Notre-Dame ist nicht nur ein nationales Symbol, sondern auch ein integraler Teil der europäischen Geschichte.

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Hat der ORF versagt, weil er am Montagabend nicht sofort eine Sondersendung eingeschoben hat, um über das Feuer in Notre-Dame live zu berichten? Oder haben viel eher die Medien weltweit mit ihrer endlosen Berichterstattung über den Brand übertrieben – vor allem im Vergleich zu Terrorangriffen oder Naturkatastrophen mit unzähligen Toten? Schließlich wurde die Kathedrale nicht zerstört und nur ein Feuerwehrmann verletzt. Leben wir in einer Gesellschaft, in der alte Steingebäude wichtiger sind als Menschenleben?

Diese Fragen werden seit Tagen in den sozialen Medien sowie in Freundeskreisen diskutiert – und das mit gutem Grund. Denn sie berühren die Rolle des Journalismus in unserer Gesellschaft. Dessen Hauptaufgabe ist die sogenannte Gatekeeper-Funktion: Er entscheidet, welche Ereignisse, Tendenzen und Phänomene unsere Aufmerksamkeit verdienen. Dies ist keine objektive Wissenschaft und bietet daher stets Anlass für Kritik – und immer öfter auch heftige Attacken vonseiten jener, die hinter Schwerpunktsetzungen und Auslassungen eine politische Agenda vermuten.

Man kann die Arbeit der Medien auch anders sehen: Sie sind Dienstleister für ein mehr oder weniger anspruchsvolles Publikum. Sie stehen im harten Wettbewerb und versuchen daher, das zu bieten, was bei ihren Kunden auf Interesse stößt.

Dass das Feuer in Notre-Dame Millionen, ja Milliarden von Menschen aufgewühlt hat und daher umfassende Berichterstattung verdient, daran gibt es keine Zweifel. Der Brand in einer der berühmtesten Kirchen der Welt war keine Tragödie, aber ein Drama – ein Drama mit unzähligen emotionalen, kulturellen und politischen Aspekten, die über Frankreich hinausreichen. Die Kathedrale ist nicht nur ein nationales Symbol, sondern auch ein integraler Teil der europäischen Geschichte. Darüber muss man berichten, wenn auch ohne Voyeurismus. Deshalb hätte eine stundenlange Liveschaltung im ORF am Montagabend journalistisch nichts gebracht.

Geschmack des Publikums

Die Bilder aus Paris berühren auch, weil so viele schon einmal vor Ort waren und persönliche Erinnerungen mit sich tragen. Für Medienkonsumenten bestimmt die geografische und kulturelle Nähe das Interesse – und ist daher auch entscheidend für die journalistische Einordnung von Geschichten. Deshalb wird einem Terroranschlag in Frankreich oder Deutschland viel mehr Zeit und Platz eingeräumt als deutlich blutigeren Attentaten im Irak oder in Afghanistan. Das ist kein Rassismus; hier gehen die Journalisten auf legitime menschliche Bedürfnisse ein.

Wenn verlangt wird, das Ausmaß der Berichterstattung nur nach harten Faktoren wie der Zahl der Toten auszurichten, dann dürfte etwa über eine Royal Wedding kein Wort oder Bild veröffentlicht werden. Aber das wäre falsch: Die britische Königsfamilie interessiert und fasziniert, und eine Persönlichkeit wie Meghan Markle repräsentiert tiefgreifende Veränderungen unserer Zeit.

Das bedeutet nicht, dass Medien immer nur dem Geschmack des Publikums folgen sollten, statt selbst fundierte Akzente zu setzen. Es gibt vieles, was Menschen erfahren müssten, selbst wenn es sie wenig interessiert. Werden diese Themen regelmäßig von trivialen Geschichten verdrängt, schadet das dem öffentlichen Diskurs und schwächt die Demokratie. Die Berichterstattung über Notre-Dame trägt daran die geringste Schuld. (Eric Frey, 17.4.2019)