Der Dachstuhl des Gebäudes stürzte in sich zusammen.

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Über der Kathedrale waren gegen 19 Uhr dicke Rauchschwaden zu sehen.

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Das Feuer breitete sich zunächst aus.

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Der Brand brach um 18.50 Uhr im Dachstock aus und löste einen Alarm aus, der die Kirchenbesucher zum Verlassen des Gebäudes zwang. In dem Holzgebälk breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit aus. Die Feuerwehr, nur zehn Minuten nach Brandbeginn vor Ort, konnte nicht verhindern, dass der ganze Dachstock in Brand geriet, gefolgt von der 36 Meter hohen Turmspitze.

Es dauerte Stunden, bis die Pariser Feuerwehr vermelden konnte, das Feuer unter Kontrolle zu haben. "Das Feuer ist gelöscht", sagte ein Feuerwehrsprecher in der Nacht auf Dienstag der Zeitung "Le Figaro" (online). Es gebe aber noch einige Brandherde, die überwacht werden müssten.

Das Feuer in dem weltberühmten Bauwerk im Herzen der französischen Hauptstadt war am Montagabend aus bisher unbekannter Ursache ausgebrochen.

Die Flammen brachten den 93 Meter hohen Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert zum Einsturz und zerstörten weite Teile des Dachstuhls, wie die Feuerwehr mitteilte. Die Struktur des historischen Gebäudes wurde aber gerettet, ebenso die Fassade und die beiden Haupttürme.

"Es ist schrecklich", sagte die Vizebürgermeisterin des 4. und zuständigen Stadtbezirks, Anne Le Breton, in ein Mikrofon, um schluchzend anzufügen: "Das ist ein trauriger Tag für Paris. Was für ein trauriger Tag!" Unmittelbar danach fiel die dünne Turmspitze in das Flammenmeer.

Der Moment war umso dramatischer, da sich Präsident Emmanuel Macron um 20 Uhr an die Nation wenden wollte, um Maßnahmen zur Besänftigung der Gelbwestenkrise bekanntzugeben. Seine feierliche Ansprache war um 18.45 Uhr fertig aufgezeichnet worden, also nur fünf Minuten vor Brandbeginn. Kurz darauf zog das Präsidialamt die Rede zurück: Der Brand eines historischen Wahrzeichens wie Notre Dame machte die Ausstrahlung der seit Monaten mit Spannung erwarteten Rede im Nu hinfällig. Macron twitterte, er teile "die Emotion der Nation", und begab sich mit seiner Gattin Brigitte an den Ort des Geschehens in der Ile de la Cité, einer der beiden Inseln im Mittelpunkt der französischen Hauptstadt. "Ein Teil von uns brennt", bekannte er.

Sie habe zunächst Rauchwolken gesehen und nicht gewusst was passiert, schildert eine Augenzeugin dem ORF. Nach und nach seien immer mehr Teile des Gebäudes eingestürzt. Menschen singen und weinen.
ORF

Erst kurz vor Mitternacht gaben die Feuerwehrleute vorsichtig Entwarnung. Auch, wenn Vieles zerstört ist – die Struktur der Kirche und die beiden eckigen Türme, die über dem Eingang stehen, würden den Brand wohl überstehen. Kurz danach wandte sich auch Macron noch einmal an seine Landsleute: "Notre Dame, das ist unsere Geschichte, unsere Erzählung. Sie ist das Epizentrum unseres Lebens. Von Notre Dame aus werden alle Distanzen in ganz Frankreich gemessen", sagte er. Er wisse um den Schmerz, den das Feuer ausgelöst habe. "Wir haben diese Kathedrale 800 Jahre lang aufgebaut, und werden diese Kathedrale wieder aufbauen. Alle zusammen, es ist unser Projekt, unser Schicksal für die nächsten Jahre."

Die französische Milliardärsfamilie Pinault versprach umgehend 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau der von Flammen verwüsteten Kathedrale, wie Francois-Henri Pinault, der Chef des Luxusmodekonzerns Kering (Gucci, Saint Laurent, Balenciaga), in der Nacht auf Dienstag bekanntgab. Er und sein Vater Francois Pinault hätten beschlossen, 100 Millionen Euro aus der Familien-Finanzholding Artemis für den Wiederaufbau der weltberühmten Kathedrale bereitzustellen.

