Meine Beziehung zum Fußball fängt im Jahr 1937 an. Da bin ich sieben, acht Jahre alt, und mein Vater beginnt, mich auf die Hohe Warte mitzunehmen. Zu dieser Zeit wohnen wir noch auf der Döblinger Hauptstraße, und es sind nur drei, vier Stationen mit der Straßenbahn zur Hohen Warte. Mein Vater ist ein glühender Vienna-Anhänger. Einer, den mein Vater sehr bewundert, ist der Karl Rainer, Stammspieler und zeitweise Kapitän des Wunderteams, ein Star der Vienna. Und dann, eines Tages, ist der Rainer plötzlich vor unserer Türe gestanden und hat unsere Wohnung arisiert.

"Und dann, eines Tages, ist der Rainer vor unserer Türe gestanden."

Meine Tochter Eva hat später für ihr Buch Vienna recherchiert und mit einem alten Vienna-Funktionär gesprochen, der hat geschworen, dass der Rainer kein richtiger Nazi war. Er war halt ein Profiteur. Solche hat es viele gegeben, auch der Sindelar war Profiteur. Viele heute wissen das gar nicht.

Hans (8) und Kurt (15) im Jahr 1938 kurz vor ihrer Reise nach England.
Foto: Privat

Ich hab mit sieben, acht Jahren in Wien auch schon selbst ein wenig gekickt, mit einem Fetzenlaberl auf der Gass'n herumgeblödelt. Und dann bin ich mit dem Kindertransport nach England gekommen. Das war im Dezember 1938, als Achtjähriger, gemeinsam mit meinem Bruder Kurt, der war 15.

Kurz vorher hab ich nicht mehr in die Schule gehen dürfen, ich hab nicht wirklich gewusst, warum. Meine Eltern haben versucht, alles so gut wie möglich von mir fernzuhalten. Einmal hab ich gesehen, dass Juden die Straße aufwaschen mussten, meine Mutter hat mich sofort weggestampert, hat gesagt, "komm, komm, gehen wir weiter".

Dass ich nicht in die Schule gehen musste, hat mir nicht so viel gemacht. Ich hab auf der Straße gespielt und im Währinger Park, Murmeln und Pfitschigogerl.

Als der Rainer vor der Tür gestanden ist, war ich nicht da. Wir hatten drei Tage Zeit, um die Wohnung zu verlassen. Ich wusste nicht, wieso wir ausziehen mussten, die Eltern haben gesagt, wir ziehen jetzt zur Großmutter. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Die Großmutter hat gewohnt im fünften oder sechsten Stock in der Liechtensteinstraße, ohne Lift. Für mich war das kein Problem, ich bin raufgerannt wie nichts. Die Großmutter ist damals nicht mehr rausgegangen, sie war über achtzig und etwas fester. Sie hat immer ein langes, schwarzes Kleid getragen.

"Großmutter ist nach Theresienstadt gekommen und gestorben."

Diese Wohnung hat man später auch arisiert, da waren mein Bruder und ich schon weg. Meine Großmutter ist nach Theresienstadt gekommen und wenige Tage später gestorben.

Meine Eltern sind dann in den zweiten Bezirk übersiedelt. Meine Mutter war katholisch, es war eine Mischehe. Dadurch waren sie ein bissl geschützt. Die Nazis wollten, dass meine Mutter sich scheiden lässt. Dann wäre mein Vater auch sofort ins KZ gekommen. Aber sie hat sich geweigert, dadurch war mein Vater nur, unter Anführungszeichen, Zwangsarbeiter.

Am Wiener Westbahnhof: "Für das Kind: Mahnmal gegen das Vergessen".
Foto: Sophie Meisinger

Meine Reise nach England hab ich nicht so tragisch empfunden, eher als großes Abenteuer. Die Eltern haben gesagt, "du wirst sehen, das wird lustig, dein großer Bruder ist ja dabei und viele andere Kinder, und wir kommen auch bald nach".

