Mit einer 2:4-Pleite gegen Israel verbesserte die österreichische Nationalmannschaft ihre Chancen auf die EM-Qualifikation nicht gerade. Optimismus und Freude hingegen in der israelischen Mannschaft. Der Soziologe Natan Sznaider lobt im Gastkommentar die Spielerauswahl des Trainers, Andreas Herzog, und verweist auf eine politische Komponente.

Am Sonntag hat die israelische Nationalmannschaft Österreich nach einem großartigen Spiel 4:2 besiegt. Es besteht wieder Hoffnung, dass Israel sich dieses Mal für die bevorstehende Europameisterschaft qualifizieren wird. Der israelische Hoffnungsträger ist Andi Herzog, der seit August 2018 die israelische Nationalmannschaft mit seinem österreichischen Team betreut. Jener Andi Herzog, der als österreichischer Nationalspieler im Oktober 2001 mit seinem Tor Israels Hoffnungen zerstörte.

Seit Herzog die Mannschaft trainiert, ist Israel ein besseres Team. Das Team Herzog weiß, was es tut. Daran besteht kein Zweifel. Aber mehr steht im wahrsten Sinne auf dem Spiel. Seit Herzog die Mannschaft trainiert, spielen mehr Nichtjuden in der Nationalmannschaft des jüdischen Staates denn je zuvor. Manchmal waren es sechs, mit einem nichtjüdischen Kapitän, am Sonntag waren es vier: zwei arabische Spieler, darunter der Star von Red Bull Salzburg, Munas Dabbur, sowie ein tscherkessischer und ein drusischer Fußballer. Dabbur erzielte das vierte Tor der Israelis, ging in die Knie und machte allen Zuschauern klar, dass er Muslim ist. Auch singen die nichtjüdischen Spieler die Hymne nicht mit, die von der Zionssehnsucht des jüdischen Volkes handelt – und es ist den meisten Fußballfans egal, wie ihnen auch die muslimische Geste Dabburs egal ist.

Dabbur erzielte das vierte Tor für Israel.
Foto: AP/Ariel Schalit

Politische Fragen

Kann es sein, dass der Österreicher Herzog mit seinem israelischen Team das jüdische Selbstverständnis Israels untergräbt, und das in einer Zeit, wo die Regierungspartei als Wahlkampftaktik Angriffe auf die arabischen Bürger Israels für vollkommen legitim hält? Heute leben auf israelischem Gebiet etwa 1,7 Millionen Araber und stellen 21 Prozent der israelischen Staatsbürger. Und Staatsbürgerschaft bedeutet doch eigentlich formal gesehen Gleichheit. Das israelische Nationalstaatsgesetz, im Juli 2018 verabschiedet, stellt das infrage.

Herzog hat die Mannschaft drei Monate später übernommen. Hat ihm niemand von diesem Gesetz erzählt? In seiner ruhigen Art lässt er sich nicht auf politische Fragen ein. Er spricht Fußball und nur Fußball. Und der Erfolg gibt ihm recht. Solange die Mannschaft gut spielen wird, kann der österreichische Herzog sich über die israelische ethnische Politik stellen.

Trainer Herzog am Spielfeldrand.
Foto: AP/Ariel Schalit
Eran Zahavi und Teamspieler feiern eins der insgesamt vier Tore.
Foto: ap/Ariel Schalit

Neue Generation

Ethnisch und national gehört die arabische Bevölkerung Israels zu den Palästinensern, zugleich sind sie israelische Staatsbürger. Sie sind die wahren Außenseiter im zionistischen Projekt, da sie keinen symbolischen Bezug zum jüdischen Nationalstaat herstellen können. Sozial gibt es andere Tendenzen. Über die Jahre ist die arabische Bevölkerung Teil des israelischen Kollektivs geworden, das ständig den jüdischen Charakter des Staates herausfordert. Eine neue Generation von Arabern ist in Israel aufgewachsen. Eine Generation, die durch Israels Nähe zum Westen, durch das beste Bildungssystem im Nahen Osten, durch Israels demokratische Prinzipien zu einer ethnischen Gruppe heranwuchs, deren Mitglieder nicht mehr bereit sind, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Gerade im Fußball ist das klar, und Herzog hat das instinktiv mitbekommen. Er ignoriert in seiner ruhigen Art, dass das israelische Nationalteam normalerweise in Blau-Weiß spielt, den Farben der israelischen Flagge, eine explizit jüdische Symbolik mit Davidstern und den blauen Streifen, die für den Gebetsmantel stehen. Die israelische Hymne "Hatikwa" ("Hoffnung"), 1878 von Naftali Herz Imber verfasst, handelt von den nationalen Hoffnungen des jüdischen Volkes und beginnt mit den Worten: "Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Zion blickt ..." Es ist naturgemäß für einen arabischen Nationalspieler keineswegs eine Selbstverständlichkeit, über die jüdische Seele in seinem Herzen zu singen. Die israelische Nationalhymne mit ihren jüdischen Inhalten war und ist daher bis heute ein Stein des Anstoßes für viele arabische Bürger Israels.

Integrative Idylle

Es ist heute ganz normal, dass die nichtjüdischen Spieler diese Hymne nicht singen. Sie sind in erster Linie Fußballer, die Nationalmannschaft auch die Bühne, die sie für den internationalen Markt attraktiv machte. Die Identität als Fußballer ist hier stärker als die ethnische Identität. Fußball und die Tatsache, dass arabische Spieler die Nationalfarben tragen und die Hymne singen oder nicht, gilt für viele Israelis als Symbol, dass es möglich ist, gemeinsam und friedlich miteinander zu leben. Herzog macht es möglich, dass der Fußball tatsächlich gänzlich außerhalb des schwierigen Verhältnisses von Arabern und Juden stehen kann. Alle, die Fußball verfolgen, wissen, dass er natürlich nicht nur eine integrative Idylle ist. Aber er kann es sein. Fußball kann zu einem eigenen Raum werden, den man durchaus als "dritten Raum" bezeichnen kann, wo Unterdrücker und Unterdrückte eine gemeinsame Sprache und einen neutralen Ort finden können.

Fußball – ein neutraler Ort.
Foto: REUTERS/Ronen Zvulun

Andi Herzog, ohne es wohl wirklich zu wollen, hat Israel bewiesen, dass es möglich ist, die politisch, gesellschaftlich und kulturell gewaltvollen Tendenzen zu unterlaufen und andere Bereiche zu schaffen, wie das zum Beispiel beim Fußball der Fall ist. Dafür muss man wohl aus Österreich oder vom Mond kommen. Man kann ihm und der israelischen Mannschaft gerade in diesen Zeiten viel Erfolg wünschen. (Natan Sznaider, 25.3.2019)