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Michael Jackson, der "King of Pop".

Foto: Reuters, Stefan Wermuth

München – Das Denkmal für Michael Jackson in München spricht eine deutliche Sprache: "Innocent" steht auf Fotos des "King of Pop". Denn für viele Fans ist die Sache ganz klar: Die Missbrauchsvorwürfe gegen ihr Idol, die in der Doku "Leaving Neverland" erhoben werden, sind aus ihrer Sicht falsch. Am 6. April (20.15 Uhr) bringt ProSieben den Film von Regisseur Dan Reed ins deutschsprachige Fernsehen.

Darin erzählen James Safechuck (41) und Wade Robson (36) schockierend eindrucksvoll und in schwer zu ertragenen Details, wie der 2009 gestorbene Sänger sie als Kinder missbraucht haben soll. "Ich konnte entweder ihn anschauen wie er masturbierte – oder Peter Pan", sagt Robson in der Dokumentation. Angefangen habe der Missbrauch, als er erst sieben Jahre alt war.

"In Paris zeigte er mir, wie man masturbiert. Damit fing es an", sagt Safechuck. Und dass Jackson sich überall auf seiner berühmten Neverland Ranch an ihm vergangen haben soll. "Es klingt krank, aber es war wie in einer frischen Beziehung", sagt er. "Ich war richtig verliebt in ihn." Seine Hände zittern, wenn er erzählt, wie Jackson ihm Schmuck für sexuelle Gefälligkeiten geschenkt haben soll.

Muster

Beide Männer berichten von Eifersucht, weil sie gegen jüngere Kinder ausgetauscht worden sein sollen, als sie selbst älter wurden. Robsons Mutter spricht von einem "Muster": "Alle zwölf Monate hatte er einen neuen Jungen an seiner Seite."

"Über 'Leaving Neverland' spricht die Welt", sagt ProSieben-Chefredakteur Stefan Vaupel. "Kindesmissbrauch ist eins der größten gesellschaftlichen Tabu-Themen unserer Zeit. Kirche, Künstler und andere haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder das Schweigen ihrer Opfer erkauft. Deshalb zeigen wir 'Leaving Neverland'." Begleitet wird die US-Dokumentation am Samstagabend von einer eigenen ProSieben-Sendung. Opfer, Wegbegleiter, Fans, Freunde und Kritiker Jacksons sollen darin zu Wort kommen.

"Mir fehlen die Worte", sagt die Frau, die sich seit Jahren hingebungsvoll um das Münchner Jackson-Denkmal kümmert, ihren Namen aber nicht mehr in den Medien lesen will. Denn: "Mein Herz schlägt ganz anders als das der Presse." Eigentlich will sie gar nichts mehr dazu sagen – und spricht dann doch fast eine halbe Stunde ohne Pause. So wütend ist sie. Sie ist Vorsitzende eines Vereins, der sich "MJ's Legacy" nennt und für Michael Jacksons Erbe zuständig fühlt.

"Lynchjustiz der Medien"

Sie spricht von einer "Lynchjustiz der Medien". Wohin, so fragt sie, kommen wir denn, wenn über Schuld und Unschuld nicht mehr in Gerichtssälen geurteilt wird, sondern in Dokumentationen? Die Justiz, so betont der Fan, habe Jackson freigesprochen.

In Fan-Foren im Internet werden die Protagonisten des Films teils wüst beschimpft. Jacksons Unschuld ist dort keine Vermutung, sondern Gewissheit. In Köln demonstrierten Fans am Wochenende gegen die Ausstrahlung der Dokumentation.

Ein solches Verhalten sei ganz typisch, sagt der Würzburger Professor Harald Lange, Gründer des Instituts für Fankultur. "Fans beurteilen ihr Idol, ihren Star, ihre Mannschaft nicht rational, sondern aus einer emotionalen Perspektive heraus." Eine rationale Einschätzung könne man nicht erwarten. "Fans haben eine rosarote Brille auf – ähnlich wie in der Liebe."

Das liege auch daran, dass Fans sich derart mit ihrem Idol identifizieren, dass sie – sollten sie den Star in Zweifel ziehen – das auch mit sich selbst tun müssten, erläutert Lange. "Das ist nicht auszuhalten für echte Fans." Für den Wissenschafter ist es nur eine Frage der Zeit, bis im Fall Jackson globale Verschwörungstheorien ihre Runde machen werden. "Die werden mit sehr viel Engagement gestrickt", sagt Lange.

Die Vorsitzende von "MJ's Legacy" vermutet den ebenfalls wegen Missbrauchsvorwürfen in die Schlagzeilen geratenen Filmproduzenten Harvey Weinstein dahinter, dass die Vorwürfe gegen Jackson ein so großes mediales Echo erhalten. "Der hat ja großen Einfluss – und über den redet jetzt niemand mehr."

Wie umgehen mit den Vorwürfen?

Der Fall Jackson hat auch die Frage aufgeworfen, wie nach den neuen Vorwürfen umzugehen ist mit dem Werk des wahrscheinlich größten Popstars aller Zeiten. Der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, verteidigt die jüngst gestartete Ausstellung "Michael Jackson: On the Wall".

"Grade jetzt nach dem Bekanntwerden neuer Missbrauchsvorwürfe ist es wichtig, sich mit dem 'King of Pop' auseinanderzusetzen", sagt er.

Und auch die Macher des Jackson-Musicals "Beat it!" sehen keinen Grund für Konsequenzen. "Unsere Show ist ein eigenständiges Produkt, das sich wertungsfrei auf die Musik von Michael Jackson und die Kunstfigur 'Michael Jackson' konzentriert", sagte ein Sprecher. "Im Mittelpunkt steht neben der Musik der Musiker, nicht die private Person."

In München steht die Zukunft des Jackson-Denkmals nach Angaben der Regierung von Oberbayern nicht infrage. Die Regierung duldet es, dass der Fanverein das Orlando-di-Lasso-Denkmal zu einer Jackson-Pilgerstätte umfunktioniert hat. "Die Missbrauchsvorwürfe sind nach unserer Kenntnis nicht bestätigt", sagte ein Sprecher auf Anfrage Mitte März. "Wir sehen deshalb derzeit keine Veranlassung, die Duldung zu widerrufen." (APA, 2.4.2019)