"Hast du schon gehört, dass ..." Klatsch wie dieser soll bald in ganz Binalonan verboten werden.

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Ob die Nachbarin was mit dem Postboten hat? Oder der Nachbar mit der Kassiererin aus dem Supermarkt? Und überhaupt, hat er nicht all sein Geld verspielt und jetzt einen Haufen Schulden? Es ist der übliche Klatsch, wie er auf der ganzen Welt ausgetauscht wird. Bei einer Tasse Kaffee, im Friseursalon, einem gepflegten Bier am Stammtisch. Außerdem, auch das ist bekannt, werden damit unzählige Magazine und sonstige Medienformate gefüllt. Doch eine kleine philippinische Stadt will dem nun einen Riegel vorschieben. In Binalonan soll Tsismis, wie Klatsch im südostasiatischen Inselstaat genannt wird, offiziell unter Strafe gestellt werden.

Es ist eine ungewöhnliche Maßnahme – so ungewöhnlich, dass sie um die Welt ging. "Das alles ging nicht von mir aus, sondern von den Barangays" , sagt Bürgermeister Ramon Guico III. nun dem STANDARD. Barangays, das sind die kleinsten Verwaltungseinheiten auf den Philippinen, quasi Bezirke. Binalonan, die Stadtgemeinde in der Provinz Pangasinan mit knapp 60.000 Einwohnern, hat 24 davon. Sie sind, so Guico, der Stadtverwaltung unterstellt, agieren aber relativ unabhängig.

In zehn davon fing es vor knapp zwei Jahren an. "Die haben das Klatschverbot damals eingeführt. Viele haben gelacht, ich selbst war auch überrascht. Ich dachte mir, wie soll das gehen? Das ist ja alles sehr subjektiv", sagt der Bürgermeister. Mittlerweile aber finden das viele gut. So gut, dass Guico das Verbot auf ganz Binalonan ausweiten will. Nun muss noch der Stadtrat zustimmen.

Spaß soll weiter sein

Doch wie soll das überhaupt funktionieren? Steht jeder Klatsch unter Strafe? "Es geht um Klatsch, der den Ruf, die Familie einer anderen Person beschädigen könnte. Wenn Gerüchte über Affären, Scheidungen oder finanzielle Angelegenheiten in Umlauf gebracht werden, die nicht stimmen, aber zu großen Problemen führen", sagt Guico, der sich nicht als Spaßbremse sieht. "Alles andere ist natürlich weiter erlaubt, denn Klatsch macht Spaß und gehört zum Gemeinschaftsleben dazu."

Auch einen Einschnitt der Meinungsfreiheit verneint Guico, dessen Vater einst ebenfalls Ortschef von Binalonan war: "Mir ist bewusst, dass es ein schmaler Grat ist. Aber wenn jemand beleidigt oder der Ruf einer Person zerstört wird, geht das zu weit."

Eine Statistik, wie viele Fälle es bisher schon gab, existiert nicht, doch Guico sind einige in jenen Barangays bekannt, in denen das Verbot bereits gilt. Meldet jemand eine Person, die entsprechende Gerüchte in die Welt gesetzt haben soll, müssen alle Beteiligten vor den Barangay-Rat. "Wenn der Zeuge ausgesagt hat, folgt meist ein Geständnis" , sagt Guico.

Als Strafe sind umgerechnet etwa dreieinhalb Euro und drei Stunden gemeinnützige Arbeit vorgesehen. Im Wiederholungsfall können bis zu 17 Euro fällig sein. Das sei aber noch nie vorgekommen. "Die erste Strafe ist schon sehr hoch, das entspricht oft einem Tagesgehalt. Das schreckt ab", sagt Guico.

Gute Menschen, guter Ort

Guico ist seit 2010 Bürgermeister. In dieser Zeit hat er Binalonan auf der sechsstufigen Einkommensskala von der dritthöchsten in die höchste Kategorie gehievt. Das Tsismis-Verbot soll den Ruf weiter verbessern, sagt Guico: "Wir wollen anderen Städten zeigen, dass in Binalonan gute Menschen leben, dass es ein guter und sicherer Ort ist."

Dazu beitragen soll noch ein weiteres Verbot. Ab 22 Uhr ist Karaoke ab sofort verboten. Also doch eine Spaßbremse? Guico muss lachen. "Nein, es geht nur um die Leute, die ihre Anlage auf die Straße stellen, voll aufdrehen und dann die ganze Nacht durchsingen." Das störe die anderen in der Nachbarschaft, zudem seien in Binalonan die Häuser eng aneinandergebaut. "Wenn sie bei sich zu Hause singen, ist alles gut." (Kim Son Hoang, 16.5.2019)