Sebastian Kurz traf am Donnerstag in Seoul den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in.

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Wer nach Südkorea fliegt, der fliegt meistens ein Eck: über Peking, dann eine scharfe Linkskurve. Dann Tianjin, Dalian – und immer vorbei an Nordkorea, dessen Luftraum ausgewichen wird. Es ist eine Erinnerung daran, dass noch immer nicht alles in Ordnung ist zwischen den beiden Nachbarn. Das gilt, obwohl sich die Dinge in den vergangenen zwölf Monaten deutlich beruhigt haben und statt eines Atomkriegs zwischen "Little Rocket Man" Kim Jong-un und dem "mit Feuer zu zähmenden Tattergreis" Donald Trump jetzt das zweite Treffen der beiden vor der Tür steht.

Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) wollte das Thema in der "Hoffnung auf positive Entwicklung" am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) ansprechen – bei seinem Treffen mit Premier Lee Nak-yeon.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Südkoreas Premier Lee Nak-yeon wollten keine Journalistenfragen beantworten.
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Bei der Pressekonferenz – oder, in den Worten der Koreaner, der "offiziellen Veröffentlichung der Gesprächsinhalte" – von Kurz und Lee waren keine Fragen zugelassen. Dementsprechend unterschied sich der Inhalt des Gesagten wenig von den Ankündigungen vor der Unterredung.

Auch schon davor wurde die Beziehung zu Nordkorea Thema, bei der Zusammenkunft mit jenem Mann, den viele als politischen Architekten der aktuellen Beruhigung sehen: Südkoreas Präsident Moon Jae-in.

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Gleich nach der Landung am Vormittag aber trat Kurz noch bei einem anderen hochrangigen südkoreanischen Politiker auf: Ex-UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hatte Experten und Politiker zu einer Nachhaltigkeitskonferenz an der Yonsei-Universität eingeladen. Dort befindet sich auch eine Niederlassung seines "Centre for Global Citizens", das er gemeinen mit Ex-Präsident Heinz Fischer betreibt. Auch Fischer war vom Hauptsitz des Zentrums in Wien zur prestigeträchtigsten unter den südkoreanischen Privatuniversitäten angereist.

Kantenloser Bürokrat oder Messias?

Ban wurde zwar während seiner Zeit als UN-Generalsekretär international eher als farb- und kantenloser Bürokrat kritisiert, doch in seinem Heimatland erfüllte er die meisten Bürger, durstig nach internationaler Anerkennung, mit großem Stolz. Konservative Tageszeitungen hypten ihn gegen Ende 2016 zu einer Art Messias-Figur, die als künftiger Präsident die gesellschaftlichen Probleme lösen werde. Dabei hatte der heute 74-Jährige zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal seine Kandidatur bei der damals anstehenden Präsidentenwahl angekündigt – zu der er sich schließlich auch nicht durchrang.

Umso erstaunlicher ist, in welch kurzer Zeit Ban nach seiner Rückkehr in Ungnade gefallen ist. Seine Ankunft in Seoul im Jänner 2017 folgte bereits am Flughafen Murphys Gesetz: In einer Serie offensichtlich gestellter Fototermine versuchten Bans Berater den Karrierediplomaten als Mann des einfachen Volkes zu inszenieren. Dabei war dieser bereits damit überfordert, einen gewöhnlichen U-Bahn-Fahrscheinautomaten zu bedienen. Dass für die symbolische U-Bahn-Fahrt des Heimkehrers zudem dutzende Obdachlose aus dem Hauptbahnhof vertrieben wurden, unterstrich seinen Ruf als aalglatter Karrierediplomat aus New York, der die Bindung zur koreanischen Realität verloren hat.

Ebenso litt seine Beliebtheit unter einem Korruptionsskandal seines jüngeren Bruders und seines Neffen, die in den USA angeklagt wurden. Sie sollen im Zuge eines Immobilendeals einen Geschäftsmann aus dem Nahen Osten bestochen haben. Seit der gescheiterten Präsidentschaftskandidatur ist es – abgesehen von Eröffnungsreden bei Foren und Symposien – ruhiger um den Südkoreaner geworden. Auch das Ban Ki-moon Center for Global Citizens wird von der koreanischen Öffentlichkeit wenig wahrgenommen.

Ehrenredner Kurz

Donnerstagvormittag war Ban jedenfalls ganz in seinem Element. Nach einem Einführungsvideo im Filmtrailer-Stil lobte er die Arbeit seines Zentrums. Danach stellte er Ehrenredner Kurz, vielleicht etwas überschwänglich, als "großen Visionär unserer Welt" vor, dessen Reformwillen er bewundere. Der Angesprochene präsentierte dann in seiner Rede die Arbeit an den Sustainable Development Goals (SDGs, den Nachhaltigkeitszielen, die die Weltgemeinschaft bis 2030 erreichen will) im Kontext der aktuellen geopolitischen Spannungen.

Er sprach von "Zeiten des Umbruchs", in denen die Welt trotz akuter Krisen den Kampf für Bildung und Gleichberechtigung und für die Umwelt nicht vergessen dürfe. "Auch ein Beitrag" zu den SDGs ist es laut Kurz aber, in Österreich Regulierungen abzubauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur so könne das Land es sich leisten, seine Verpflichtungen zu erfüllen.

Wissenschaftliche "Appetizer"

Während der Kanzler also am Vormittag an der privaten Yonsei-Uni sprach, besuchte Wissenschaftsminister Heinz Faßmann am frühen Abend die staatliche Seoul National University, die bestgerankte des Landes. Er hatte schon im Vorfeld angekündigt, er wolle den Besuch auch nützen, um sich ein Bild davon zu machen, wie Südkorea Grundlagenforschung und wirtschaftliche Interessen unter einen Hut bringe. Zudem wollte er sein Gespräch "als Appetizer" verstanden wissen, um südkoreanische Studenten auch abseits von Kunst- und Musikstudien in höherer Zahl nach Österreich zu locken.

Insgesamt interessiert sich die Regierung – wie schon berichtet – in Südkorea besonders dafür, was man im Bereich der Innovationen, etwa 5G, aber auch Smart City und künstliche Intelligenz, an Lerneffekten für die österreichische Wirtschaft mitnehmen können. Auch der Handel soll ausgebaut werden, um dieses Ziel zu erreichen, sind auch zahlreiche Wirtschaftsvertreter in der etwa 60-köpfigen Delegation dabei. Die genannten Themen sollten auch am Freitag einen Schwerpunkt bilden. Da reisen die Österreicher weiter nach Japan. (Manuel Escher, Fabian Kretschmer aus Seoul, 14.2.2019)