Weinbauern haben die Laus derzeit im Griff. Durch den Klimawandel könnte sie eine Renaissance erleben.

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Hässlich und verhasst: die Reblaus.

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Mitte des 19. Jahrhunderts betritt Phylloxera vastatrix europäisches Festland: ein winziges Insekt mit scharfen Zähnen und Saugrüssel. Die Reblaus ist auf einem Dampfschiff über den Atlantik gereist, fast 6000 Kilometer weit – als blinder Passagier.

Das unscheinbare Tierchen, knapp eineinhalb Millimeter groß, kommt als Eroberer. 1863 waren seine Urenkel bereits in den Weinregionen von ganz Südfrankreich präsent, nagten und saugten an Blättern und Wurzeln der Reben. Später drangen Heerscharen von Rebläusen auch in die Nachbarländer vor. Dort konnten sie zwei Drittel des europäischen Weins vernichten.

Rebläuse können sich durch Klonen und durch Sex vermehren. Manche bilden Flügel aus und reisen dutzende Kilometer weit durch die Luft, um an einem neuen Ort den Reben die Lebenskraft auszusaugen. Egal wo der Parasit auftaucht: Phylloxera vastatrix verbreitet Schrecken und Verwüstung. Auf edelsten Weingütern sterben plötzlich die Reben ab, Winzer verzweifeln. Warum vertrocknen ihre Weinstöcke trotz ausreichender Bewässerung? Und was sind das für seltsame Ausbuchtungen an den Blättern der Reben?

Das Knabbern der Läuse an den Blättern, das zur Ausbildung dieser Beulen führt, ist für die Reben nicht gefährlich. Saugen die Parasiten jedoch an den Wurzeln, greift ihr Speichel das Wurzelgewebe an, löst Schwellungen und Deformationen aus. Die Nährstoffaufnahme wird blockiert – und bald verdorrt der Weinstock.

Fataler Import

Als Phylloxera vastatrix mit dem Dampfschiff in Europa angekommen ist, war sie nicht die erste fatale Lieferung aus Amerika. Bereits wenige Jahre zuvor, in den späten 1840ern-Jahren, war eine gefährliche Rebenkrankheit aus Übersee eingeschleppt worden: der Echte Mehltau, ein Pilz, der Blätter, Blüten und Trauben befällt. Daher bestellen europäische Winzer Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Setzlinge aus den USA. Denn die dortigen Rebsorten sind gegen die Pilzkrankheit immun.

Im 18. Jahrhundert konnten noch ausschließlich Weinsamen aus Übersee importiert werden. Großsegler brauchten sechs bis zehn Wochen, um den Atlantik zu überqueren. Rebsetzlinge hätten eine so lange Reise nicht überstanden – und die Samen waren nicht mit Pilzen und Läusen verseucht. Mitte des 19. Jahrhunderts schafften es Raddampfer in nur 14 Tagen nach England oder Nordfrankreich. Da überlebte – an den Wurzeln eines Setzlings – auch mal eine Laus die Überfahrt.

Lange trieben die Rebläuse in Europa im Verborgenen ihr Unwesen. Erst 1863 wurden erste Exemplare in einem Gewächshaus vor den Toren Londons gesichtet. Mit dem geheimnisvollen Rebensterben, das in Frankreich grassiert, brachte diese Winzlinge anfangs niemand in Verbindung.

Gaston Bazille, ein Winzer aus Montpellier, war einer jener Pioniere, die sich um die Erforschung von Phylloxera vastatrix verdient machten. 1868 grub er Rebwurzeln aus. Sie wirkten wie mit Lack überzogen, so dicht drängten sich gelblich glänzende Rebläuse daran. Bazille entdeckte auch, dass amerikanische Reben ebenfalls befallen wurden – im Gegensatz zu den europäischen jedoch nicht daran zugrunde gehen.

