Charles Darwin nannte sie "widerliche Biester", doch sie sind ziemlich nützlich: Geier.

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Sie gelten als Vorboten und als Wegweiser des Todes: Doch nun droht ihnen selbst der Exitus. Fachleute sprechen von einem beispiellosen Geiersterben vor allem in Afrika – mit verheerenden Folgen für die Umwelt und nicht zuletzt für ihren größten Feind, den Menschen.

Naturschützer trafen sich kürzlich in der nigerianischen Hafenstadt Lagos, um die Alarmglocken zu läuten: Sollten die Aasfresser tatsächlich aussterben, muss nach den Worten Muktari Aminu-Kanos, des Generaldirektors der Nigerianischen Naturschutz-Stiftung (NCF), mit wachsenden Seuchengefahren, mit vermehrten Krankheiten und Todesfällen auch unter Menschen gerechnet werden.

Wichtige Funktion

Die Riesenvögel mit dem noch größeren Reputationsproblem – schon Charles Darwin nannte sie "widerliche Biester" – übernehmen in der freien Wildbahn eine wichtige Funktion: Sie sorgen dafür, dass verstorbene Lebewesen nicht weiter vergammeln und gefährliche Erreger wie Anthrax, Tuberkulose oder Tollwut in die Natur abgeben. Die mächtigen Vögel selbst haben einen hochsauren Magen, der sämtliche Viren und Bakterien tötet: Zu ihrem äußeren Schutz pinkeln sie sich außerdem regelmäßig ihren kaum weniger sauren Urin über die Füße.

Ein Geiergeschwader kann innerhalb weniger Stunden einen verendeten Elefanten verputzen: Einer US-amerikanischen Studie zufolge würden die Reinigungsarbeiten, die ein einziger Geier innerhalb eines Jahres leistet, von einem Menschen aufgebracht 11.000 US-Dollar kosten.

Akut oder schleichend bedroht

Der wertvolle Service ist jedoch gefährdet: Innerhalb von 30 Jahren ging die Geierpopulation in 22 afrikanischen Staaten um mehr als die Hälfte zurück, fanden Forscher der kanadischen Universität von Britisch-Kolumbien heraus. Außerhalb der Tierreservate soll die westafrikanische Gemeinschaft der Geier im selben Zeitraum auf nur noch zwei Prozent ihrer einstigen Zahl zusammengeschrumpft sein, in Kenias Wildpark Masai Mara starb die Hälfte aller Sperbergeier, in Südafrika gingen drei Viertel aller Kapgeier zugrunde.

Sämtliche der neun afrikanischen Geierarten gelten inzwischen als entweder akut oder schleichend vom Aussterben bedroht.

Die Gründe für das Geiersterben sind vielfach. Der womöglich verhängnisvollste hängt mit dem scharfen Auge der Aasfresser zusammen: Man sagt ihnen nach, aus sechs Kilometer Entfernung einen ein Meter großen Kadaver erspähen zu können. Meist finden sie innerhalb einer halben Stunde heraus, wenn irgendwo ein Elefant verendet ist: Das macht sie zu den Erzfeinden der Wilderer, die zum Entfernen der beiden Stoßzähne eines von ihnen erlegten Elefanten mindestens doppelt so lange brauchen. In der Zwischenzeit verraten die kreisenden Geier den Wildhütern den Schauplatz des Elefantenmordes: Auf diese Weise endeten bereits zahlreiche Wilderer hinter Gittern.

Wilderer legen Giftköder

Ihre Gegenstrategie ist mindestens genauso effizient wie infam. Die Elfenbeinjäger legen mit Pflanzenvernichtungsmitteln behandelte Köder aus: Auf diese Weise werden gleich ganze Geiergeschwader weggerafft. Eine Studie stellte bei 60 Prozent aller tot aufgefundenen Geier Vergiftung als Ursache ihres Ablebens fest.

Bei den Giftfallenstellern handelt es sich allerdings nicht nur um Wilderer: Auch Farmer versuchen, sich auf diese Weise Schakale, Hyänen oder Leoparden vom Leib und ihren Herden zu halten. In Namibia kamen vor einiger Zeit auf einen Schlag 500 Geier um, die sich über einen einzigen, von Wilderern mit Pestiziden vergifteten Elefanten hergemacht hatten. In Afrika sind Pestizide wie Carbofuran oder Aldicarb, deren Einsatz in Europa längst verboten oder zumindest streng reglementiert worden ist, frei erhältlich.

Damit hat sich die Gefahr für die Geier aber noch immer nicht erschöpft. Den mit Spannweiten von bis zu drei Metern ausgestatteten Raubvögeln werden auch die immer dichter über den Kontinent gespannten Hochspannungsleitungen zum Verhängnis, mit denen viele der Tiere kollidieren.

Missbrauch für Medizin

Und schließlich stehen sie unter traditionellen afrikanischen Heilern hoch im Kurs, die in ihren abgetrennten Köpfen ausgezeichnete Fetische sehen. Geschäftsleuten wird getrocknetes Geierpuder zum Verstreuen in ihren Firmen empfohlen: Auf diese Weise werde der Gewinn vermehrt, versprechen die Medizinmänner und -frauen.

Langfristig am verheerendsten wirkt sich in den Augen der Naturschützer jedoch das Imageproblem der "widerlichen Biester" aus. Niemand in der Welt kümmere sich um das Wohlergehen der Geier, klagt NCF-Direktor Aminu-Kano: Ihr Wert als natürliche Gesundheitspolizisten werde völlig verkannt.

Ob sich das Image des Todesboten noch rechtzeitig verändern lässt, weiß nicht einmal der Geier. (Johannes Dieterich, 18.5.2019)