2018 warb Bosch für eine neuartige Dieseltechnologie, die Abgaswerte drastisch senken soll. Vor fünf Jahren war man mit Volkswagen und Fiat noch anders unterwegs.

Foto: dpa

Der Österreichableger des Elektronikherstellers und Autozulieferers Bosch dürfte im Dieselabgasskandal eine wesentlich größere Rolle gespielt haben als gemeinhin bekannt. Die ab 2006 für – oder besser gesagt zusammen mit – Audi entwickelten Motorsteuerungs- systeme, die vom deutschen Kraftfahrtbundesamt 2016 als unzulässig qualifiziert wurden, sei zu maßgeblichen Teilen sogar in der Wiener Robert Bosch GmbH entwickelt worden. Das erfuhr DER STANDARD aus mit der Abgasmanipulation vertrauten Bosch- und VW-Kreisen.

2006 ist jenes Jahr, das die US-Umweltbehörden EPA und Carb laut dem US-Vergleich mit der Volkswagen AG als Keimzelle der großangelegten Abgasmanipulationen identifizierten. Auf die entscheidende Spur kamen diese dem Skandal, der allein in Europa elf Millionen Dieselfahrzeuge umfasst, in den Jahren 2014 und 2015. In der Folge kam es zum Vergleich der US-Behörden im Volumen von rund 16 Milliarden Dollar mit Volkswagen.

Tragende Rolle

Bosch habe, sagen nun Insider, die damals in die technische Entwicklung involviert waren, die sogenannte "Bedatung" der Systemfunktionalität des Steuerungsgeräts vorgenommen. Im Zuge einer technischen Bedatung bescheinigt ein Hersteller, dass Sensoren, Katalysatoren, Dieselpartikelfilter und andere Steuerungssysteme nicht nur ordnungsgemäß funktionierten, sondern auch den rechtlichen Vorgaben der Zulassungsbehörden entsprachen. Damit bekamen die Volkswagen-Ingenieure grünes Licht für die Funktionalität – und Bosch konnte die gewonnen Erkenntnisse samt Steuerungssoftware auch für andere Hersteller nutzen, beispielsweise FiatChrysler.

Kurze Wege, enge Bindung

Ein Indiz für die enge Einbindung: Als der Dieselskandal im September 2015 anlässlich des Frankfurter Automobilsalons aufgeflogen war, und auch bereits davor, als die US-Behörden die Kreise im Jahr 2014 immer enger gezogen hatten, seien die damaligen, auf der IBM-Software "Clearquest" basierenden Bosch-Computersysteme und -Prozessoren nicht nur in Stuttgart großflächig nach "High Emmi" und "Low Emmi" durchsucht worden, sondern insbesondere jene der Keimzelle in Wien. Aufzuspüren suchte man insbesondere die ursprünglich mit Audi (und später für und mit VW sowie dem von Volkswagen kontrollierten Ableger IAV) entwickelte Software für die Dieselsteuergerätegeneration MEDC17. Dabei geht es etwa um die "Software-Timer" der Prozessoren. Im Quellcode gesucht wurden unter anderem Zykluserkennungsmerkmale, also die Kontrolle der Timer-Zeiten und davon, wie lang die Timer laufen.

"Emmis" dringend gesucht

Die "Emmis", wie die konzerninternen Codewörter für "Emission" von Bosch-Ingenieuren genannt wurden, brauchte man einerseits, um mit deutschen und US-Behörden umfassend kooperieren zu können, was Bosch insbesondere seitens deutscher Ermittlungsbehörden attestiert und positiv angerechnet wird. In deutschen Justizkreisen gilt Bosch als heimlicher Kronzeuge, der maßgeblich zur Aufklärung der Causa beiträgt.

Das Aufspüren der Abgasnachbehandlungsprogramme war aber auch hinsichtlich der Sanierung der vom Abgasskandal betroffenen VW-, Audi, Skoda- und Seat-Dieselfahrzeuge unumgänglich. Dieses sogenannte Software-Update, mit dem Volkswagen die Abgasreinigung der Motorenreihe EA189 auf legale Beine stellen musste (andernfalls wäre die europaweite Typprüfgenehmigung für Millionen Diesel-Kfz perdu gewesen), wurde im Frühjahr 2016 gebaut.

Auf Verschwiegenheit bedacht

Von dem in Sachen Dieselgate auf Verschwiegenheit bedachten Stuttgarter Elektronikkonzern – er ist mit 78 Milliarden Euro Jahresumsatz und 400.000 Beschäftigten einer der weltgrößten Autozulieferer und Spezialist für Hydraulik und Steuerungsgeräte, gab es am Freitag keine Stellungnahme. Wie Volkswagen verglich sich auch die Stuttgarter Elektronikschmiede Bosch Mitte Jänner mit US-Behörden, US-Zivilklägern zu Dieselfahrzeugen und zwar gemeinsam mit FiatChrysler und Volkswagen – Der Standard berichtete. In Österreich ermittelt die Zentrale Staatsanwaltschaft für Wirtschafts- und Korruptionssachen gemäß Verbandsverantwortlichkeitsgesetz gegen Volkswagen und Bosch. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Kurzer Weg zum Weltauto

Die Kooperation bei der Abgasreinigung ab 2006 beschränkte sich, wie man weiß, nicht auf Audi. Im Zuge der US-Expansion des Wolfsburger "Weltauto"-Konzerns ab 2007 ("US' 2007") wurde das – so im US-Vergleich von VW nachzulesen – Motorsteuerungstool für VW-Modelle modifiziert, in die ebenfalls der Zwei-Liter-Dieselmotor EA189 verbaut war. Das bestätigen dem STANDARD mit Entwicklung und Verkauf von Steuerungssystemen bei Bosch befasste Involvierte.

Sie beschrieben die Entscheidungswege zwischen Plattformentwicklern und Funktionsverantwortlichen für Audi/VW-Kundenprojekte bei Bosch in Wien zu Audi Deutschland bis hin zum Technischen Verkauf & Applikationsabteilung von Bosch in Ingolstadt und zu VW Deutschland plus dem von VW kontrollierten Dienstleister IAV (Technischer Verkauf & Applikationen) als sehr direkt und kurz. (Luise Ungerboeck, 23.2.2019)