Der Tanker Front Altair steht in Flammen. Nach dem mittlerweile sechsten Zwischenfall mit einem Tankschiff binnen weniger Wochen wächst im Golf von Oman die Sorge.

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Um 6.12 Uhr Ortszeit am Donnerstag ging bei der Fünften US-Flotte in Bahrain ein Notruf ein, eine Dreiviertelstunde später ein zweiter. Zwei Schiffe im Golf von Oman zwischen den Küsten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und des Iran hatten unabhängig voneinander Alarm geschlagen, meldete die US Navy am Donnerstagvormittag, die den Zerstörer U.S.S. Bainbridge zu Hilfe schickte.

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Kurz zuvor hatte auch Informationsplattform UKMTO der britischen Marine einen "Vorfall" in der Region gemeldet und zu "extremer Vorsicht" gemahnt. Der Zwischenfall ereignete sich diesen Angaben zufolge etwa 70 Seemeilen vom arabischen Emirat Fujairah entfernt und etwa 14 Seemeilen vor der iranischen Küste.

Am Nachmittag überschlugen sich die Meldungen schließlich. Die iranische Agentur Irna meldete, eines der beiden Schiffe, der mit 75.000 Tonnen Rohbenzin beladene und unter der Flagge der Marschallinseln in Richtung Taiwan fahrende Tanker Front Altair stehe in Flammen. Das zweite betroffene Schiff Kokuka Courageous, es war unter panamaischer Flagge unterwegs, gehört aber einer deutschen Reederei, transportierte Methanol nach Singapur, als es möglicherweise von einer Magnetmine getroffen wurde. Auf einem der beiden Schiffe soll von der Besatzung eine nicht detonierte Haftmine entdeckt worden, berichtete ein anonym bleiben wollender US-Beamter der Nachrichtenagentur Reuters.

Danach beschuldigten offizielle US-Stellen den Iran, hinter der Attacke auf die Schiffe zu stehen. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte bei einer Pressekonferenz, die Vereinigten Staaten von Amerika würden schätzen, dass die Verantwortung für den Vorfall beim Iran liege. Die "unprovozierten Angriffe" seien Teil einer Kampagne, um die Spannungen zu erhöhen. Pompeo beschuldigte den Iran, den freien Transport von Öl behindern zu wollen. Fast ein Drittel der weltweiten Rohöltransporte passieren die Gewässer rund um die Straße von Hormuz.

Erst vor einem Monat waren in unmittelbarer Nähe vier Tankschiffe bei "Sabotageakten" beschädigt worden. John Bolton, Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, gab sich damals gewiss, dass der Iran hinter den mutmaßlichen Attacken steht. "Wer soll so etwas denn sonst tun?", fragte er rhetorisch – freilich ohne Beweise vorzulegen. Ein Bericht, den Saudi-Arabien, die VAE und Norwegen in der vergangenen Woche dem UN-Sicherheitsrat vorlegten, kommt zwar zu der Conclusio, dass vermutlich Kampftaucher Sprengsätze an den Tankern angebracht haben, beschuldigten aber kein Land der Urheberschaft.

Schon im Mai hatten sich viele westliche Staaten besorgt gezeigt, zwischen dem Iran und seinen Gegnern Saudi-Arabien und den USA könnte aufgrund solcher Vorfälle versehentlich Krieg ausbrechen. Und auch nach dem jüngsten, schwerer wiegenden Zwischenfall am Donnerstag sind viele Augen im Westen abermals auf den Iran gerichtet.

In Frankreich, das in den VAE eine Marinebasis unterhält, rief das Außenministerium "alle Akteure" zu Zurückhaltung auf, gleichzeitig pochte eine Sprecherin auf die "Freiheit der Seefahrt", die es "absolut zu schützen" gelte. Der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow warnte davor, den Iran vorschnell zu verdächtigen und die Angriffe auf die beiden Schiffe als Anlass zu nehmen, die Spannungen mit Teheran weiter anzufachen.

Und der Iran selbst, wo sich derzeit Japans Ministerpräsident Shinzo Abe um Vermittlung im schwelenden Konflikt mit den USA bemüht, nannte den aktuellen Vorfall "verdächtig": Nur Gespräche zwischen den Anrainerstaaten könnten die Seewege sicherer machen, sagte Regierungssprecher Ali Rabei. "Alle Länder in der Region sollten aufpassen, nicht in die Falle derer zu treten, die von Instabilität profitieren."

US-Präsident Trump wiederum twitterte, er begrüße Abes Vermittlungsmission, derzeit sei aber kein Deal mit dem Iran möglich.

Strategisches Nadelöhr

Paolo d’Amico, Vorsitzender der Tankschiffeigner-Vereinigung, warnte vor wirtschaftlichen Turbulenzen, sollten Schiffe in der Straße vom Hormuz noch öfter von Angriffen betroffen sein: "Ich mache mir große Sorgen um die Sicherheit unserer Crews", sagte er am Donnerstag in London. "Wenn die Gewässer unsicher werden, könnte dies die Versorgung der ganzen westlichen Welt in Gefahr bringen." (Florian Niederndorfer, 14.6.2019)