Für eine Ausstellung von und über Kriegsfotografinnen könnte das erste Bild kaum passender gewählt sein. Es zeigt eine schwarzgekleidete Frau im Profil an einem Strand. Sie lehnt sich weit nach unten, ihr rechter Arm stützt sich auf ihr Knie, und ihr Blick scheint konzentriert in die Ferne gerichtet zu sein.

Zärtlich und grausam zugleich: Fotografie aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936) von Gerda Taro.
Foto: Gerda Taro, International Center of Photography, New York

Die Körperhaltung könnte zu einer gymnastischen Übung gehören, die Ästhetik des Bildes und die schicken Damenschuhe mit Trichterabsatz hingegen zu einem Modemagazin – wäre da nicht der Revolver, den die junge Frau in der Hand hält und mit dem sie auf etwas in der Ferne zielt.

Das Bild wirft unweigerlich Fragen auf, denn es ist zärtlich und grausam zugleich, es spielt mit den Erwartungen an das Medium Fotografie im Allgemeinen und an die Kriegsfotografie im Besonderen genauso wie mit der Rolle, die eine Frau zu haben hat – im Krieg wie im Zivilleben.

Die Aufnahme stammt von Gerda Taro, und die Frau auf ihr ist eine republikanische Milizionärin im spanischen Bürgerkrieg 1936, die am Strand ausgebildet wird. Taro gilt als erste Frau, die an einer Kriegsfront fotografiert hat. Und die auch im Einsatz gestorben ist: Im Juli 1937, kurz vor ihrem 27. Geburtstag, wurde sie versehentlich von einem Panzer überrollt. Heute ist Taro weitgehend in Vergessenheit geraten. Genauso wie der breiten Öffentlichkeit kaum bewusst ist, dass es überhaupt weibliche Kriegsfotografen gibt. Kriege werden von Männern dominiert – egal ob sie Waffen oder Kameras tragen.

Nicaragua, 1978: Susan Meiselas macht diese Aufnahme in Ciudad Sandino, als alle Reisenden, ob in Bussen, Lkws, Pkws und selbst Fußgänger, durchsucht werden.
Foto: ©Susan Meiselas / Magnum Photos

Kaum Unterschiede

Die Ausstellung Fotografinnen an der Front im Düsseldorfer Museum Kunstpalast will das ändern und stellt acht dieser Kriegsberichterstatterinnen und ihre Arbeiten aus den letzten 80 Jahren exemplarisch vor. Dabei geht es weniger um die Unterschiede zu den männlichen Kollegen als vielmehr um die Tatsache, dass Frauen den Job genauso gut machen können. Mindestens. Denn wenn es einen entscheidenden Unterschied zwischen Fotografen und Fotografinnen gibt, dann den, dass Frauen häufiger uneingeschränkten Zutritt zu Familien und Betroffenen bekommen, dass andere Frauen ihnen eher vertrauen und dass sie mehr Bewegungsfreiheiten genießen, weil sie von Männern oft nicht ernst genommen werden.

Die wohl bekannteste und schillerndste Kriegsfotografin war das ehemalige Model Lee Miller. Sie war eine von vier amerikanischen Fotoreporterinnen im Zweiten Weltkrieg und alles andere als eine neutrale Berichterstatterin. In ihren Fotos und Texten, die sie exklusiv im Modemagazin Vogue veröffentlichte, sind ihr Hass und ihre Verachtung deutlich herauszulesen: "Ich missgönne den Deutschen jeden Grashalm, jede Kirsche im Vorratsschrank ihrer sparsam geführten Haushalte, jede Furche Acker und jedes unversehrte Dach."

Nach der Einnahme Leipzigs durch amerikanische Soldaten 1945 begingen Bürgermeister Kurt Lisso, seine Frau und seine Tochter (Bild) Suizid. Lee Miller dokumentierte das Szenario.
Foto: Lee Miller Archiv

Miller fotografierte nach der Landung der Alliierten in der Normandie und in den Vernichtungslagern Dachau und Buchenwald. Tote alliierte Soldaten sucht man auf ihren Bildern hingegen vergeblich.

Abenteuerlust und Neugier

Ganz anders wirken da die Fotografien der Französin Catherine Leroy 20 Jahre später. Angetrieben von Abenteuerlust und Neugier, aber ohne fotografische Ausbildung oder den Auftrag eines Magazins in der Tasche flog sie 1966 mit nur 21 Jahren nach Saigon, um über den Vietnamkrieg zu berichten. Schnell baute sie sich ein Netzwerk auf, lieferte Bilder an die Associated Press und veröffentlichte ihre Fotos in der Paris Match und Life.

Catherine Leroy fotografierte im Vietnamkrieg diesen US-Marinesanitäter neben einem sterbenden US-Marine.
Foto: Dotation Catherine Leroy

Ihre Aufnahmen haben manchmal die Anmutung von Filmstills, und als Fotografin war sie auch in Gefechten sehr oft sehr nah dabei. Und noch wichtiger: Sie zeigt das Sterben der amerikanischen Soldaten. Als sie vom nordvietnamesischen Militär gefangen genommen wird, handelt sie ihre eigene Freilassung aus. Als Gegenleistung veröffentlicht sie Fotos von ihnen und stellt die Nordvietnamesen als den Amerikanern militärisch ebenbürtige Gegner dar.

Die Ausstellung endet schließlich mit Arbeiten der 2014 in Afghanistan erschossenen Anja Niedringhaus. Sie fotografierte fünf Jahre lang im jugoslawischen Bürgerkrieg, aber auch im Irak, in Gaza und Libyen. 2005 erhielt sie als erste deutsche Fotografin den Pulitzerpreis. Wer sich noch weiter speziell mit ihren Arbeiten beschäftigen will, dem sei schon jetzt die großangelegte Retrospektive am 29. März im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln empfohlen. (Damian Zimmermann, 14.3.2019)

Ausstellung "Fotografinnen an der Front" im Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 10. Juni

Die 2014 in Afghanistan erschossene Fotografin Anja Niedringhaus nahm 2010 südwestlich von Kandahar diese Szene auf: Afghanische Männer auf einem Motorrad passieren kanadische Soldaten des Royal Canadian Regiment.
Foto: Kunstpalast, Düsseldorf © picture alliance / AP Images
Françoise Demulder: Das Massaker von Karantina, Beirut, Libanon, 1976
Foto: © Succession Françoise Demulder / Roger-Viollet
Christine Spengler Nouenna, eine Kämpferin der Volksfront Polisario; Westsahara, 1976
Foto: © Christine Spengler/Sygma/Corb