Die Europäische Zentralbank "klaut" den Sparern das Geld: Mit dieser Schlagzeile hat die deutsche "Bild"-Zeitung am Wochenende wieder ihre Leser erfreut. Woher die Wut kommt? Die Zentralbank hat nicht nur die Leitzinsen auf null gesenkt. Sie hat auch hunderte Milliarden Euro in den Markt gepumpt und damit die Zinsen im Euroraum weiter gedrückt. Wie sieht EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger – selbst eine Deutsche – diese Kritik?

STANDARD: Klären Sie uns auf: Stiehlt die EZB den Sparern wirklich die Zinsen?

Lautenschläger: Ich habe Verständnis dafür, dass sich Menschen Sorgen machen: Wer sein Geld auf ein Sparbuch legt, bekommt derzeit in der Tat nur extrem niedrige Zinsen. Aber richtig ist doch auch: Menschen können nur sparen, wenn sie einen Arbeitsplatz haben und genug Geld verdienen. Unsere Geldpolitik hat einen wichtigen Beitrag zu mehr Beschäftigung und Lohnwachstum geleistet. Zudem gibt es nicht nur Sparer, sondern auch Unternehmer und Häuslbauer, die von niedrigen Zinsen profitieren. Die Frage, die wir uns also stellen müssen, lautet: Hätte die EZB bestimmte Maßnahmen in der Vergangenheit nicht ergriffen, wie sähe die Situation heute aus?

STANDARD: Wie lautet Ihre Antwort?

Lautenschläger: Es bestand ein hohes Deflationsrisiko im Euroraum. Deflation hätte bedeutet, dass Preise fallen und Menschen deshalb mit ihren Kaufentscheidungen abwarten, weil sie mit noch tieferen Preisen rechnen. Gleichzeitig hätten Unternehmen weniger investiert. Jobs wären abgebaut worden. Das ist ein Teufelskreis. Deshalb war es absolut richtig, die Zinsen zu senken, um dieser Gefahr entgegenzuwirken und die Geldpolitik insgesamt zu lockern, damit wir eine Inflationsrate von unter, aber nahe zwei Prozent erreichen.

STANDARD: Die EZB hat Staatsanleihen und andere Wertpapiere für 2,6 Billionen Euro gekauft. Die Zinsen liegen seit Jahren bei null. All das wurde laut offizieller Begründung gemacht, damit die Inflationsrate steigt. Doch die EZB verfehlt ihr Ziel seit Jahren. Wozu also die Programme?

Lautenschläger: Wie gesagt: Wir mussten auf das bestehende Deflationsrisiko reagieren; und wir sind unserem Ziel nähergekommen, mittelfristig eine angemessene Preissteigerung zu erhalten. Unsere Aktionen haben Wirkung gezeigt: Die Kreditvergabe an die Haushalte wurde ebenso angekurbelt wie jene an die Unternehmen. Damit ist die Investitionsbereitschaft insgesamt gestiegen. Sie können auch an den Abschlüssen bei den Lohnverhandlungen erkennen, dass sich unsere Maßnahmen auswirken: Das Lohnwachstum in der Eurozone lag zuletzt bei über zwei Prozent, in Deutschland ist es sogar noch etwas höher. Das wird dazu führen, dass die Preise steigen werden. Es geht allerdings langsamer, als wir uns das gedacht haben.

Lautenschläger: Erst wenn der Arbeitsmarkt wirklich leergefegt ist, beginnen die Löhne stärker zu steigen.
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STANDARD: Warum?

Lautenschläger: Das hat unter anderem mit der Konjunktur, aber auch mit dem Arbeitsmarkt zu tun. Was die Konjunktur angeht, so hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Rückschläge gegeben. Derzeit belasten geopolitische Unsicherheiten wie der Brexit und die Gefahr des Protektionismus das Konjunkturklima. Das sorgt auch dafür, dass die Inflationsentwicklung weiterhin verhalten ist. Zusätzlich hat es lange gedauert, bis sich die sinkende Arbeitslosigkeit in höheren Löhnen niederschlägt. Was unterschätzt wurde, ist, wie viele Menschen, die in der Krise ihre Jobs verloren hatten, sich gar nicht als arbeitslos meldeten. Als die Konjunktur angesprungen ist, haben sich diese Leute dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung gestellt: Sehr viele Menschen, die vor allem Teilzeit arbeiten, haben ihre Arbeitsstunden erhöht, als der Aufschwung da war. Aber erst wenn der Arbeitsmarkt wirklich leergefegt ist, beginnen die Löhne stärker zu steigen: Das erlebten wir zuletzt etwa in Deutschland.

