geschmackswandel des Publikums, die Evaluierung der Wünsche junger Sammler genauso wie die neuer Käuferschichten oder Verschiebungen wirtschaftlicher Reichtümer. Man will schließlich dort aktiv sein, wo das Geld ist.

Asien und speziell China hatte man schon ab den 1970er-Jahren auf dem Radar, konkret aufgrund einer Klientel, die nennenswerte Summen in Rückkäufe historischer Objekte und vereinzelt auch in europäische Kunst investierte. Sotheby’s eröffnete seine vorerst nur auf Kundenbetreuung ausgelegte Niederlassung in Hongkong 1973, Christie’s folgte 1986. Insofern hatte man bereits den Fuß in der Tür, als sich die Prognosen punkto Wachstumspotenzial und Entwicklung der Kaufkraft überschlugen.

2013 stand dieses typische Werk Yue Minjuns mit dem Titel "Between Men and Animal" bei Sotheby's in Hongkong zum Verkauf.
Foto: AP /Vincent Yu

Zeitgleich begann zeitgenössische Kunst aus China über die erste Wanderausstellung "China!" in Europa 1996/97 um Aufmerksamkeit zu heischen. Gezeigt wurden keine Werke, die den staatlichen Kulturbehörden genehm waren, sondern solche, die Dieter Ronte in rund 200 Ateliers aufgespürt hatte. Das erklärte Ziel des damaligen Direktors der Kunsthalle Bonn: ein authentischer Blick auf die quasi im Verborgenen blühende Szene.

Wo Interesse, da Nachfrage

Wo Interesse, da Nachfrage, schlussfolgerte die Auktionsbranche und gewährte jungen chinesischen Künstlern im Oktober 1998 in London erstmals ein Forum. Die damals für Großformate verzeichneten Zuschläge rangierten in Preisklassen von 10.000 bis 15.000 Euro. Von solchen Beträgen kann 20 Jahre und zahlreiche von Privatsammlern initiierten Ausstellungen später längst keine Rede mehr sein.

Ab 2005 begannen Christie’s und Sotheby’s ihre Aktivitäten in Kooperation mit lokalen Geschäftspartnern zu intensivieren und veranstalteten erste Auktionen vor Ort. Als Asset hatte man die global verteilte Sammlerklientel in der Hinterhand, die fortan mit der wachsenden chinesischen Schar vermögender Milliardäre konkurrierte, die auf den Geschmack gekommen war. In ihrem Windschatten formierten sich internationale Kunstmessen und eröffneten führende Galerien lokale Standorte. 2007 feierte man den vorläufigen Höhepunkt des Hypes.

Zhang Xiaogangs "Bloodline:Big Family No.3" wurde von Sotheby's bei einer Auktion in Hong Kong 2014 angeboten.
Foto: REUTERS/Tyrone Siu

Gehypte im Sinkflug

Die Liste der 100 am meisten gehandelten Gegenwartskünstler umfasste plötzlich nahezu so viele Chinesen wie Amerikaner. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Millionenzuschläge für eine Vielzahl von Künstlern, die bis heute vergleichsweise gut im Geschäft sind. An die einstigen Erfolge konnten sie jedoch kaum anknüpfen und rutschten, gemessen am Umsatz der jährlich versteigerten Werke, im Ranking teils deutlich ab.

Ein Zahang Xiaogang, der in der aktuellen Schau im MAK vertreten ist, etwa von 22 (2007) auf Platz 107, der einst als chinesischer Warhol gefeierte Fang Lijun von 83 auf 748. Denn ihr Markt konzentriert sich auf Hongkong, wo bis zu 66 Prozent ihrer Werke verkauft werden. Einzig Ai Weiwei schlägt vergleichsweise aus der Reihe, da er von seiner Bekanntheit als Menschenrechtler und Dissident profitierte. Seine Marktentwicklung verlief abseits des Hypes in vergleichsweise ruhigeren und damit stabileren Bahnen. Seine Werke werden hauptsächlich in Großbritannien gehandelt (52 Prozent) und nur zu einem geringen Teil (17 Prozent) in seiner Heimat. (Olga Kronsteiner, 2.2.2019)