Erst viel später ist mir bewusst geworden, dass dieser Abschied für die Eltern viel ärger gewesen sein muss. Als mein Sohn, der Robert, acht Jahre alt wurde, hab ich nachgedacht, wie es wäre, ihn wegschicken zu müssen, viele Jahre nicht zu wissen, wie es ihm geht. Es muss schrecklich gewesen sein. Und meine Eltern haben ja drei Kinder wegschicken müssen, meinen Bruder und mich und auch meine Schwester. Die war schon 19 Jahre alt und ist mit ihrem zukünftigen Mann emigriert. Alle drei Kinder, von einem auf den anderen Tag weg. Für die Eltern muss es ein Horror gewesen sein. Unvorstellbar.

Die erste Zeit hat man noch Nachricht bekommen. Aber von 1939 bis 1945 haben die Eltern keine Ahnung gehabt, wie es uns Kindern geht, und wir Kinder wussten nicht, wie es den Eltern geht. Ob sie überhaupt noch leben.

Wir sind mit dem Zug durch Holland gefahren, bei den Stationen haben uns die Menschen Schokolade und Kekse zum Fenster reingegeben. Dann ging es mit der Fähre nach England. Ich hab auf der Reise Scharlach bekommen, bin ins Spital in Harwich gekommen. Ich bin in einem großen Saal mit vielen Leuten gelegen. Eine Krankenschwester war sehr nett, die hat versucht, mir ein paar Brocken Englisch beizubringen. Sie hat gesagt: "When the doctor comes, you say: Very well, thank you." Und ich musste es ihr nachsagen.

"Nach einer Zeit hab ich realisiert, dass die Eltern nicht nachkommen werden."

Dann ist der Doktor auf Visite gekommen und hat etwas zu mir gesagt. Und ich hab zurückgegeben: "Very well, thank you." Da hat er mich getätschelt und hat gesagt: "Good boy." Das waren die ersten englischen Wörter, die ich konnte. Es sind schnell mehr geworden. Ich bin nach London in eine Schule gekommen und hab innerhalb von drei, vier Monaten relativ gut Englisch können. Bis September 1939, bis der Krieg ausgebrochen ist, haben mein Bruder und ich gemeinsam in einem Heim gewohnt. Christchurch Avenue 39, die Adresse vergess ich mein Leben lang nicht.

Juraske/Meisinger/Menasse: "Hans Menasse: The Austrian Boy". € 23,- / 180 Seiten. Böhlau-Verlag, Wien 2019. Am 8. Mai (18.30 Uhr) stellt Hans Menasse das Buch am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien vor.
Foto: Robert Newald

Nach einer Zeit hab ich realisiert, dass die Eltern nicht nachkommen werden. Solange mein Bruder bei mir war, war es halbwegs erträglich. Er hat mich oft getröstet. Dann, als wir getrennt worden sind, war die erste Zeit schon arg. Als Hitler Polen angegriffen hat, haben alle Kinder aus London wegmüssen, aufs Land.

Mein Bruder ist interniert worden, als feindlicher Ausländer mit einer Menge anderer, die über 16 waren. Erst als die Engländer draufgekommen sind, dass mein Bruder und die anderen selbst vor den Nazis geflohen sind, haben sie sie wieder freigelassen.

Ich bin in Dunstable gelandet, das ist circa 60 Kilometer nördlich von London. Von 1940 bis '47 hab ich nur noch Englisch gesprochen. Es war ja niemand da, mit dem ich Deutsch sprechen konnte. Ich hab das Deutsche komplett vergessen. In Wien, mit acht Jahren, war ich ein lebhaftes, fröhliches Kind. Aber dort? Ich bin auf einmal schüchtern geworden. Ich hab angefangen, Nägel zu beißen, bin leicht rot geworden, ich hab gestottert ein bisserl, war introvertiert. Ich hab mich total verändert. Gott sei Dank ist es später, mit den Jahren, wieder besser geworden.

