Das Gesicht war dreckverschmiert, das Haar verfilzt, der Bart wucherte. Als John Walker Lindh drei Monate nach den 9/11-Anschlägen von Kameraleuten gefilmt wurde, war er der Schurke, der sein eigenes Land verraten hatte. Der Inbegriff des Bösen. Ein Amerikaner, der nach Afghanistan gegangen war, um den Taliban zu helfen, den Beschützern Osama Bin Ladens, und nun in Handschellen nach Hause gebracht wurde. Die Regierung George W. Bushs nannte ihn den Häftling 001 im Krieg gegen den Terror. "Ich glaube, die Todesstrafe ist die angemessene Lösung, die wir in Betracht ziehen sollten", sagte Rudy Giuliani, damals der Bürgermeister New Yorks.

Erst ein junger Nordkalifornier, dann ein Taliban.
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Seit ein paar Tagen ist Lindh ein freier Mann. Ursprünglich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, wurde er wegen guter Führung schon nach 17 Jahren entlassen. Er bleibt unter Beobachtung, die Auflagen sind streng. Ein Smartphone darf er nur kaufen, wenn die Behörden es gestatten. Welche Seiten er im Internet anklickt, wird rund um die Uhr überwacht. Fürs Erste darf er sich nur im engeren Umkreis von Alexandria aufhalten, der Stadt in Virginia, in der er schuldig gesprochen worden ist. An eine Rückkehr ins Marin County, in den idyllischen Küstenlandstrich nördlich von San Francisco, aus dem er stammt, ist vorläufig nicht zu denken.

Sympathien für IS-Miliz

So penibel die Vorschriften sind, so hitzig ist die Debatte. Dass Lindh das Hochsicherheitsgefängnis Terre Haute in Indiana vorzeitig verlassen durfte, bezeichnet Außenminister Mike Pompeo als "etwas, was man weder erklären noch jemandem zumuten kann". Präsident Donald Trump spricht von einem Unverbesserlichen, der nach wie vor dem Terrorismus das Wort rede und schon deshalb hinter Gittern hätte bleiben müssen. Die Gefängnisleitung, darauf bezieht er sich, hatte vor zwei Jahren, allerdings vage, von Sympathien Lindhs für die IS-Miliz berichtet.

"Der Fall zeigt, warum die Herrschaft des Rechts unsere stärkste Waffe im Kampf gegen den Terror ist", widerspricht Jason Rezaian, ein Reporter der "Washington Post", der 544 Tage, eingesperrt in einem Akt der Willkür, in einem iranischen Gefängnis verbrachte. Seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft habe es Lindh zu verdanken, dass er ein faires Verfahren bekam, anders als die Insassen des Lagers Guantánamo, denen man ihre Rechte verweigert habe. "Seine Freilassung ist ein Sieg für den Rechtsstaat. Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan." Der Schriftsteller John Wray, der die Radikalisierung westlicher Teenager zum Buchthema macht, warnt seinerseits vor Schablonendenken. Über Nacht, blendet er in einem Kommentar zurück, sei aus Lindh ein Symbol geworden, vielleicht das Gefährlichste, was einem widerfahren könne, wenn man sich vor Gericht verantworten müsse. "Je berühmter er wurde, desto weniger menschlich erschien er uns."

In Terre Haute verbrachte der Islamist die vergangenen 17 Jahre.
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Malcolm X als Initialzündung

Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen an der kalifornischen Küste, war der Sohn eines Anwalts im Alter von 16 Jahren zum Islam konvertiert. Sein Interesse, schilderte sein Vater Frank in einem Essay, habe ein Film über das Leben von Malcolm X geweckt, des zum Islam übergetretenen afroamerikanischen Predigers. Mit 17 reiste er in den Jemen, um Arabisch zu lernen und den Koran zu studieren. Von dort zog er nach Pakistan und schließlich nach Afghanistan, wo er sich den Taliban anschloss. Anfang September 2001, kurz vor dem Terrorangriff auf die New Yorker Zwillingstürme, traf er in dem Trainingslager ein, in dem er sich zum Kämpfer ausbilden ließ. Bin Laden, der Gründer des Camps, war dort ein regelmäßiger Gast gewesen. Als die mit den USA verbündete Nordallianz zur Offensive gegen die in Kabul regierenden Taliban blies, geriet Lindh in Gefangenschaft. Zu denen, die ihn in seinem Kerker, einer alten Festung in der Nähe der Stadt Mazar-e Sharif, verhörten, gehörte ein CIA-Geheimdienstler namens Johnny Spann. Spann wiederum wurde getötet, als eine Gruppe von Gefangenen rebellierte.

So sah Lindh bei seiner Festnahme aus.
Foto: AP Video, File

Dass Lindh an der Revolte beteiligt war, dafür gibt es keine Beweise: Augenzeugen zufolge soll er die ganze Zeit in einem Keller der Festung gehockt haben. Im Oktober 2002 wurde er wegen Unterstützung der Taliban und unerlaubten Schusswaffenbesitzes zu 20 Jahren verurteilt. Er habe sich an der Waffe ausbilden lassen, erklärte er vor Gericht, um unschuldige Zivilisten vor den Warlords der Nordallianz zu schützen. Sein Sohn, schrieb Frank Lindh einmal im Londoner "Observer", habe aus falsch verstandenem Idealismus gehandelt, er habe ausgeblendet, wie brutal die Taliban selber mit den Leuten umsprangen. Alison Spann, die Tochter des getöteten CIA-Offiziers, lässt das alles nicht gelten. Lindhs Entlassung sei ein "Schlag ins Gesicht", schreibt sie in einem Brief ans Weiße Haus. "Nicht nur für mich, sondern für jeden, der am 11. September 2001 ums Leben kam." (Frank Herrmann aus Washington, 25.5.2019)