"Wir streiken, bis ihr handelt" – vergangenen Freitag in Wien.

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Tausende Menschen demonstrierten gemeinsam mit Klimaaktivistin Greta Thunberg in Wien. Die Kinder- und Jugendbewegung wird erwachsener – zum Missfallen manch junger Klimastreiker.

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Mati Randow: Wir müssen endlich autonom und als Generation geschlossen agieren.

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Schüler Mati Randow hat sich für die Schülerinnen- und Schülerbewegung in Wien engagiert. Im Gastkommentar erklärt er, warum sein anfänglicher Enthusiasmus geschwunden ist.

Anfang des Jahres begann ich, mich voller Enthusiasmus bei Fridays for Future Wien zu engagieren. Diese Schülerinnen- und Schülerbewegung löste in mir etwas aus. Binnen weniger Tage und Wochen informierte ich mich geradezu überschwänglich über Greta Thunberg, Fridays for Future und den Klimawandel im Allgemeinen. Mein Enthusiasmus wurde bald noch größer, weil mir klar wurde: Das geht nicht nur mir so.

Ich sah das Potenzial einer gesamten Generation, die sich vereint widersetzt und gegen die Untätigkeit wehrt, indem sie selbst zur Tat schreitet. Denn die Klimakrise hat eine zuvor nie da gewesene Dynamik. Es geht nicht nur um vorübergehende Widerstände, um aktuelle realpolitische Ereignisse oder Konflikte. Es geht um Existenzrettung. Es geht ums Ganze. Und ich sah eine sich anbahnende Energie junger Schülerinnen und Schüler, die mir völlig neu war: breites Interesse daran, politisch teilzunehmen und mitzubestimmen. Jede Woche erschienen kontinuierlich mehr Schülerinnen und Schüler zu den Klimastreiks auf dem Heldenplatz. Ihre Begeisterung war greifbar. Ihre Hoffnung, ihr Optimismus und ihre Sturheit. "Wir streiken, bis ihr handelt", etablierte sich schnell als Leitspruch in Wien, Greta wurde immer mehr zum Superstar, die Kraft wurde größer und größer.

Politische Vereinnahmung

All das gipfelte im sogenannten weltweiten Klimastreik am 15. März. Anlässlich des weltweit bisher größten Streiks gingen allein in Wien zwischen 10.500 und 30.000 Schülerinnen und Schüler auf die Straße. In den folgenden Tagen versuchten verschiedene politische Akteure, Fridays for Future zu vereinnahmen, für sich zu beanspruchen oder als niedlichen Kinderprotest kleinzureden. Was ihnen – zumindest zu diesem Zeitpunkt – nicht gelang.

Mit diesem starken Rückenwind waren für mich die nächsten notwendigen Schritte klar. Denn bisher demonstrierten vor allem Schülerinnen und Schüler aus klassischen Gymnasien und Schulen mit "gutem Ruf". Daher wurde oft der Vorwurf laut, Fridays for Future sei ein "Elitenstreik". Und dieser Vorwurf war gar nicht so falsch. Um dafür zu sorgen, dass die Klimastreiks über alle Schultypen hinweg erfolgreich werden würden, wollten einige engagierte Schülerinnen und Schüler ein Bewusstsein für das Thema "Klima" an weiteren Schulformen schaffen und den nächsten großen Klimastreik an einem repräsentativeren, alternativen Ort zum innerstädtischen Heldenplatz organisieren.

Doch die elf Erwachsenen der "Orga", des Kernteams von FFF Wien, wollten in eine andere Richtung gehen. Sie begannen, die Bewegung der Schülerinnen und Schüler selbst zu vereinnahmen, mit äußerst fragwürdigen Methoden. Es kamen immer mehr Erwachsene hinzu. Die Bewegung, die offensiv alle sozialen Schichten ansprechen wollte, wurde öffentlich als solche dargestellt, war aber inzwischen eine Lifestylebewegung junger Erwachsener, im Hintergrund geführt von Altidealisten. Und viele Schülerinnen und Schüler ließen sich vereinnahmen, sich einreden, es brauche die Vielzahl an Erwachsenen, um sich gegen die untätige Politik durchzusetzen, Schülerinnen und Schüler allein wären nicht genug.

Was ein Erfolg wäre

Dass Menschen protestieren, die von ihren Eltern schon immer Glas- statt Plastikflaschen bekommen haben, die schon seit ihrer Kindheit vegetarisch oder vegan leben, deren Eltern selbst in Umweltschutzbewegungen aktiv sind, ist zwar gut, aber nicht sonderlich bemerkenswert. Sie haben es leicht.

Der eigentliche Erfolg läge darin, auch jene anzusprechen und zu gewinnen, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben. Jene, deren Eltern nicht wissen, wie schädlich das Fliegen oder Autofahren für ihre Kinder ist. Jene, die es sich nicht leisten können, im Biosupermarkt einzukaufen. Und jene, denen nicht im Gymnasium beigebracht wird, auf ihre Umwelt zu achten. Das alles wird von FFF Wien vollkommen vernachlässigt.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie diese Generation von Schülerinnen und Schülern irgendetwas bewegen soll, wenn sie sich bei Auseinandersetzungen von ihren Eltern und Erwachsenen Falsches einreden lässt? Wenn innerhalb der Generation keine Solidarität, kein Zusammenhalt besteht, keine Abgrenzung zu den Älteren stattfindet, wie sollen wir uns dann überhaupt erfolgreich wehren können?

Aufstand der Jungen

Unsere Gesellschaft braucht nicht nur beim Thema Klima einen Aufstand der Jungen. Sollen wir beim radikalen Verändern des veralteten Bildungssystems mit denjenigen kooperieren, die es seit Jahrzehnten nicht erneuert haben? Sollen wir uns beim Internet auf die verlassen, die noch nie Instagram benutzt haben und die Meinungsfreiheit im Internet einschränken wollen? Und: Können wir unsere Zukunft denen anvertrauen, durch die wir erst in diese Lage geraten sind, weil sie selbst nicht genug getan haben?

Die Antwort muss klar sein: Nein. Wir sind mehr als das junge Gesicht des bisherigen Politikverständnisses Erwachsener. Was ihnen zu schnell geht, ist uns zu langsam. Wir müssen endlich autonom und als Generation geschlossen agieren. Wenn uns das gelingt, können wir (nahezu) alles schaffen. (Mati Randow, 3.6.2019)