Pünktlich zur Wahl läuft die Serie "Modi: Reise eines einfachen Mannes".

Foto: Reuters/Mascarenhas

Ethiraj hat "Boom" gegründet, das seit 2016 gegen Fake-News vorgeht.

Foto: Florian Guckelsberger

Facebook hat seinen War-Room eigentlich in Singapur aufgebaut. Wie viele Leute dort in Zeiten der "digitalen Kriegsführung", wie Govindraj Ethiraj es nennt, arbeiten – wer weiß das schon? Aber die Arbeit vor Ort in Indien – die macht er. In einer ehemaligen Textilfabrik mitten in Mumbai hat er ein Team von 15 Leuten versammelt, die sich dem Kampf gegen Fake-News verschrieben haben. Die Firma heißt Boom. Und Facebook ist einer ihrer Kunden.

Mammutprojekt

Denn wenn ab Donnerstag in Indien 900 Millionen Menschen wählen gehen, ist das nicht nur ein logistische Mammutprojekt für die größte Demokratie der Welt. Das Land kämpft seit Monaten mit immer mehr Fake-News. In kürzester Zeit sind die sozialen Netzwerke zu einer Hauptnachrichtenquelle von Millionen von Indern geworden. Wahlplakate sieht man in Mumbai kaum. Fast ein Viertel der Wähler, über 200 Millionen Menschen, sind auf Facebook, noch mehr tauschen sich auf Whatsapp aus. Und der Großteil der Fake-News kommt nicht von ausländischen Akteuren, sondern von den eigenen Politikern. Die sozialen Medien geraten dabei immer mehr unter Druck.

Slums und teure Mieten

"Wir sind einige der wenigen, die von Facebook bezahlt werden", schmunzelt Ethiraj. 50 bis 60 Postings am Tag soll Boom für Facebook überprüfen. In dem heruntergekommenen Betonklotz tragen die "cayvalas" wie eh und je Tabletts durch die Hitze. Bringen Tee zu den Schneidern, die es hier immer noch gibt. Im dritten Stock, ganz am Ende des langen Gangs, haben sich neben Textilarbeitern und Druckern die digitalen Faktenchecker für 1800 Dollar im Monat eingemietet. Mumbai beherbergt zwar die größten Slums der Welt, zählt aber gleichzeitig zu den Städten mit den teuersten Mietpreisen.

Die größten Wahlen in der Geschichte der Menschheit bringen Indien, das Land der Kontraste, an seine logistischen Grenzen. Einem Achtel der Weltbevölkerung faire Wahlen zu gewährleisten – das ist an einem einzigen Tag nicht möglich. Daher sind die Wahlgänge auf sieben Wahltage aufgeteilt, die sich über fünf Wochen erstrecken. Die indische Bahn stellt Sonderzüge bereit, um Equipment wie Wahlmaschinen und -personal über den Subkontinent zu transportieren.

Falschnachrichten mit Folgen

Die Fake-News drohen dem Fest der Demokratie aber einen Strich durch die Rechnung zu machen. Nach Whatsapp-Gerüchten über eine angebliche Kindesentführung hat 2017 ein Mob sieben Menschen getötet – die Vorwürfe stellten sich als erfunden heraus. Nach der Terrorattacke in Kaschmir im Februar kursierten Videos von einem indischen Luftangriff auf pakistanische Terrorcamps – eigentlich Bilder aus einem Shooter-Game. Geteilt werden diese "News" millionenfach, und sie heizen die Stimmung im Wahlkampf an.

Dass der amtierende Premierminister Narendra Modi das Handwerk der sozialen Medien beherrscht, hat er schon 2014 bewiesen, als ihm mit seiner hindunationalistischen BJP ein Erdrutschsieg gelang. Damals wurde er von Facebook beraten – noch heute ist Modi nach Barack Obama der Politiker mit den zweitmeisten Facebook-Followern weltweit. Und auch 2019 lässt er sich per eigenes "NamoTV" oder mit einem eigenen Bollywood-Film ("Modi") online streamen. "2014 war wie der Wahlkampf von Obama 2012", meint Ethiraj. 2019 sei wie der von Donald Trump. Denn die aggressive Fake-News-Politik habe überhandgenommen.

Modi-Sieg mit Verlusten erwartet

Modis Herausforderer Rahul Gandhi von der Traditionspartei Indian National Congress (INC) kann beim Kampf um die Netzsympathien nur schwer mithalten. Bezüglich Fake-News bleiben sich die zwei Hauptbewerber aber nichts schuldig. Die Fake-News-Agitatoren, die sie aufstöbern, haben sowohl Verbindungen zu BJP als auch zu INC, erzählt Ethiraj.

Die meisten Beobachter rechnen mit einem erneuten Sieg Modis – wenn auch mit Stimmenverlusten. Doch auch das muss Spekulation bleiben. Denn verlässliche Umfragen gibt es nicht. Um ein repräsentatives Sample zu erstellen, müssten 400.000 Menschen befragt werden, meint Reuben Abraham, Gründer des Mumbaier Thinktanks IDFC.

Neben den 15 Faktencheckern in Mumbai gibt es eine Handvoll ähnlicher Initiativen in Indien. Erfolg gegen Millionen von Klicks sei kurzfristig nicht zu erwarten, räumt Ethiraj ein, aber vielleicht langfristig. Nicht die Erfinder der Fake-News, sondern die Politiker mit zig Millionen Followern seien das Hauptproblem. Ihnen sei egal, ob das, was sie online teilen, wahr oder falsch ist. "Wir verwarnen sie immer wieder", erzählt Ethiraj. "Sie sind nun aber ein bisschen vorsichtiger, weil sie wissen: Es gibt Leute wie uns, die sie beobachten." (Anna Sawerthal aus Mumbai, 11.4.2019)