STANDARD: Eine Kritik am EZB-Programm ist, dass damit die südlichen Krisenländer subventioniert werden. Ohne die EZB-Maßnahmen wäre Italien längst pleite.

Lautenschläger: Moment! Von den Maßnahmen haben alle profitiert. Die Ersparnis für die Steuerzahler durch die niedrigen Zinsen war nirgendwo so groß wie in Deutschland.

STANDARD: Aber die EZB finanziert hier über Umwege Staaten. Jeder Gläubiger, der in italienische oder spanische Staatsanleihen investiert, weiß, dass die EZB ihm diese Papiere später wieder abkauft.

Lautenschläger: Auch wenn ich nicht der stärkste Befürworter unserer Staatsanleihekäufe bin – weder über Umwege noch direkt finanzieren wir damit einzelne Staaten. Es geht darum, Preisstabilität zu gewährleisten. Indem wir Anleihen ankaufen, sinken die Zinssätze, und Kredite werden günstiger. Davon profitieren am meisten Haushalte und Unternehmen. Zudem wenden wir klare Kriterien dafür an, wann, welche und wie viele Staatsanleihen wir aufgekauft haben. Unsere Begrenzung sorgt dafür, dass der private Markt für Staatsanleihen bestehen geblieben ist. Dass der Markt nach wie vor relevant ist, können Sie auch daran sehen, wie unterschiedlich die Preise für deutsche, italienische und spanische Staatsanleihen sind.

STANDARD: Durch die niedrigen Zinsen kommen Unternehmen günstig an Kredite, die gar nicht mehr konkurrenzfähig sind und schon längst pleitegegangen wären. Diese Zombiefirmen binden Kapital und Arbeitnehmer. Das schadet doch der Wirtschaft.

Lautenschläger: Wir haben nur Unternehmensanleihen mit guter Kreditwürdigkeit gekauft. Tatsächlich hat dies vor allem die Finanzierungsbedingungen für die betreffenden Unternehmen, aber indirekt auch für die Firmen mit weniger guter Kreditwürdigkeit verbessert. Banken, die Firmen Kredite gewähren, sollen das damit einhergehende Risiko berücksichtigen; grundsätzlich gilt also: je höher das Risiko, desto teurer der Kredit. Zudem verlangt die europäische Bankenaufsicht mehr Kapital zur Abdeckung des Risikos und schaut sich die Standards bei der Kreditvergabe intensiv an. Und in der Tat: Nicht jeder Konzern in der Eurozone bekommt für fünf Jahre Geld für weniger als drei Prozent Zinsen. Die Unterschiede bestehen nicht nur zwischen Ländern, sondern auch zwischen Unternehmen innerhalb der Länder.

Die Europäische Zentralbank hat ihr Ziel trotz der ultralockeren Geldpolitik nicht erreicht. Die Inflation im Euroraum lag zuletzt bei 1,5 Prozent.
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STANDARD: International debattiert wird derzeit über die Rolle von Staatsschulden. Ein Argument, das öfter auftaucht, lautet: Die Bedeutung von Schulden wurde überschätzt. Große Länder mit eigenen Zentralbanken brauchen sich keine Gedanken über hohe Schulden zu machen. Was halten Sie davon?

Lautenschläger: Im Euroraum ist das schon rein rechtlich nicht möglich: Wir haben Defizit- und Schuldenobergrenzen für die Mitgliedstaaten. Und die EZB darf auf dem Primärmarkt nicht Staatsanleihen aufkaufen, die andere Marktteilnehmer beispielsweise wegen Zweifeln an der Schuldentragfähigkeit eines Staates nicht mehr erwerben wollen. Das ist der rechtliche Rahmen.

STANDARD: Und was ist der wirtschaftliche?

Lautenschläger: Wir haben in der Eurokrise sehr gut gesehen, was geschieht, wenn sich einzelne Länder zu hoch verschulden. Diese Staaten verlieren das Vertrauen der Marktteilnehmer, bekommen keine Kredite mehr oder nur noch zu sehr hohen Zinsen. Ich finde zudem, dass wir darüber nachdenken müssen, welche Lasten wir zukünftigen Generationen überlassen: Man kann Schulden ja nicht ständig erhöhen, irgendwann muss auch zurückbezahlt werden.

STANDARD: Im Idealfall hinterlassen wir künftigen Generationen nicht nur Schulden, sondern auch damit geschaffene Werte.

Lautenschläger: Wenn Sie dauerhaft über Ihre Verhältnisse leben, kann das nicht funktionieren. Wenn eine Krise ausbricht, freuen wir uns über Länder, die Puffer haben, um antizyklisch zu investieren und das Wachstum ankurbeln. Diesen Puffer hat nur, wer davor vernünftig gewirtschaftet hat. (András Szigetvari, 1.4.2019)