Die Einwohner von Paris halten Gedenkveranstaltungen nach dem Brand ab. Die Reichen übertrumpfen sich mit Spendenversprechen.

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Kaum hat sich der Brandgeruch auf der Pariser Seine-Insel verzogen, erwachsen aus den verkohlten Dachtrümmern von Notre-Dame die ersten Unstimmigkeiten. Der Grund ist das liebe Geld – und vielleicht auch der Umstand, dass davon bereits zu viel vorhanden sein dürfte. Bis Mittwoch war schon rund eine Milliarde Euro zusammengekommen. Damit könnten die Kosten der Rekonstruktion bereits gedeckt sein. Experten schätzen sie ohne nähere Abklärungen auf 700 Millionen Euro.

Der beeindruckende Elan für das Pariser Wahrzeichen trägt sehr weit. Aus der ganzen Welt gehen Spenden ein, und in Frankreich selbst überbieten sich die Großspender. Die Unternehmerfamilie Pinault, die den Luxusgüterkonzern Kering (Gucci, Puma) kontrolliert, stellte nach einem ersten Spendenaufruf durch Präsident Emmanuel Macron 100 Millionen Euro zur Verfügung. Daraufhin zog der vom Milliardär Bernard Arnault geleitete Rivale LVMH (Vuitton, Dior) nach und versprach 200 Millionen Euro für ein Gebäude, das "Teil der französischen Geschichte" sei. Es folgten L'Oréal mit 200 und der Energiekonzern Total mit 100 Millionen Euro. Kaum ein Konzern des Pariser Börsenindexes Cac 40 hielt sich mit einer Millionenspende zurück.

"Wettlauf der Steuerbetrüger"

In den anfänglichen Applaus für die generösen Gönner mischt sich indes immer mehr Kritik. Am schärfsten reagierte der frühere Präsidentschaftskandidat Philippe Poutou: "Arnault, Total, Pinault, das ist der Wettlauf der Steuerbetrüger." Wenn diese Firmen zu viel Geld hätten, könnten sie es ja auch für "soziale Monumente" wie das Spitals- oder Bildungswesen einsetzen, meinte der Linkspolitiker.

Auch die Sozialstiftung Abbé Pierre appelliert an die Großkonzerne, "die Ärmsten nicht zu vergessen". Die Pariser Tageszeitung Libération kritisiert, dass das "sehr amerikanische Mäzenatentum" meist nur in Krisenzeiten greife, wenn die Emotionen hochwallen. Sie beträfen keine anhaltenden sozialen Probleme. Heute gebe es in Paris 3600 Obdachlose.

Baumstämme statt Geld

Solche Äußerungen wecken auch Widerspruch: Die privaten Hilfsgelder für Notre-Dame seien umso willkommener, als die jährlich rund 14 Millionen Besucher der Kathedrale keinen Eintritt zahlen müssten, liest man in Internetforen. Anzufügen wäre, dass Frankreich auch keinerlei Kirchensteuer kennt. Lob erhalten Baukonzerne wie Bouygues, die vor allem technische und logistische Hilfe zusagen, sowie verschiedene Waldbesitzer, die frische Eichenstämme liefern wollen. Jeder Balken des abgebrannten Dachstuhls von Notre-Dame erfordert einen ganzen Baumstamm.

Kritik gibt es hingegen an den Geldspenden, die sich seit 2003 zu 60 Prozent von den Steuern abziehen lassen. Diese französische Regelung ist für die Spender günstiger als in den meisten anderen Ländern, wo die Beträge nicht von der eigentlichen Steuer abgezogen werden, sondern vom Bruttoeinkommen subtrahiert werden können. Der Unterschied ist beträchtlich.

Steuernischen ändern oder abschaffen

An diesem Regime stört sich nicht nur die Linke, sondern unter anderem auch der Abgeordnete Gilles Carrez, der Finanzexperte der konservativen Republikaner. Und der französische Rechnungshof hatte bereits im vergangenen Herbst geraten, die Geldspenden fiskalisch "besser einzurahmen". Emmanuel Macron plant seit einiger Zeit, solcherlei Steuernischen zu ändern oder ganz abzuschaffen. Premierminister Édouard Philippe kündigte am Mittwoch bereits für nächste Woche ein Gesetz an, dass die Spenden für Notre-Dame regeln soll.

Die Pinault-Familie hat am Mittwoch indirekt auf die Vorwürfe reagiert und erklärt, sie verzichte bei ihrer Spende auf jeden Steuerabzug. Ziel sei einzig die Hilfe für ein historisches Gebäude, dessen Brand die Franzosen "bis ins Innerste erschüttert" habe.

So oder so, die Spenden sind auf alle Fälle notwendig, denn die Kathedrale gehört Frankreich, und laut der Zeitung Le Parisien hat der Staat für das Bauwerk keine Versicherung abgeschlossen. Sollte die Brandursache im Zusammenhang mit den Renovierungsarbeiten am Dach von Notre-Dame stehen, könnten die Versicherungen der zuständigen Bauunternehmen zur Kasse gebeten werden. Allerdings würden die festgelegten Versicherungssummen in diesem Fall wohl nicht ausreichen. (Stefan Brändle aus Paris, 17.4.2019)