Homo neanderthalensis konkurrierte mit dem modernen Menschen um große Beutetiere, war aber kulinarisch weniger flexibel.

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Zahn der erwachsenen Neandertalerin aus Les Cottés. Sie ernährte sich größtenteils von Fleisch.

Illustration: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ A. Le Cabec

Nach Hundertausenden von Jahren verschwanden die Neandertaler am Höhepunkt der letzten Kaltzeit vor rund 40.000 Jahren. Warum, ist nicht vollständig geklärt – Forscher spekulieren jedoch, dass unseren Verwandten ihre unflexiblen Ernährungsgewohnheiten zum Verhängnis wurden.

Was Neandertaler aßen, rekonstruieren Anthropologen heute mithilfe von Zahn- und Kollagenuntersuchungen. Welchen Anteil Fleisch und welchen pflanzliche Kost ausmachten, wurde in der Vergangenheit kontrovers diskutiert. Jüngste Untersuchungen kommen jedoch einhellig zum Schluss, dass sich die Neandertaler sehr fleischlastig ernährten – nur etwa 20 Prozent ihrer Kost dürfte pflanzlich gewesen sein.

Wie es um Fischkonsum steht, ist hingegen weniger klar. Es gibt viele Hinweise darauf, dass sich steinzeitliche moderne Menschen regelmäßig auch an Süßwasserfischen labten. So finden sich etwa in Überresten moderner Menschen, die kurz nach dem Verschwinden der Neandertaler im heutigen Frankreich ankamen, höhere Stickstoffisotopenwerte, was als möglich Indiz dafür gilt.

Verdächtige Stickstoffisotope

Klervia Jaouen und Kollegen entdeckten ähnlich hohe Stickstoffisotopenwerte im Kollagen zweier Neandertaler aus Les Cottés und der Grotte du Renne in Frankreich, darunter eine erwachsene Frau und ein noch im Babyalter gestorbenes Individuum. An keiner der beiden Ausgrabungsstätten wurden aber archäologische Überreste von Fischen gefunden. In ihrer Studie im Fachblatt "PNAS" gingen die Forscher der Frage nach, was es mit den Essgewohnheiten dieser Individuen auf sich hat.

Sie nutzten eine neuartige Isotopenanalysetechnik an, um eine Erklärung für die außergewöhnlich hohen Stickstoffisotopenanteile zu finden. Die "Compound specific isotope analysis" (CSIA) ermöglicht eine separate Analyse der im Kollagen enthaltenen Aminosäuren. Die Isotopenzusammensetzungen einiger dieser Aminosäuren werden durch Umweltfaktoren beeinflusst, aber auch durch die Isotopenwerte der Nahrungsmittel, die ein Individuum verzehrt. Andere werden zusätzlich durch das trophische Level beeinflusst.

Rentiere und Pferde

Erst die Kombination der Isotopenwerte dieser Aminosäuren ermöglicht es, die jeweiligen Beiträge der Umwelt und der trophischen Ebene zur endgültigen Isotopenzusammensetzung des Kollagens zu entschlüsseln. "So konnten wir nachweisen, dass die Neandertalerin von Les Cottés eine Fleischfresserin war, die sich fast ausschließlich von landlebenden Säugetieren ernährt hatte. Sie war kein spät entwöhntes Kind (was die hohen Stickstoffisotopenwerte ebenfalls hätte erklären können, Anm. d. Red.), hat auch nicht regelmäßig Fisch verzehrt, sondern ihre Leute scheinen hauptsächlich Rentiere und Pferde gejagt zu haben", sagte Jaouen.

Bei dem Individuum aus der Grotte du Renne handelte es sich um einen noch nicht abgestillten Säugling, dessen Mutter sich ebenfalls hauptsächlich vom Fleisch großer Pflanzenfresser ernährt hatte, wie die Forscher berichten. Die Ergebnisse würden die Vermutung stützen, dass sich die Neandertaler auf eine sehr monotone Art und Weise ernährten, auch dann noch, als technologische und kulturelle Weiterentwicklungen einsetzten.

"Diese Studie bestätigt, dass Homo sapiens, als er nach Europa kam und auf den Neandertaler traf, in direkter Konkurrenz zu diesem um die großen Säugetiere als Nahrungsquelle stand", sagte Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Anders als ihre Cousins erschlossen die modernen Menschen aber auch andere Nahrungsquellen – und gingen auf Fischfang. (red, 18.2.2019)