Dunkel ist der Blick durch das "Fenster zum Himmel" wie die Überbauung des Messeplatzes bei der Baselworld genannt wird. Auch der Ausblick für die Veranstaltung selbst ist getrübt.

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Der durch den Abgang der Swatch Group freigegebene Platz wurde genutzt, um die Halle 1 aufzulockern.

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Uhrenmarken wie Patek Philippe oder Rolex sind nach wie vor die Zugpferde der Baselworld.

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Deren Stände gleichen mehrstöckigen Palästen.

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Das Publikum konzentrierte sich vor allem in der prestigeträchtigen Halle 1, in die heuer auch kleinere Uhrenmarken zu finden waren.

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Im Vergleich zu den letzten Jahren, kam die größte Uhrenmesse der Welt mit etwas weniger "Lametta" aus.

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Dunkel ist der Blick durch das "Fenster zum Himmel" wie die Überbauung des Messeplatzes bei der Baselworld genannt wird. Auch der Ausblick für die Veranstaltung selbst ist getrübt.

Jemand, der die größte Uhrenmesse der Welt 2019 das erste Mal besucht hat, ist bestimmt beeindruckt: Die millionenteuren, mehrstöckigen Stände der globalen Marken, Palästen gleich, sind imponierend. Veteranen wird aufgefallen sein: "Früher war mehr Lametta." Tatsächlich steckt die Baselworld tief in der Krise. So verabschiedeten sich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr Marken von dieser "Leitmesse der Uhrenindustrie". Heuer waren 500 Aussteller vor Ort, 2018 waren es noch 650, vor zehn Jahren gar 2100.

Ins Hotel ausweichen

Besonders hart traf die MCH Group, Betreiber der Baselworld, der Abgang des größten Ausstellers, der Swatch Group, zu der Marken wie Omega und Tissot gehören. Analogien zur Cebit wurden gezogen: Als Apple ging, war es aus mit der Computermesse. Swatch-Group-Boss Nick Hayek hatte der Messeleitung zuvor die Rute ins Fenster gestellt: "Das Management ist der Ansicht, dass die Uhrenmarken zahlen sollen, aber nichts zu sagen haben." Die Messe sei "arrogant, versnobt, nicht in der Lage, etwas Neues zu tun".

Vor allem kleinere Aussteller wie Junghans fühlten sich lange Zeit nicht ernst genommen. Die Schwarzwälder verließen die Messe, aber nicht Basel: Man trifft seine Geschäftspartner in einem Hotel in der Nachbarschaft der Messe. Das ist billiger. Es geht gesellig und entspannt zu. Man sei mit dieser Lösung zufrieden, heißt es. Junghans-Chef Matthias Stotz: "Die Baselworld hat es über viele Jahre verabsäumt, der Branche – sowohl den Kunden als auch den Ausstellern – zuzuhören."

Köpferollen

Der Abgang der Swatch Group löste ein Köpferollen aus. Die MCH tauschte die Führungsriege aus, Michel Loris -Melikoff soll nun als neuer Leiter den Karren aus dem Dreck ziehen. Eine undankbare Aufgabe. Denn Nick Hayek – und er ist nicht der Einzige – hält das Prinzip Messe für überholt. Man brauche sie nicht mehr: "Wir haben Filialen in der ganzen Welt und treffen die Händler dort während des ganzen Jahres, um ihnen unsere Neuheiten zu zeigen."

Verschärft wird die Angelegenheit durch den digitalen Strukturwandel, der langsam, aber sicher auch auf die konservative Uhrenbranche durchschlägt. Neuheiten lassen sich über Social Media und Co weitaus schneller bewerben (auch erwerben), es brauche keine Branchentreffs mehr, um einmal im Jahr die neuesten Zeitmesser zu präsentieren, heißt es vonseiten der Kritiker.

Direkt beim Kunden

Manche Hersteller setzen bereits auf eigene Veranstaltungen, um ihre Produkte zu vermarkten. Eine Tendenz, die sogar der erfolgreiche Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf zu spüren bekommt. Als exklusive Konkurrenzveranstaltung zu Basel ins Leben gerufen, muss auch er den Weggang einiger Marken hinnehmen, darunter Audemars Piguet. Die unabhängige Marke sucht nun den direkten Kontakt zur betuchten Kundschaft.

Loris-Melikoff bemühte sich, die Termine der beiden Veranstaltungen zusammenzulegen. Mit Erfolg: 2020 wird dem Salon unmittelbar die Baselworld folgen. Besucher aus Übersee und Fernost brauchen dann nur noch ein Flug ticket in die Schweiz lösen, so das Argument. Dass der Salon, im Wesentlichen von Marken des Richemont-Konzerns bespielt, mitmacht, legt die Vermutung nahe, dass man Angst um den Nimbus des "Standorts Schweiz" als wichtigstes Uhrenland der Welt fürchtet.

Charmeoffensive

Als sofort wirksame Maßnahme wurde die Baselworld verkürzt, die Ausstellungsfläche geschrumpft. Alles spielt sich in Halle 1 ab. Die Lücke, die die Swatch-Marken hinterlassen haben, wurde mit einem Gastrobereich gefüllt. Die Halle wirkte dadurch luxuriöser und hatte mehr Charme – denn bis dahin hatte man diese Äußerlichkeiten den Ausstellern überlassen, die sich um den Rest der Halle nicht kümmerten. Kleinere Marken wurden aus der ungeliebten Halle 2 in die Halle 1 geholt und bekamen mehr Platz.

Sogar von Preisnachlässen war die Rede. Denn die Kosten für einen Stand sind exorbitant – die Swatch Group allein soll der Auftritt rund 45 Millionen Euro gekostet haben. Auch wenn dies übertrieben scheint, für Unmut sorgte das Preisniveau rund um die Messetage allemal. Aufschläge von mehreren Hundert Prozent für ein simples Hotelzimmer waren keine Seltenheit. Man forderte daher mehr Fairness von Gastronomen und Hoteliers, mit gemischtem Erfolg.

Millionenverluste

Messen müssen heute einen Mehrwert bieten, sind sich derweil die Experten einig. Fachvorträge, Podiumsdiskussionen und Dialog, aber auch Konfrontationen mit schwierigen Themen, kurz: Austausch, seien gefragt. Die Messeleitung scheint auf solche Inputs gehört zu haben. Heuer wurden neben Fashionshows auch Vorträge angeboten, ebenso wie "Afterwork"-Events. Das hat man sich wohl vom SIHH abgeschaut. Michel Loris -Melikoff denkt auch laut über einen weiteren Standort für die Baselworld nach. Vorbild dafür soll die Art Basel sein, die in Hongkong und Miami einen Ableger hat. Anders als die Baselworld ist sie profitabel. Während die Uhrenmesse Millionenverluste verbucht und damit die gesamte MCH Group (Vorjahresverlust rund 170 Millionen Euro) in Erklärungsnotstand bringt.

Große Player wie Rolex, Patek Philippe und die Marken des LVMH-Konzerns (u. a. Hublot, Zenith) halten der Baselworld derweil die Stange. Auch eine kleine Marke wie Meistersinger scheint zufrieden. Dort würde man bedauern, wenn es die Baselworld nicht mehr gebe. Sollte die Leitmesse der Uhrenbranche untergehen, dann wäre das bitter, so der Tenor. Denn das spricht für die Messe(n): Man trifft einander persönlich, man hat die (oft seltene) Gelegenheit, die Zeitmesser in Händen zu halten, fachzusimpeln, sich auszutauschen. Ohne Instagram-Filter. (Markus Böhm, RONDO, 30.3.2019)