Die 91. Oscar-Gala hat viele mögliche "Erstmals" zu bieten: Erstmals könnte der Oscar für den besten Film an eine nichtenglischsprachige Produktion gehen. Erstmals würde damit auch ein Streamingportal gewinnen.

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Über den Dächern von Mexiko: Yalitza Aparicio mit Regisseur Alfonso Cuarón am Set von "Roma".

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Zu 99 Prozent ohne Moderator, nun doch mit den "technischen" Kategorien Kamera und Schnitt in Realzeit und mit einigem Potenzial für historische Entscheidungen: So ließe sich die 91. Oscar-Verleihung, die am Sonntagabend über die Bühne gehen wird, fürs Erste zusammenfassen. Nach einigen Schnitzern und viel schlechter Kommunikation im Vorfeld scheint zumindest die Symbolkraft des populärsten Filmpreises ungebrochen. Worauf man in Hollywood gebannt wartet, ist die Antwort auf die Frage, ob Netflix mit Roma nun tatsächlich triumphieren wird. Zehnmal ist Alfonso Cuaróns Schwarz-Weiß-Film über seine Kindheit in Mexiko-Stadt nominiert, in vielen wichtigen Kategorien gilt er als Favorit.

Wie ernst das Streamingportal die Auszeichnung selbst nimmt, lässt sich in Zahlen messen. 15 Millionen Dollar hat der Film gekostet, fast doppelt so viel soll für die Werbung zur Verfügung stehen. Netflix hat für die Organisation der Oscar-Kampagne mit Lisa Taback eine erfahrene Hollywood-Strategin an Bord geholt, die schon Harvey Weinstein zur Seite gestanden ist. Der Aufwand rund um einen eigens anberaumten "Roma Experience Day", bei dem es neben Gesprächsgelegenheiten mit Mitwirkenden und einer Kostümausstellung auch die Möglichkeit gab, sich selbst in einer Szene des Films einzupassen, hat angeblich selbst erfahrene Academy-Mitglieder verblüfft. Es ist wie in der Politik: Nur wer in den Wahlkampf investiert, wird am Ende belohnt.

Netflix und seine Strategie

Wird ein Sieg von Netflix alles verändern? Darüber herrscht Uneinigkeit. Allgemein geht man davon aus, dass sich der Strukturwandel im Distributionsbereich noch beschleunigen könnte. De facto ist Netflix als Produktionsfirma unter den Filmstudios bereits anerkannt. Ende Jänner wurde bekanntgegeben, dass das Unternehmen in die altehrwürdige Motion Picture Association of America aufgenommen werde. Für Netflix ist Roma ein trojanisches Pferd. Es bringt nicht nur wertvollen Imagegewinn, es ist auch Teil einer Strategie, um in andere Nischen einzubrechen und den Markt zu dynamisieren. Das könnte dazu führen, dass die Abstände in der Filmauswertung zwischen Kinos und Internet kürzer werden.

Netflix

In den USA beträgt dieses Fenster anders als in Europa ohnehin nur drei Monate – weil Netflix sich nicht daran hielt, haben sich viele Kinoketten geweigert, Roma zu zeigen. Für den österreichischen Kinobetreiber und Verleiher Michael Stejskal (Filmladen) war dies bei Roma kein Problem, weil er den Film als Spezialfall im Arthouse-Segment betrachtet: Er wollte schlichtweg den besten Film des Jahres auf der großen Leinwand präsentieren – und diese Strategie sei durchaus aufgegangen. Zugleich betont er, wie wichtig es sei, dass die Verwertungsfenster bleiben. "Boykotte würden ins Leere laufen", ist er überzeugt.

Scorsese kommt als Nächstes

Der weitere Nutzen eines Oscar-Regens: Netflix würde renommierte Filmschaffende noch leichter zur Zusammenarbeit gewinnen können. Die Konkurrenz schläft nicht, Apple, Warner Media und Disney starten demnächst Streamingangebote. Der nächste Prestigefilm von Netflix steht mit Martin Scorseses aufwendigem Mafiadrama The Irishman bereits fest.

Unterdessen kämpft der Oscar selbst um seine Strahlkraft. Nachdem Comedian Kevin Hart als Moderator wegen homophober Tweets zurücktreten musste, fand man keinen Ersatz – oder wollte auch keinen mehr finden. Denn keine Moderation zu haben spart Zeit, und zentrales Anliegen der Academy und von TV-Partner ABC ist es, die Dauer der Gala unter drei Stunden zu halten, damit die Quoten nicht einbrechen (2018 fielen sie um 20 Prozent). Auch die abstruse Idee der Verlegung von vier Kategorien in die Werbepause, von der man nach Protesten wieder Abstand nahm, verdankte sich dieser Suche nach Kürzung, ohne der Show an Substanz zu nehmen.

Nicht das einzige Hin und Her: Der geplante Oscar für den besten populären Film wurde auch wieder gestrichen. Hinter dieser Aktion konnte man schon die Verzweiflung durchhören, mit allen Mitteln ein jüngeres Publikum zu angeln. Nun findet sich mit Black Panther aber auch ohne solche Beihilfe erstmals ein Superheldenfilm unter den Anwärtern für den besten Film. Eher chancenlos, aber egal. Inklusion lautet das Zauberwort, "Filme, die uns verbinden, werden das große Thema der Show sein", sagte deren Produzentin Donna Gigliotti unlängst der New York Times. Nicht nur im Kino, sondern viel umfassender: "auf eine mitreißende, kulturelle Art". (Dominik Kamalzadeh, 23.2.2019)