Dicke Rauchwolken

Auch sonst war in der Tat ein entsetzlicher Augenblick für Frankreich und die hunderten von Einwohner, die sich um die polizeilich gesperrte Stadtinsel scharten. Die gotische, aus dem 12. Jahrhundert stammende Kathedrale ist das meistbesuchte Monument von Paris, mit 13 Millionen Besuchern im Jahr. Die französische Bischofskonferenz bedauerte den Brand eines wichtigen Ortes des Christentums. Auch aus der jüdischen Gemeinde kam Anteilnahme: "Das unser aller Gebäude", hieß es.

Das gesamte Dach und der spitze Kirchturm sind eingestürzt, ein Feuerwehrmann wurde beim Einsatz verletzt, doch Struktur und Ecktürme der Kathedrale konnten vor der völligen Zerstörung gerettet werden.
DER STANDARD

Eine Frau, die am Ort des Geschehens mit dem STANDARD sprach, meinte, sie sei nicht als Schaulustige gekommen, sondern als Bürgerin von Paris. Derweil zogen von der Notre-Dame dicke Rauchwolken über die Stadt Richtung Eiffelturm.

In Paris versammeln sich Menschen, um gemeinsam zu beten.
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Aus der ganzen Welt trafen in der Folge alarmierte Reaktionen ein. Der amerikanische Präsident Donald Trump twitterte, es sei "so schrecklich", die brennende Kathedrale zu sehen. Er fragte, ob die Feuerwehr nicht "fliegende Wassertanks" einsetzen könnte, und fügte an: "Es muss schnell gehen!" Die Canadair-Flugzeuge, die in Frankreich für die Bekämpfung von Waldbränden verwendet werden, sind allerdings im Süden des Landes stationiert. Aus Feuerwehrkreisen verlautete außerdem, dass das keine gute Idee gewesen wäre. Ein Einsatz aus der Luft hätte das Gebäudeinnere massiv gefährdet und weitere Einstürze auslösen können. Zudem hätten die Tonnen von Wasser, die auf das Gotteshaus einstürzten, die Reliquien im Inneren der Kirche in schwere Mitleidenschaft gezogen.

Hölzerner Dachstuhl

Die Pariser Feuerwehr war zuerst mit vier Leiter-Fahrzeugen zur Stelle. Einer ihrer Sprecher deutete an, der Brand könnte durch Bauarbeiten ausgelöst worden sein. Der hölzerne Dachstuhl der Kathedrale wird seit einigen Tagen renoviert. Große Teile des imposanten Gotteshauses sind deshalb von Gerüsten umgeben. Es ist allerdings nicht so, dass die Feuerwehr durch die 500 Tonnen schweres Baugerüste behindert wurde. Mehr Mühe bekundeten die Löscheinheiten mit der Höhe des Brandherdes sowie der Entfernung, aus der sie wegen Bodenhindernissen den Brand bekämpfen mussten. Ein Feuerwehrmann sei bei der Rettungsaktion schwer verletzt worden, teilte derweil das Innenministerium mit.

Michel Izard, ein Journalist, der vergangene Woche eine Dokumentarfilm über die Renovierung von Teilen der Kathedrale gedreht und ausgestrahlt hatte, berichtete, es sei Ziel der Bauarbeiten gewesen, die 250 Jahre alte Turmspitze zu erneuern. Das habe ein riesiges Baugerüst erfordert. Das ganze Dachgerippe habe aus Eichenholz bestanden. Während des Brandes stachen die brennenden Balken wie ein Fischgerippe in den rot gefärbten Abendhimmel.

"Unschätzbares Kulturerbe"

Die Unesco, die in Paris ansässige Kulturorganisation der Uno, drückte in einem Communique ihre Solidarität mit den Einwohnern von Paris aus. In Gefahr sei ein "unschätzbares Kulturerbe" der Welt. Bauexperten rechneten damit, dass die gewaltige Flammen auf das darunter liegende Innere der Kathedrale übergreifen könnten. Eine ältere Frau, die regelmäßig die Sonntagsmesse in der Notre-Dame besuchte, erklärte mit Tränen in den Augen, als Katholikin verliere sie die Hoffnung nicht.

Die Bewohner der beiden Inseln wurden evakuiert. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo stelle den Evakuierten ein Auffanglager zur Verfügung. Bernard Lecomte, Spezialist für religiöse Bauten, erklärte, dass der Wiederaufbau Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, in Anspruch nehmen könnte. "Aber Notre-Dame wird wieder auferstehen", meinte er ebenso wie Macron. (Stefan Brändle aus Paris, 15.4.2019)