Immer mehr Chinesen erleben, so wie dieses Paar in Jiaxing, langjährige Hochzeitsjubiläen. Dem Staat macht die steigende Anzahl von Pensionisten aber auch Geldsorgen.

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Es gibt einen Bereich, in dem die mächtige Volksrepublik China noch immer ein Entwicklungsland ist: Wenn es um qualifizierte Pflege und um Altern in Würde geht, hinkt Peking noch immer weit hinterher. Dabei hat sich das Land gewissermaßen selbst eine Falle gestellt. Viel zu spät erst hat Chinas Führung bemerkt, wie sie die Vergreisung der eigenen Gesellschaft beschleunigte: durch den wirtschaftlichen Fortschritt und durch die 30 Jahre lang erzwungene Einkindpolitik.

Die Zahl an Pensionisten ist in China zuletzt doppelt so schnell gewachsen wie im Weltdurchschnitt, schreibt der "Jahresbericht 2018 zur Gesundheit alter Menschen in China", den die Akademie für Sozialwissenschaften veröffentlicht hat.

Das ist, zumindest für China, ein neues Phänomen: Als Spätankömmling war die Volksrepublik erst Anfang des 21. Jahrhunderts mit zehn Prozent Pensionistenanteil in die Altengesellschaft eingestiegen. Ende 2017 zählte Peking schon 241 Millionen Chinesen, oder 17,3 Prozent, die über 60 Jahre alt waren. Und nun soll sich die Spirale noch schneller weiterdrehen: 2025 sollen es 300 Millionen oder jeder Fünfte sein. Spätestens 2050 werde China mit einer Altenrate von 35,1 Prozent die reichen Industriestaaten überholt haben und das größte Heer an Pensionären in der Welt stellen.

Ehrfurcht vor dem Alter

Mittlerweile ist die KP alarmiert. Partei- und Staatschef Xi Jinping sprach Chinas kommendes Problem mit seinen Alten auf dem 19. Parteitag im Herbst 2017 erstmals, dafür aber gleich zweifach an. Er forderte einen systematischen Ausbau der Altenpflege, die mit medizinischer Betreuung verbunden sein müsse. Zudem verlangte Xi, selbst mittlerweile 65 Lenze alt, nach einem gesellschaftlichen Umfeld der Ehrfurcht vor dem Alter und der Würdigung erbrachter Lebensleistungen – ein konfuzianistisches Ideal. Xi versprach auch, die rudimentären Pflegeversicherungen für die Bürger in Stadt und Land zu vervollkommnen und "rasch zu vereinheitlichen".

Die Bürde jedenfalls wächst, und auch der Staat kann sich nicht allein auf "Ehrfurcht und Würdigung" verlassen, sondern muss in die Kasse greifen. Das legt auch der aktuelle Bericht zu den Sozialversicherungen 2019 nahe, der vergangene Woche erschienen ist. Das Papier warnte dramatisch vor einem Pensionsnotstand. Schon 2015 meldeten sechs von 32 Provinzen weniger Pensionseinnahmen als -Ausgaben. 2018 bis 2020 werden es "13 bis 14 Provinzen sein". Pekings Traumavorstellung, schneller alt als reich zu werden, wird Realität und treibt die Staatsschulden nach oben. Die Haushaltskrise ist ein brisantes Thema, das auch den im März tagenden Volkskongress umtreiben wird.

Kaum ausgebildete Pfleger

Doch es geht nicht nur ums Geld, sondern auch darum, was sich Chinas Bürger mittlerweile von der fast allmächtig wirkenden Kommunistischen Partei erwarten: In Würde alt werden ist Teil der neuen sozialen Frage in China geworden. 2016 gab es 40,6 Millionen chinesische Bürger, die nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr für sich sorgen konnten, darunter Millionen an Demenzkranken. Der Bericht zur Altengesundheit zitiert Studien, die diese Zahlen für 2020 um mehr als die Hälfte hochrechnen. "Wir bräuchten 2020 demnach 6,57 bis 7,31 Millionen Menschen, die in der Pflege tätig sind. Derzeit gibt es in China nur rund zwei Millionen." Darunter seien 300.000 qualifizierte Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Der Rest sei provisorisches Personal.

Chinas Reform- und Entwicklungskommission NDRC – die oberste Genehmigungsbehörde des Landes – will nun den gesamten Bereich der Altenpflege für private chinesische und ausländische Investoren öffnen. Allerdings wird die Branche wohl weiter ein Nischengeschäft für Ausländer bleiben: Die wenigsten alten Chinesen haben die dafür nötigen Geldmittel zu Verfügung. (Johnny Erling aus Peking, 4.3.2019)