Der Brunnenmarkt in Wien, mutmaßlicher Zeuge eines Austauschs.

Foto: Regine Hendrich/STANDARD

Wien – Seit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im "Krone"-Interview und auf Facebook mit der Aussage aufgefallen ist, dass in Österreich durch "schleichende Islamisierung" ein "Bevölkerungsaustausch" stattfinde, arbeitet sich die Öffentlichkeit vor allem an der Deutung des Begriffs ab – schließlich gebrauchte ihn auch der Attentäter von Christchurch in Straches Sinn.

Ob der Vizekanzler bei aller taktischen Rhetorik auf der Sachebene recht haben könnte, wenn er von einer "politischen Realität" und einem "Faktum" spricht, interessierte seine Kritiker bisher nur mäßig.

Dabei hat ein Faktum (anders als die Gegenstände der Diskursforschung) die praktische Eigenschaft, sich belegen zu lassen. Als Urheber der Behauptung läge es an Strache, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Darauf wollen wir nicht warten, sondern selbst nachrechnen.

Staatsbürgerschaft oder Migrationshintergrund?

Eine erste Anlaufstelle wäre die Statistik der österreichischen Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit. Der österreichische Pass ist aus Sicht der FPÖ allerdings nicht immer eine relevante Trennscheide für die zwei Seiten des mutmaßlichen "Austauschs". Im "Handbuch freiheitlicher Politik" finden sich dazu mehrfach Stellen, in denen eine Gruppe österreichischer Staatsbürger einer anderen Gruppe österreichischer Staatsbürger gegenübergestellt wird: etwa dort, wo die "eingebürgerten, religiösen Fundamentalisten" die "heimische Bevölkerung" gefährden.

Schauen wir also nicht auf die Staatsbürgerschaft, sondern auf die Herkunft der Einwohner. Personen mit Migrationshintergrund umfassen laut der Mikrozensus-Hochrechnung der Statistik Austria alle Personen, deren Eltern nicht in Österreich geboren sind. Unter ihnen werden selbst im Ausland geborene Menschen als "erste Generation" und in Österreich geborene Menschen als "zweite Generation" bezeichnet.

Demnach sinkt der Anteil der Einwohner ohne Migrationshintergrund tatsächlich seit Jahren, von 82,6 Prozent 2008 auf 76,7 Prozent zehn Jahre später.

Woher stammen die Menschen mit Migrationshintergrund mehrheitlich? Den größten Zuwachs verzeichnete in den vergangenen zehn Jahren die Gruppe der EU-Bürger. 6,3 Prozent der 2008 in Österreich wohnhaften Personen sind in einem anderen EU-Land zur Welt gekommen oder waren Kinder dort geborener Eltern. 2018 waren es bereits 9,2 Prozent.

Dieser Zuwachs kann schwerlich als Argument für eine "schleichende Islamisierung" herangezogen werden: In der EU gibt es keinen Staat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. In Zypern ist der Anteil mit geschätzten 25 Prozent am höchsten, dahinter folgen Bulgarien mit 14 Prozent und Frankreich mit acht Prozent. Die Zuwanderung aus diesen Ländern ist allerdings begrenzt. Nach Österreich kommen vielmehr Deutsche, Rumänen und Ungarn, die den Anteil an Muslimen eher nach unten drücken.

Geringe Veränderungen bei Ex-Jugoslawien und Türkei

Die zweitgrößte Gruppe nach den zusammengefassten Herkunftsregionen, wie sie die Statistik Austria verwendet, bilden Personen aus den noch nicht der EU beigetretenen Nachfolgestaaten Jugoslawiens – also Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien und Montenegro. Ihr Anteil stieg seit 2008 von 5,3 auf 6,1 Prozent. Innerhalb dieses Pools allerdings geht seit 2015 der Anteil aus den mehrheitlich muslimischen Ländern in der Region (Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo) zurück.

Die drittgrößte Gruppe umfasst Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, und das ist gleichzeitig die größte Gruppe von Zuwanderern aus einem mehrheitlich muslimischen Land. Ihr Wert erreichte 2011 mit 3,3 Prozent einen Höhepunkt und sank seither auf 3,1 Prozent.

Afghanen gleichen Syrer aus

Bleiben die "Sonstigen". Aus dem Rest der Welt stammten im Jahr 2008 2,6 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung, 2017 waren es 4,9 Prozent. Dort verharrte der Wert auch im Vorjahr. Die größten Gruppen sonstiger Staatsangehöriger sind Syrer und Afghanen – doch auch bei Letzteren ist ein Rückgang angezeigt: Die Zahl der in Afghanistan geborenen Menschen sank im Vorjahr durch geringeren Influx sowie Abschiebungen und Ausreisen von 44.400 auf 43.000. Bei den Syrern gab es einen Zuwachs in ähnlicher Dimension (47.000 auf 48.300).

Wenn wir nun wieder die erste Grafik betrachten, allerdings aufgeschlüsselt nach Herkunftsgruppen, ergibt sich folgendes Bild:

Ein "Bevölkerungsaustausch" ließe sich damit höchstens durch EU- und nichtmuslimische Zuwanderung vom Balkan konstruieren. Mit der Immigration aus den vorwiegend islamischen Staaten Europas lässt sich jedenfalls keine "schleichende Islamisierung" belegen; ihre Zahl stagniert oder sinkt. Und den Zuwachs bei der größten außereuropäischen Gruppe, den Syrern, glich der Rückgang bei der zweitgrößten Gruppe, den Afghanen, zuletzt wieder aus.

Aber eigentlich ist diese Berechnung müßig.

Denn der wirkliche Grund, warum von keinem Bevölkerungsaustausch gesprochen werden kann, zeigt sich, wenn man die Prozentbasis der oberen Diagramme auf absolute Werte umlegt: Selbst wenn die eine Bedingung des "Tauschhandels", der Anstieg von Personen mit Migrationshintergrund, besteht, so fehlt der andere: Es fallen nur wenige Personen ohne Migrationshintergrund weg.

Würde sich der Trend der vergangenen zehn Jahre fortsetzen, so würde es mehr als ein halbes Jahrtausend Jahre dauern, bis die heimische Bevölkerung "ausgetauscht" ist und vorwiegend Nachkommen von Jahrhunderte zuvor eingewanderten Deutschen, Rumänen und Serben die Ostalpen und ihre Ausläufer bevölkern. (Michael Matzenberger, 3.5.2019)