LNG-Tanker folgen dem höchsten Preis. Nur selten steht bei der Abfahrt im Auslaufhafen bereits fest, in welchem Zielhafen das Schiff letztlich anlegen wird. Mitunter wird kurzfristig die Route geändert, wenn ein Käufer einen höheren Preis verspricht.

Foto: AP

Es war Juli, und es war heiß in Washington, als Jean-Claude Juncker, der scheidende EU-Kommissionspräsident, 2018 US-Präsident Donald Trump seine Aufwartung machte. Es galt, einen drohenden Handelskonflikt zu entschärfen – wieder einmal. Und tatsächlich gelang es Juncker, 25-prozentige Strafzölle auf Autos, die vor allem deutsche Hersteller getroffen hätten, abzuwenden. Wie? Unter anderem durch die Zusage, Erdgas – verflüssigt in den USA – zu kaufen.

Tatsächlich sind Europas Importe von verflüssigtem Erdgas, besser bekannt als LNG (Liquefied Natural Gas), aus den Vereinigten Staaten seit dem Krisengipfel exponentiell gestiegen. Der EU-Kommission zufolge liegen die aktuellen Importe für neun Monate bei 10,4 Milliarden Kubikmeter. Zum Vergleich: Österreich verbraucht rund neun Milliarden Kubikmeter pro Jahr.

Auch wenn die EU inzwischen mit 31 Prozent der weltweit größte Abnehmer von LNG made in USA ist: Gemessen am gesamten Gasverbrauch in der EU-28 von gut 400 Milliarden Kubikmetern pro Jahr ist der Anteil klein. Aus den USA kommen auch nur 13,4 Prozent des in die EU importierten Flüssiggases. LNG macht weniger als die Hälfte des Verbrauchs aus. Das meiste Gas kommt über Leitungen aus Algerien, Norwegen, vor allem aber aus Russland.

Gasförderung rückläufig

Während Russlands Gazprom gerade dabei ist, die Leitungskapazitäten mit Nord Stream 2 stark zu erhöhen, kommt das in Washington gar nicht gut an. Als Financier bei der Ostseepipeline mit an Bord ist die OMV.

Doch auch der transatlantische Gashandel soll laut politischen Bekundungen weiter ausgebaut werden, zumal die Erdgasförderung in Europa zurückgeht und eine zu starke Abhängigkeit von russischem Gas aus Gründen der Versorgungssicherheit verhindert werden soll.

Bei genauerer Betrachtung ist der zuletzt festgestellte Anstieg der LNG-Importe aus den USA aber weder ein Ergebnis strategischer Diversifizierung noch politischer Bemühungen, die US-Handelsbilanz mit Europa zu verbessern. Es ist vielmehr das Resultat günstiger ökonomischer Umstände. "LNG geht dorthin, wo der höchste Gewinn winkt," sagt OMV-Sprecher Andreas Rinofner. "LNG-Cargos ändern mitunter noch während der Fahrt ihre Route, wenn jemand einen höheren Preis zu zahlen bereit ist."

LNG war bisher meist teurer

Lange war verflüssigtes Erdgas für Europäer wenig attraktiv. Der Preisnachteil gegenüber Pipelinegas, zu dem weite Teile Europas Zugang haben, liegt am Transport. Das Gas muss mit hohem Energieaufwand verflüssigt werden, erst dann steht es bereit für den Transport in Spezialschiffen. Anschließend fallen weitere Kosten für die Regasifizierung an.

Die höchsten Preise wurden bisher in Asien gezahlt. Länder wie Japan, Südkorea und China sind wegen fehlender Pipelines auf LNG-Importe per Schiff angewiesen – fast um jeden Preis. Weil die Nachfrage in Asien zuletzt konjunkturbedingt nachgelassen hat, gleichzeitig das LNG-Angebot mit Inbetriebnahme neuer Exportterminals aber weiter gestiegen ist, sind auch die Preise unter Druck geraten. Mengen, die in Asien nicht abgesetzt werden konnten, sind so nach Europa gelangt.

Knapp 30 Terminals in Europa in Betrieb

In Europa sind derzeit knapp 30 LNG-Terminals in Betrieb, allesamt wenig ausgelastet. Weitere kommen hinzu. Die größten Importeure von LNG in Europa sind Spanien, Frankreich, Italien und Portugal. Auf den Kanarischen Inseln sind zwei Terminals in Bau, gefördert von der EU. Seit 2013 hat Brüssel rund 650 Millionen Euro dafür ausgegeben. Deutschland plant ebenfalls die Errichtung von LNG-Terminals, obwohl schon Ende 2019 weiteres Gas aus Russland über Nord Stream 2 im Nordosten Deutschlands ankommen soll. "Der europäische Markt wird LNG aufnehmen", sagt OMV-Sprecher Rinofner. Nachsatz: "Wenn der Preis stimmt." (Günther Strobl, 8.5.2019)