Folklore-Crossover und Bohème-Schick, damit traf Lena Hoschek den richtigen Nerv. Vor weiblichen Formen hat die steirische Modedesignerin keine Angst. Ganz im Gegenteil. Kurven gehören genauso wie Blümchenmuster, üppige Borten, Latex und Tattoos dazu. Sie schneidert für eine urbane Klientel weltweit, die das nötige Kleingeld hat und sich gerne dem Retrotrend verschreibt.

STANDARD: Wir sitzen hier inmitten von Streublumen, Lochstickereien, hübschen Borten, gediegenen Möbeln. Sie designen mittlerweile auch Bettzeug und Bergschuhe. Wie weit muss Styling gehen?

Lena Hoschek an ihrer Arbeitsstätte in Wien-Meidling. Hoschek (37) hasst moderne Dirndln und versteht sich in dieser Sache als "die totale Traditionalistin". Angetan hat es ihr die Sanduhr-Silhouette als Verkörperung des Urweiblichen. Sich weiblich anziehen, das ist für sie Feminismus.
Robert Newald

Hoschek: Man kann ganz nach dem Motto des Jugendstils alles designen – vom Straßenbild bis zum Fingernagel. Ich habe im September auch einen Babyladen aufgemacht. Als ich schwanger war, habe ich überall nach nachhaltiger Kindermode gesucht, die nicht so öko ausschaut. Es war nicht so einfach, etwas zu finden. Ich mag ja gerne, dass Kinder so ausschauen dürfen, wie Kinder früher ausgeschaut haben – und nicht so wie kleine Erwachsene.

STANDARD: Ihr 20 Monate alter Sohn lässt sich von Ihnen stylen?

Hoschek: Natürlich. Solange er nicht selbst das Sagen hat, mache ich auch keinen großen Unterschied, ob etwas zu schade ist für den Spielplatz oder nicht. Man kann sowieso alles waschen, ob Wolle, Kaschmir oder Baumwolle. Das Einzige, was mir auf keinen Fall ins Haus kommt, ist Plastik.

STANDARD: Warum nicht?

Hoschek: Ich bin ein Stofffetischist. Einen billigen Stoff kann ich nicht angreifen. Das ist etwas, was sich elektrisch auflädt, was zu miachtln anfängt. Ich habe einmal für Dekorationszwecke Seidenblumen aus China bestellt. Du machst es auf, und es stinkt nach purem Gift. Am liebsten würde ich das gleich wieder weghauen. Ich bin ja auch Erzeuger von Konsumwaren. Es wäre für mich fatal, wenn die Leute aufhören würden zu konsumieren. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass ein Produkt eine sehr lange Lebensdauer hat.

Borten und Stoffe, davon gibt es in Meidling viel.
Robert Newald

STANDARD: So wie früher. Dafür war Kleidung auch teuer. Man durfte deswegen die Sonntagskleider nur am Sonntag anziehen ...

Hoschek: ... um sie zu schonen, dann sind sie sehr vorsichtig gepflegt worden. Schuhe hat man geputzt. Heute putzt man keine Schuhe mehr. Ich glaube, die meisten Leute hauen die Schuhe weg, wenn sie einmal in den Regen gekommen sind. Wenn wundert es, wenn man gefütterte Stiefel für 19,90 Euro im Sale kaufen kann? Wir haben den schnellen Konsum am Anfang ganz geil gefunden, weil man sich, auch wenn man wenig Geld hatte, viel leisten konnte. Aber er hat die Gesellschaft versaut.

STANDARD: Sind wir nicht auch große Globalisierungsgewinner?

Hoschek: Ja, es hat auch eine große Freiheit bedeutet. Aber ich weiß nicht, ob wir zum Schluss die Gewinner sind. Die Arbeitsplätze gibt es nicht mehr bei uns. Ein Kleid von mir kostet ab 500 Euro, es wird alles in Europa produziert. Die Kalkulationen sind knapp, und viele Leute sagen, das ist so teuer. Aber das ist sonst fast nicht mehr herstellbar. Wenn der Konsument nicht bereit ist, diese Leistung mitzubezahlen, wird irgendwann einmal in unseren Gefilden nichts mehr übrig sein.