Diese Wildreben haben sich seit der letzten Eiszeit nämlich getrennt von den europäischen Vitis vinifera entwickelt, werden Forscher später herausfinden. Und im Laufe der Jahrtausende sind ihre Wurzeln reblausfest geworden.

Urin gegen die Reblaus

Was tun gegen die Läuse? "Zigeuner-Urin" sei das ideale Gegengift, mutmaßten französische Winzer zunächst. Da die Notdurft von Roma- und Sintifamilien auf die Schnelle schwer zu beschaffen war, ließ man stattdessen regelmäßig Schulkinder zum Pinkeln in die Weinberge ausschwärmen. Der Reblaus gedieh weiterhin prächtig.

Andere Winzer bekämpften sie mit Schwefel, Petroleum oder Jauche. Vergeblich. 1870 prüft in Paris eine nationale Reblauskommission mehr als 500 weitere Vertilgungstechniken. Doch kein einziger Vorschlag überzeugt. Dennoch werden im November 1881 auf dem "Internationalen Reblauskongress" in Bordeaux verbindliche Maßnahmen beschlossen:

1. Alle verlausten Flächen komplett entwurzeln.

2. Das Nervengift Kohlenstoffdisulfid ausbringen. Nach dieser Kur sind in vielen Weingebieten Boden, Flora und Fauna nachhaltig verseucht gewesen.

Viele Winzer träumten davon, nun robuste amerikanische Wildreben auszupflanzen, um die Reblausplage endgültig loszuwerden. Wäre da nur nicht das Geschmacksproblem: Die Crux dieser Wildsorten ist der sogenannte "Fox"-Ton ("Fuchsaroma"). "Chatzeseicheler" ("Katzenwischler") wird er in der Schweiz treffend genannt: beißend-scharf und gleichzeitig unangenehm süßlich.

Uralter Trick

Durch das Einkreuzen europäischer Edelsorten versuchten die Weingärtner, den Fox-Ton wegzuzüchten. Doch auch das Aroma der Trauben dieser europäisch-amerikanischer Hybride hält dem Urteil der Konsumenten nicht stand. Ein uralter Trick bringt schließlich die Erlösung: Pfropfen.

Bei Apfelbäumen ist dieses Verfahren bereits seit der Antike bekannt: Der Stamm eines Baumes wird gespalten, und man steckt Triebe von einer anderen Pflanze hinein, verstreicht das Ganze mit Harz oder Bienenwachs. Nachdem die Schnittstellen verwachsen sind, trägt der Baum schon bald die Früchte der aufgesteckten "Gastpflanze".

Wer als Erster auf die Idee kam, diesen Kunstgriff auch bei Reben anzuwenden, ist nicht überliefert. Französische Winzer jedenfalls begannen Anfang der 1880er-Jahre im großen Stil, Edelreiser aus Europa auf robuste amerikanische Rebwurzeln zu stecken.

In der Schweiz und anderen Ländern Europas setzten sich die reblausfesten Pfropfreben hingegen erst ab den 1920er-Jahren durch. Anfangs ist der gepfropfte "Amerikanerwein" umstritten. Doch die widerstandskräftigen Wurzeln der Wildreben aus den USA beeinflussen das Aroma des Weins nicht negativ.

Schäden in den USA

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Winzer in Europa die Reblaus im Griff. In den 1990er-Jahren richtete sie hingegen – Ironie der Geschichte – ausgerechnet in in ihrer Heimatregion, dem Westen der USA, gewaltige Schäden an. Seit den 1970er-Jahren waren viele kalifornische Winzer leichtsinnig geworden und auf Wurzeln der europäischen Hybridsorte AxR1 umgestiegen, als Unterlage, um europäische Edelsorten aufzupfropfen.

Denn diese Reben wachsen rasend schnell und galten ebenfalls als reblausresistent. Prompt verdorrte Mitte der 1990er-Jahre im Nappa Valley die Hälfte der Reben. Der Klimawandel bringt den Schädling nun allerdings zurück – derzeit hierzulande nur auf wilden Reben. (Till Hein, 8.5.2019)