In Demut steht Alexander Van der Bellen vor dem Gedenkkranz, den Kopf gebeugt, er kreuzt die Arme vor der Brust. Neben ihm lodert die ewige Flamme in Erinnerung an die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden. Der Bundespräsident hält inne – dann stellt er sich wieder neben Israels Präsident Reuven Rivlin für den letzten Teil der Zeremonie, hier in der Halle der Erinnerung in der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

Der Rundgang durch das Museum und die Gedenkveranstaltung gehen nahe. Und so legt Rivlin dem österreichischen Gast kurz, aber freundschaftlich den Arm auf die Schulter.

Doris Schmidauer und ihr Ehemann, Bundespräsident Alexander Van der Bellen: Innehalten beim Besuch in Yad Vashem.
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Der zweite Tag des Präsidentenbesuchs stand ganz im Zeichen der Verbundenheit der beiden Länder – aber auch im Zeichen der dunklen Vergangenheit sowie des wiedererstarkenden Antisemitismus. Ins Gästebuch der Holocaustgedenkstätte schrieb Van der Bellen: "Österreich erkennt seine Mitverantwortung für die unbeschreiblichen Gräueltaten des Holocaust an, ebenso unsere besondere Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass aus 'niemals vergessen' ein 'niemals wieder' wird."

Das Präsidentenpaar in Yad Vashem.
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Zuvor hatte Van der Bellen im Gespräch mit Rivlin betont, dass Österreichs Aufarbeitung der Vergangenheit lange gedauert habe: "Seiner Mitverantwortung hat sich Österreich erst sehr spät bekannt, das hat unser Verhältnis lange Zeit schwierig gemacht."

"In Frieden leben können"

Das hat sich geändert – vor allem, seit der damalige Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) 1993 eine Rede in Jerusalem hielt und erstmals von der Mittäterschaft von Österreichern sprach. Zweieinhalb Jahrzehnte später betonte der Bundespräsident nun die heutige Verantwortung seines Landes: "Israel muss in Frieden leben können. Das ist, glaube ich sagen zu können, in Österreich nationales Anliegen und Konsens."

Van der Bellen traf Israels Präsidenten Rivlin.
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Die Gefahren für den jüdischen Staat und für das jüdische Volk sind aktuell wie eh und je. Auch und vor allem der Iran und dessen Aktivitäten in Israels Nachbarschaft stellen eine Bedrohung dar. Das betonte auch Rivlin: "Das iranische Regime ist die Hauptursache für die Instabilität und für Terror in Europa und im Nahen Osten. Die iranische Gefahr beschränkt sich nicht nur auf das Atomprogramm, es geht weiter: das Raketenprogramm und die Involvierung im Nahen Osten." Österreichs Beitrag für Sicherheit und Stabilität der Region wisse man in Jerusalem zu schätzen.

FPÖ-Regierungsbeteiligung belastet Beziehung

Doch so offen und freundlich einander Rivlin und Van der Bellen an diesem Montag auch begegneten: Die Beziehungen der beiden Länder hatten mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ zuletzt einen Knacks erlitten. Minister der Freiheitlichen werden in Israel offiziell nicht empfangen – und daran wird sich zumindest bis zu den Wahlen in Israel am 9. April auch nichts ändern, prophezeite Van der Bellen nach dem Vier-Augen-Gespräch mit Rivlin. Auch über Karin Kneissl sei gesprochen worden. "Meine Position ist pragmatisch: Gerade die Außenministerin zu empfangen wäre sinnvoll, es erleichtert einfach die Kontakte." Aber auch das sei derzeit wenig erfolgversprechend.

Van der Bellen: "Israel muss in Frieden leben können. Das ist, glaube ich sagen zu können, in Österreich nationales Anliegen und Konsens."
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Bis Donnerstag reist Van der Bellen mit Wissenschaftsminister Heinz Faßmann und der Ministerin für Digitalisierung und Wirtschaft Margarete Schramböck (beide ÖVP) durch Israel sowie die palästinensischen Gebiete. Es ist sein erster Besuch als Bundespräsident. Auf dem Plan stand ein Gespräch mit Premier Benjamin Netanjah, das jedoch abgesagt wurde. (Lissy Kaufmann aus Jerusalem, 4.2.2019)