STANDARD: Andererseits produzieren Sie damit für eine Elite.

Hoschek: Ich finde nicht, dass es für die Elite ist. Meine Bänderröcke, das Erste, womit ich 2005 begonnen habe, haben damals 250 Euro gekostet. Jetzt sind wir bei 520 Euro angekommen, und ich habe nach wie vor Studentinnen, die sich das zum Geburtstag schenken lassen. Da wird zusammengezahlt oder gespart. Das sind so Wunschobjekte.

STANDARD: Die man sich als Studentin leisten kann, weil man um 29 Euro nach Spanien fliegt, oder?

Hoschek: Ja, ich finde auch, dass Fliegen viel zu billig ist. Darauf müsste es eine Verpestungssteuer geben, die der Konsument zu tragen hätte. Wenn es darum geht, etwas billig in Anspruch zu nehmen, sind nicht mehr alle umweltbewusst. Da dreht dir ein jeder den Rücken zu.

Rüschen, Ausschnitt, farbenfrohe Stoffe, figurbetonte Schnitte, berühmte Trägerinnen – im Bild: Brazilian Couture Dress: Hoscheks Mode kommt auch international an. Hier der Treppenaufgang zum Atelier in Wien.
Robert Newald

STANDARD: Apropros Rückenzudrehen. Ihre Mode erinnert an die Zeit, als Frauen die Heimchen am- Herd waren ...

Hoschek: ... das finde ich sehr lustig, weil ich immer einen ganz anderen feministischen Zugang zu dem Thema hatte. Stärker kann man zu sich als Frau gar nicht stehen, als sich weiblich anzuziehen. Schon als Kind hab ich nicht kapiert, warum Feministinnen sich wie Männer anziehen oder gebärden. Da habe ich schon gewusst, da ist irgendetwas komisch. Ich mag sehr gerne die Sanduhr-Silhouette. Für mich sagt sie das Urweibliche aus und hat auch einen sehr großen Sexappeal.

STANDARD: Dann wird es ihnen ja gut gefallen, dass jetzt darüber nachgedacht wird, ob Models ...

Hoschek: ... zu dick oder zu dünn sind? Das ist für den Endverbraucher eine Augenauswischerei. Die Luxusindustrie wird immer das Extrem nehmen, das Ideal, das jemand nur erreichen kann, wenn er fast nichts anderes macht im Leben außer ihm nachzueifern, mit Sport, mit Ernährung. Früher gab es dafür das Korsett.

STANDARD: In ein solches wollen Sie sich ja nicht zwingen lassen. Sie haben einmal gemeint, Ihr Ziel sei die Weltherrschaft. Was hätten Sie als Herrscherin zu bieten?

Hoschek: Ich finde es schon spannend, wenn einem ganz anders Gehör geschenkt wird. Das war auch ein Grund für mich, als Kind zu sagen: Ich will reich und berühmt werden. Weltherrschaft mit Augenzwinkern. Aber warum nicht? Wenn man erfolgreich ist, hat man ein bisschen mehr Macht.

STANDARD: Wofür nützen Sie sie?

Hoschek: Da kann man schon positive Sachen machen, nicht nur aufrufen "Kauft mein Graffel", sondern lasst bitte die Wiese stehen oder reißt die Thujenhecke aus. Ich finde das sehr lässig.

STANDARD: Was Ihr "Graffel" betrifft: Sie haben das Trachtengeschäft längst vom Rest des Labels getrennt. Das hat nicht viel geholfen. International sind Sie die Dirndlschneiderin. Die "New York Times" lobte aber Ihre Ironie.

Dunkle Wandvertäfelung, hohe Fensterfronten, gediegene Möbel, feine Seidentapeten, Hoschek legt nicht nur bei ihrer Mode Wert auf Stil.
Robert Newald

Hoschek: Die Amerikaner betrachten das Dirndl immer ein bisschen als Kostüm. Für mich ist es ein ganz normales Stück Österreich. Das man – wenn man damit aufgewachsen ist – Gott sei dank wieder tragen kann, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden.

STANDARD: Keine Angst, von der falschen Seite vereinnahmt zu werden? Vor Jahren hat H.-C. Strache ein Katalogbild mit Dirndl-Trägerin von Ihnen auf Facebook gepostet – mit dem Kommentar "Tradition schlägt jeden Trend".

