"Madrid Central" steht auf dem Schild, das die Einfahrt zur Umweltzone markiert. Zu alte Kraftfahrzeuge müssen draußen bleiben.

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Die Kameradichte im Innenstadtbereich von Madrid ist im letzten halben Jahr auffallend gestiegen. Nicht weil die Touristen "aufrüsten", vielmehr hat die spanische Metropole selbst einen Hang zur Linse im öffentlichen Raum entwickelt. Der Hintergrund ist die schlechte Luftsituation. Die "Boina" – eine "Baskenmütze" aus Smog – macht den Madrilenen das Leben schwer.

Biegt man etwa in die Calle de Zorrilla ein, so sollten dem gemeinen Autofahrer zwei Dinge auffallen: eine Kamera in entsprechender Höhenlage und eine Bodenmarkierung mit der Aufschrift "Madrid Central". Man steht somit am Beginn der neuen Umweltzone – und wer nicht über ein entsprechendes Berechtigungspickerl verfügt, sollte schleunigst den Rückwärtsgang einlegen. Seit kurzem wird nämlich gestraft: 90 Euro werden fällig, wenn man illegal in das rund 472 Hektar große Sperrgebiet einfährt.

Konkret dürfen Dieselfahrzeuge mit einem Baujahr vor 2006 und Benziner mit einem Baujahr vor 2000 gar nicht mehr einfahren. Neuere Gefährten dürfen mit entsprechender Erlaubnis in die Zone, müssen aber unverzüglich ein Parkhaus ansteuern. Verboten ist der Durchzugsverkehr. Und nur Anrainer dürfen noch auf der Straße parken. Einfahrtsausnahmen gibt es für Bewohner, aber auch für deren Gäste – doch wenn die Oma vom Land auf eine Portion Tortillas in die Stadt kommt, muss jetzt um eine entsprechende Einfahrtsgenehmigung angesucht werden. Nicht betroffen von den rigorosen Luftschutzmaßnahmen der linksalternativen Stadtverwaltung unter Bürgermeisterin Manuela Carmena sind hingegen alle E-Fahrzeuge. Und nach gut einem halben Jahr scheint der Aufschrei der Wirtschaft weitgehend verstummt und die Akzeptanz der Umweltzone groß.

Erhöhung der Kaufkraft

"Unter den Geschäftsleuten war zu Beginn der Aufschrei groß. Mittlerweile sind die positiven Auswirkungen spürbar. Nicht nur die Luftqualität ist besser, auch die innerstädtische Kaufkraft hat spürbar angezogen", erzählt Monika Wall vom Außenwirtschaftscenter der Wirtschaftskammer.

Zufriedenheit herrscht aber auch im Palacio de Cibeles. Den massiven Gegenwind der letzten Monate scheint die Umweltstadträtin Inés Sabanés auf den ersten Blick gut überstanden zu haben. Und die Kampfeslust für ein besseres Madrid scheint ungebrochen. Sabanés will die Stadt lebenswerter machen, sauberer und grüner – und vor allem den Bewohnern Madrid zurückgeben: "Es gibt keine Alternative dazu. Es ist die Aufgabe der Politik, auf die Gesundheit der Menschen zu schauen. Und da war es angesichts der schlechten Luft höchste Zeit zu handeln." Hinzu kommt der Druck der EU-Kommission, die ob der konstanten Überschreitungen bereits ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet hat.

30 Punkte

Geworden ist es letztlich ein Maßnahmenpaket mit 30 Punkten: So soll etwa, neben der Umweltzone, die städtische Fahrzeugflotte sukzessive auf E-Mobilität umgerüstet werden, der E-Bike-Fuhrpark wurde ausgebaut, Pendlerparkplätze am Stadtrand errichtet. Und man hat an der Schlagader Madrids einen erfolgreichen Eingriff durchgeführt. Bis zu 50.000 Fahrzeuge donnerten bis vor gut einem halben Jahr täglich über die Gran Via. Doch mit der Verbreiterung der Gehsteige wurde der Verkehr deutlich zurückgedrängt und neuer Raum geschaffen. Wo einst der Auspuff röhrte, wachsen heute Bäume.

"Die Lebensqualität ist enorm gestiegen", freut sich Petra Pimminger. Die gebürtige Oberösterreicherin lebt seit gut zwanzig Jahren in Madrid und ist als Stadtführerin und Übersetzerin tätig. Pimmingers Wohnung liegt in der Umweltzone: "Es ist jetzt ein Traum. Ich kann wieder auf den Balkon sitzen, ohne zu glauben, ich wohne neben der Autobahn. Der Lärm ist weg, die Lebensqualität zurück."

Sichtlich begeistert vom spanischen Umweltengagement zeigte sich im Zuge einer Kurzvisite auch Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudi Anschober. Für den Grünen-Politiker gilt es, die schlechte Luftsituation in der Heimat – konkret etwa in Linz – künftig in den Griff zu bekommen. "Die Stadtregierung Madrids macht es vor: Mit Mut und entsprechend weitsichtiger Planung bringen Maßnahmen zur Verbesserung der Luftgüte gesundheitliche und umweltpolitische Vorteile", sagt Anschober.

Feinstaub im Griff

An eine Umweltzone in heimischen Gefilden denkt der Grünen-Politiker im Moment dennoch nicht. In Oberösterreich sei es bereits gelungen, die Feinstaubproblematik "weitgehend" zu entschärfen. Zudem habe man gemeinsam mir der Stadt Linz ein Maßnahmenpaket erarbeitet. Darin enthalten sind etwa die Errichtung sogenannter Busschleusen und eine Öffi-Ausbau-Offensive. Zudem sind Anschober veraltete Taximodelle ein Dorn im Auge. "Erst wenn all diese Maßnahmen nicht greifen, wird die Schaffung einer Umweltzone angedacht." (Markus Rohrhofer aus Madrid, 28.3.2019)