Die erste Familie, bei der ich in Dunstable gelandet bin, hat mich nach zwei, drei Monaten wieder abgegeben, weil die Frau schwanger geworden ist und nicht genug Platz vorhanden war. Bei der zweiten Familie war ich auch nicht lange. Ich kannte zwei Brüder, Ron und Don, die mit mir aus London nach Dunstable gekommen sind. Die haben ihre Pflegeeltern gefragt, ob sie mich nicht auch aufnehmen können. Als der ältere, Ron, mit 16 nach London zurückgegangen ist, hab ich bei ihnen einziehen können. Bei den Cooks bin ich sieben Jahre lang geblieben, sie waren sehr, sehr nett. Chiltern Road Nummer 29, noch eine Adresse, die ich nie vergessen werde.

Mrs Cook war mit uns einmal die Woche im Kino. Mit Don bin ich nach der Schule immer in den Pioneer Boys Club gegangen. Das war nett für junge Burschen, ein Haus mit vielen Räumen. Man konnte Darts, Tischtennis, Snooker und Karten spielen. Man hat Kleinigkeiten zu essen bekommen und ein Kracherl.

"Als ich 14 oder 15 war, hat mich einer zu Derby County eingeladen."

Durch den Boys Club war ich total abgelenkt. Schule war von neun bis vier, um halb fünf war ich schon im Boys Club. Manchmal hat's bei den Cooks um fünf einen Cup of Tea gegeben und Kekse. Da bin ich kurz heim und nachher wieder zurück in den Boys Club. Am Samstag und Sonntag wurde da auch immer Fußball gespielt und im Sommer auch Cricket. Dort hab ich so richtig mit dem Fußballspielen begonnen.

Der österreichische Spielerpass von Hans Menasse.
Foto: Privat

Wir haben oft gegen andere Jugendteams gespielt. Manchmal haben Scouts zugesehen. Als ich 14 oder 15 war, hat mich einer zu Derby County eingeladen, ich bin da rauf und hab ein Probespiel bestritten. Ich war damals unheimlich dünn, die haben gesagt, ich bin körperlich noch nicht so weit, sie beobachten mich weiter. Als ich 16 war, ist Luton Town auf mich aufmerksam geworden. Ich hatte vier oder fünf Spiele mit den Luton Town Colts, bei den Fohlen, das war ihr Jugendteam.

Im Winter 1945 hab ich einen Brief aus Wien bekommen, einen Brief von den Eltern. Da wusste ich, sie sind noch am Leben. Aber erst im Frühling 1947 hat meine Rückreise organisiert werden können. Deutsch hatte ich komplett verlernt, aber es war gespeichert im Hinterkopf und nach drei, vier Monaten wieder da. Was mir über all die Jahre geblieben ist, ist ein leichter Akzent.

Von Arsenal London hab ich auch einen Brief. Tom Whitaker, ein legendärer Manager, wollte mich für ihr Amateurteam haben. Aber das war 1949, da war ich schon wieder zurück in Wien und bei der Vienna.

Seit acht oder neun Jahren, seit mir die Kinder einen Laptop geschenkt haben, verfolge ich wieder, wie Luton Town spielt. Ich bin ein begeisterter Anhänger. Als ich den Laptop bekam, waren sie in der fünften Spielklasse, dann sind sie zweimal aufgestiegen. Als sie drittklassig wurden, hab ich ihnen eine E-Mail geschickt, meine Story erzählt und gratuliert. Da haben sie mich zum letzten Heimspiel eingeladen. Und das Unfassbare ist, jetzt, nur ein Jahr danach, steigen sie schon wieder auf. Am Sonntag hat es das nächste große Fest gegeben. Aber diesmal konnte ich nicht hin. Mein Enkerl hatte Erstkommunion. (Zugehört und aufgezeichnet hat: Fritz Neumann, 6.5.2019)