Hoschek: Man muss klagen und sich öffentlich wehren. Habe ich gemacht. Mir fehlen einfach die Worte, wie dreist diese Leute sind.

STANDARD: Lassen Sie uns über Erfreuliches reden. Sie haben Erfolg. Ihr Rezept habe ich so verstanden: Einfach machen, jahrelang auf Urlaub verzichten, sonntags arbeiten, reinhackeln. Klingt nicht nach Work-Life-Balance.

Hoschek: Nein, absolut nicht. Ich bin eine Persönlichkeit, die dafür lebt, was sie macht. Ich definiere mich definitiv über meinen Beruf, den ich auch sehr, sehr liebe. Work-Life-Balance habe ich immer noch keine gefunden.

STANDARD: Ich höre oft, dass das Thema den Jungen sehr wichtig ist. Wie geht das, wenn man selbst so einen Biss hat?

Sie sei Stofffetischist, sagt Hoschek. "Einen billigen Stoff kann ich nicht angreifen. Das ist etwas, was sich elektrisch auflädt, was zu miachtln anfängt."
Foto: Robert Newald

Hoschek: Du musst schon auch wegstecken können, dass jemand ein viel gemütlicheres Leben hat als du – und nie vergessen, wofür du das alles machst. Ganz am Anfang war es für mich so hart zu akzeptieren, dass man jemanden dafür bezahlt, dass er etwas macht, das er nicht so gut kann als man selbst. Die verdienen ja am Anfang alle besser oder gleich viel wie ich.

STANDARD: Wie ticken Sie als Chefin und worauf legen Sie bei Ihren Mitarbeitern Wert?

Hoschek: Ich habe nie für Geld woanders gearbeitet. Ich hab dieses Feeling nie gehabt, einen Gehaltszettel zu bekommen für eine gewisse Stundenanzahl. Diese Denke liegt mir ja völlig fern. Und da sich in einen Mitarbeiter hineindenken zu können – denn wenn zwei Leute unterschiedlicher Auffassung sind, musst du das versuchen -, ich tu mir da heute noch schwer. Ich kann nicht Korinthen kacken, ich war noch nie so. Für mich zählt absolut Leidenschaft.

STANDARD: Ist es schwierig, solche Mitarbeiter zu finden?

Hoschek: Unter den jungen Leuten tu ich mir schwer. Also, die Arbeitsmoral ist teilweise schon im Keller. Es kommen wirklich Studenten, die noch nie vorher gearbeitet und eine unvorstellbare Vorstellung von einem Gehalt haben und wirklich auch wie Beamte arbeiten wollen. Die klassische Generation Y hat kein Leistungsprinzip. Es gibt aber Gott sei Dank immer wieder tolle Ausnahmen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Hoschek: Wir haben einen jungen Mann aus Syrien, der kommt von Jugend am Werk, und wir sind extrem happy mit ihm.

Beim Fotografieren macht sie auch gerne Faxen. Obwohl sie manches gar nicht so lustig findet. Zum Beispiel, dass dem Nachwuchs der Biss fehle.
Foto: Robert Newald

STANDARD: Vielen anderen fehlt der Biss?

Hoschek: Oft. Viele sind auch nicht kritikfähig, weil mit ihnen nie geschimpft wurde. Es ist ja schon in der Schule so: Wenn du einen Fünfer hast, bist du arm, und der Lehrer ist schuld. Nicht, dass du deinen Hintern nicht bewegt hast. Da ist wirklich was ganz verkehrt in der Grundausrüstung von Österreich. Das kann ich nicht einsehen.

STANDARD: Wo liegt der Hund begraben?

Hoschek: Ein bisserl Disziplin muss schon sein, wenn man etwas leisten will. Beim Sport haben es ja auch alle verstanden. Eine schöne Figur wollen viele haben und haben auch viel mehr als früher. Viele sind sehr sportlich und diszipliniert. Da weiß man ja auch, dass man sich vorher in den Arsch treten muss, damit man nachher zu einem Ergebnis kommt. Bei der Arbeit ist es nicht anders, sonst würde es ja Hobby heißen und nicht Arbeit, oder?(13.4.2019)