Die Höhle von Denis im südsibirischen Altai-Gebirge, die bisher einzigen Fundstätte des Denisova-Menschen.
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Die jüngere Menschheitsgeschichte ist komplizierter, als man lange Zeit für möglich gehalten hatte. Bis vor wenigen Jahrzehnten war man davon ausgegangen, dass der moderne Mensch allenfalls zeitgleich mit dem Neandertaler koexistierte. Mittlerweile haben genetische und archäologische Befunde ergeben, dass Homo sapiens mit mehreren verwandten Spezies Kontakt hatte.

Eine davon wurde erst vor wenigen Jahren in der Höhle von Denis im südsibirischen Altai-Gebirge nahe der Grenze zu Kasachstan identifiziert: Der nach der Fundstätte benannte Denisova-Mensch basiert zwar nur auf wenigen Knochenfragmenten, seine Existenz als eigenständige Menschenspezies ist dennoch mittlerweile anerkannt. Die tatsächliche geografische Verbreitung dieser mysteriösen Menschenart war allerdings bisher ein Rätsel.

Späte Vermischung

Eine aktuelle genetische Studie bestätigt frühere Befunde, wonach der Denisova-Mensch nicht allein in Zentralasien zu Hause war, sondern auch in Südostasien – und sich dort womöglich sogar bis vor 15.000 Jahren mit dem modernen Menschen vermischt hat.

Bisherige Studien lassen wenig Zweifel daran, dass Homo sapiens nach seiner Auswanderung aus Afrika mit mehreren verwandten Menschenarten Nachkommen gezeugt hat. Die Hinweise in unserem Erbgut zeigen dies relativ eindeutig: Alle Menschen außerhalb von Afrika besitzen Neandertaler-DNA in ihrem Genom, viele Asiaten weisen zudem Denisova-Gene in ihrem Erbgut auf.

Umfangreiche Genanalysen

Bisher wurden für solche Genstudien allerdings nur ganz wenige Menschen berücksichtigt. Um zu einem aussagekräftigeren Bild zu gelangen, hat ein Team um Murray Cox von der Massey University in Neuseeland erstmals eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt, bei der ganze Genome von insgesamt 161 Menschen aus Indonesien und Papua-Neuguinea sequenziert wurden.

Die nun im Rahmen der American Association of Physical Anthropology Conference in Cleveland präsentierte Studie belegt, dass unsere Vorfahren aus diesem Teil der Erde mindestens mit zwei unterschiedlichen Populationen von Denisova-Menschen Nachkommen gezeugt haben – eine davon vor etwa 50.000 Jahren, was bereits zuvor bekannt war, und eine zweite vor bedeutend jüngerer Zeit. Die genetische Analyse lässt darauf schließen, dass diese zweite fruchtbare Zusammenkunft in einem Zeitraum von 50.000 bis 15.000 Jahren stattgefunden hat.

Die Ureinwohner von Papua-Neuguinea, hier ein Dorf in der East Sepik Provinz im Nordosten der Insel, verfügen in ihrem Genom nachweisbare Anteile der Denisova-DNA.
Foto: AP/National Science Foundation

Überraschende Diversität

"Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die zweite Vermischung eher in jüngerer Zeit passiert ist", sagt Cox. Die zuletzt von den Denisova-Menschen eingebrachten Gene seien demnach auf der Hauptinsel Papua-Neuguineas viel verbreiteter als bei Menschen der nahen Inseln. Dies würde darauf hindeuten, dass die Denisova-Gene dort ankamen, ehe sich die Menschen über die Inselwelt ausgebreitet haben.

Die neuen Daten zeigen zudem, dass die Denisova-Bevölkerung genetisch offenbar viel diverser war als bisher gedacht: Jene jüngere Gruppe, die sich mit den Vorfahren der heutigen Bewohner von Papua Neuguinea vereinigt hat, weist laut Cox große genetische Unterschiede zu den Denisova-Funden in Sibirien auf.

"Unsere Analyse liefert uns spannende Einblicke in die damaligen Muster menschlicher Diversität", erklärt der Anthropologe John Hawks von der University of Wisconsin-Madison. "Sie öffnet uns ein Fenster in eine Zeit, in der die menschliche Population bedeutend reichhaltiger war als heute." (Thomas Bergmayr, 3.4.2019)