Chinas Überwachung der eigenen Bevölkerung sorgt immer wieder für internationale Kritik. Zuletzt etwa der Umgang mit der großteils muslimischen Minderheit der Uigiuren, die hauptsächlich in der autonomen Region Xinjiang im Nordwesten des Landes lebt. Rund eine Million Menschen dieser elf Millionen umfassenden Gruppe soll derzeit in Umerziehungslagern sitzen.

Doch nicht nur die Einschränkung der Meinungsfreiheit, insbesondere als regierungskritisch wahrgenommener Äußerungen, sorgt für Besorgnis. Wie die "New York Times" berichtet, nutzt der Staat Hightech-Methoden, um die Uiguren besonders penibel zu überwachen. Dabei soll Künstliche Intelligenz gezielt auf Basis ihres Aussehens nach Uiguren fahnden und minutiös dokumentieren, wann sie sich wo aufgehalten haben.

Landesweite Überwachung von Uiguren

Man macht sich dabei zunutze, dass die Vertreter dieser Volksgruppe sich äußerlich oft merkbar von der Bevölkerungsmehrheit der Han-Chinesen unterscheidet. Die Zuverlässigkeit steht allerdings in Zweifel. Einerseits ist bekannt, dass Gesichtserkennungssysteme bei dunklerer Haut oft versagen. Und viele in China installierte Kameras liefern keine ausreichende Bildqualität und Auflösung für einen solchen Zweck.

Eingesetzt wird die Technologie SenseNets, die vom Unternehmen SenseTime stammt, aber nicht nur in Xinjiang. Auch in anderen Provinzen wird es von Behörden installiert. Etwa auch in Fujian, das geografisch mehr oder weniger am "anderen Ende" des Landes liegt. Und in der zentralchinesischen Stadt Sanmenxia seien heuer allein in einem Monat schon 500.000 entsprechende Scans durchgeführt worden. Oft wird das System aus smarten Kameras allgemein als Mittel zur Identifizierung von Minderheiten bezeichnet, laut Insidern ist es aber ausschließlich gegen Uiguren gerichtet.

Eine Uigurin bei einer Protestkundgebung gegen die chinesische Politik in Istanbul.
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Start-ups liefern Behörden zu

Die Entwicklung zeigt ein anderes Phänomen auf. Immer mehr Start-ups versuchen, Technologie zu entwickeln, für die sich die staatlichen Überwacher interessieren. Die Firma Cloudwalk etwa wirbt ebenfalls damit, dass ihre Technologie "sensible Bevölkerungsgruppen" identifizieren kann. Lebt in der Nachbarschaft ein Uigure und plötzlich sind dort sechs Uiguren unterwegs, so kann es "sofort einen Alarm an die Exekutive schicken", heißt es auf der Website des Unternehmens.

Während Cloudwalk und Chinas Ministerium für öffentliche Sicherheit auf Anfragen nicht reagierten, erklärte man bei Sensetime, nicht gewusst zu haben, dass die eigene Technologie für die Verfolgung von Minderheiten genutzt werde. Man betonte, "um das Wohlergehen und die Sicherheit einzelner Menschen bemüht" zu sein und nicht "Gruppen überwachen" zu wollen.

Videoüberwachung ist in China weit verbreitet.
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Wirbel um Microsoft-Technologie

Auch US-Techriese Microsoft musste sich im Verlaufe dieser Causa bereits Kritik anhören, schreibt "Forbes". Denn SenseTime listete Microsoft auf seiner Website lange als Partner. Zudem soll das SenseNets-System Gebrauch von einem Clouddienst namens Azure Cognitive Services gemacht haben. Ein entsprechender Schlüssel war im Codearchiv der Entwickler auf Github – ebenfalls eine im Besitz von Microsoft stehende Plattform – aufgetaucht und erst nach Medienberichten entfernt worden.

Microsoft erklärte, über die Ausweisung als Partner nichts gewusst zu haben und laut eigenen Daten in den vergangenen fünf Jahren keine Form von Partnerschaft oder Geschäftsbeziehung zu SenseTime gehabt zu haben. Ob und in welchem Umfang die Azure Cognitive Services von SenseNets verwendet wurden, bleibt unklar.

Expansionspläne

Vorausgegangen war der Angelegenheit ein Datenleck bei SenseNets. Dieses legte Namen, Fotos, Ausweisnummern und andere sensible Daten von rund 2,5 Millionen Personen offen. Im Leak enthalten waren auch 6,5 Millionen GPS-Einträge, die Aufenthaltsorte der Betroffenen dokumentierten.

Die Verwendung von Kameras und KI für "ethnisches Profiling" könnte auch zu einem existenziellen Problem für demokratische Staaten werden, fürchtet der KI-Forscher Jonathan Frankle vom Massachussetts Institute of Technology (MIT). Denn manche der Firmen, die derlei Technologie anbieten, streben eine Expansion ins Ausland an. Damit wird ihre Technologie dann auch für andere Regierungen verfügbar. Das besorgt den Forscher, der das Potenzial für einen Überwachungsstaat sieht, der selbst jenen der ehemaligen UdSSR in den Schatten stellt: "Wir schlafwandeln in eine akute Krise." (red, 15.04.2019)