Supermärkte verkaufen in Österreich knapp ein Drittel ihres Sortiments über Aktionen.

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Die Politik behandelt Händler, als wären sie das Proletariat der Wirtschaft." Marcel Haraszti ist überzeugt, dass die Regierung seine Branche als Wirtschaftsfaktor unterschätzt. Als Paradebeispiel dient dem Rewe-Chef die Debatte um den halben Feiertag am Karfreitag, der seinem Konzern neue Belastungen aufbürde.

Der Tag vor Ostern sei für Österreichs Einzelhandel einer der drei wichtigsten Einkaufstage des Jahres: "Wir müssen offen halten." Mitarbeitern ab 14 Uhr Zuschläge zu bezahlen sei finanziell jedoch nicht drinnen. Haraszti befürchtet zusätzliche Kosten in Millionenhöhe. "Wir wollen dafür entlastet werden, wir wollen eine Kompensation." Eine Regelung analog zu Mariä Empfängnis, wie sie FP-Infrastrukturminister Norbert Hofer ins Spiel brachte, schließt er aus.

Der 8. Dezember sei ein Sonderfall. Die Zuschläge und der Zeitausgleich, die der Feiertag bedinge, seien für den Handel ein weiteres Mal nicht leistbar. Haraszti fordert ehestmöglich Klarheit. Aktuell wisse keiner, was tun, da keiner wisse, was wirklich komme. Auch Kunden reagierten mit Unverständnis und Unzufriedenheit.

"Keine einsamen Wölfe"

Haraszti übernahm in den vergangenen Jahren schrittweise die Agenden des früheren Rewe-Vorstandschefs Frank Hensel. Der gebürtige Wiener kehrte 2016 nach 15 Jahren des Nomadenlebens im Dienste der Rewe, das ihn von Ungarn über die Ukraine bis ins Baltikum führte, nach Österreich zurück. Zu einem Zeitpunkt, in dem der Konzern nicht mehr auf "einsame Wölfe" an der Spitze setzte, sondern auf Teams, wie er erzählt. Dass Österreich nun von Deutschland härter an die Kandare genommen werde, sei falsch: "Wir entscheiden operativ in Österreich."

Eine neue Weichenstellung betrifft die Preispolitik. Haraszti will die starken Rabatte im Lebensmittelhandel zurückfahren. Drei von zehn Kunden hierzulande kauften Aktionsangebote, während es in Deutschland nur einer von zehn sei. Der Rabattanteil von 30 Prozent quer über das gesamte Sortiment sei dreimal so hoch wie der deutsche. Die Aktionen seien ein Dschungel, den es zu lichten gelte. Doch die Geister, die man rief, werde man so schnell nicht mehr los, räumt der Rewe-Vorstand ein.

Schokoriegel teurer als Kotelett

Sein Konzern will künftig statt in Rabatte vermehrt in die Regalpreise investieren. Diese liegen in Deutschland in vielen Sparten erheblich unter jenen in Österreich. Vorwürfe, dass Supermärkte sensible Ware wie Fleisch als Lockartikel nutzt und zu Dumpingpreisen abverkauft, lässt Haraszti so nicht gelten. Auch für ihn sei zum Teil unverständlich, wie ein Schokoladenriegel mehr kosten könne als ein Schweinskotelett. Letztlich jedoch könne es der Handel keinem recht machen.

"Die Arbeiterkammer sagt, wir sind zu teuer, die Landwirschaftskammer sagt, wir sind zu günstig." Geht es um das niedrigere deutsche Preisniveau, spielt der Rewe-Chef den Ball einmal mehr an die Industrie weiter. Ihren Aktionären bleibe um ein Vielfaches mehr in der Schatulle als in jener der Händler, klagt er. Klar, sie hätten hohe Investitionen in Marketing wie Entwicklung und müssten so manchen Flop verdauen. Unterm Strich zählten Produzenten dennoch zweistellige Margen – während diese im Handel die Drei-Prozent-Grenze nicht überschritten.

Eigene Produktion

Im Sinne größerer Unabhängigkeit von der Industrie wird Rewe zusehends selbst zum Produzenten. Erst jüngst ging in Eberstalzell ein neues Fleischwerk des Händlers in den Vollbetrieb. "Viele Kapazitäten stehen in Zukunft nicht mehr zur Verfügung", meint Jan-Peer Brenneke, neuer Vorstand für den Bereich Ware International, und erinnert an Insolvenzen unter Klein- und Mittelbetrieben. Ziel sei es, sich Ressourcen zu sichern – über strategische Partner und Vertragsbauern, aber auch über eigene Produktentwicklungen.

Im Lebensmittelgeschäft selbst will Rewe in Österreich schneller wachsen als Mitbewerber – in den vergangenen Jahren hatte hier die Gruppe um Billa, Merkur, Penny und Bipa das Nachsehen. Ein prominenter neuer Standort ist jedenfalls fix: Billa wird 2020 in das einstige Café Griensteidl am Wiener Michaelerplatz einziehen, bestätigt Haraszti. Der Supermarkt nahe der Hofburg mit Blick auf die Fiaker eröffnet auf einem Teil der vom Handel umworbenen Fläche. (Verena Kainrath, 21.2.2019)