Boris Johnson hat leicht lachen: Die erste Abstimmung um den Parteivorsitz der Konservativen fiel unerwartet deutlich zu seinen Gunsten aus.

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Boris Johnsons Aufstieg zum britischen Premierminister scheint unaufhaltsam. Beim ersten Wahlgang der konservativen Unterhausfraktion belegte der frühere Außenminister und Brexit-Vordenker am Donnerstag mit weitem Abstand Platz eins. Damit wird es für einen Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU mit einem Deal immer enger: Johnson hatte angekündigt, gegebenenfalls auch ohne Vereinbarung zum Stichtag am 31. Oktober die Europäische Union verlassen zu wollen.

Ein Antrag, der den künftigen Regierungschef dazu verpflichten sollte, keinen "No-Deal-Brexit" zu verfolgen, scheiterte am Mittwoch im Unterhaus. Zwar hatten zehn Rebellen der Konservativen für die Initiative gestimmt. Allerdings wurde diese Initiative der Labour-Opposition zu Fall gebracht, da elf ihrer Mandatare ihrem Parteichef Jeremy Corbyn die Gefolgschaft verweigerten, 13 weitere Labour-Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Damit ist die letzte Möglichkeit des Unterhauses vor den Sommerferien, von sich aus ein solches Gesetz zu schaffen, gescheitert.

Die Urwahl naht

Das Rennen um die Tory-Spitzenposition wird damit immer wichtiger. Drei Bewerber, darunter die beiden Frauen, sind bei der ersten Abstimmung am Donnerstag bereits ausgeschieden. Übers Wochenende dürfte sich der Druck auf einige der verbliebenen sechs Konkurrenten des Spitzenreiters Johnson verstärken, vorzeitig aus dem Rennen um die Nachfolge der Parteivorsitzenden Theresa May auszuscheiden. Dem Parteistatut zufolge müssen sich Johnson – so er Platz eins hält – und der am Ende zweitplatzierte Kandidat einer Urwahl durch die Mitglieder stellen.

Dass es am Donnerstag so klar ausfallen würde, war eine Überraschung. Auch deshalb ging durch den Sitzungssaal 14 des Londoner Unterhauses um 13 Uhr Ortszeit ein Raunen, als die amtierende Leiterin des zuständigen 1922-Komitees das Ergebnis für Johnson bekanntgab. Von den 313 Tory-Parlamentariern hatten sich 114 und damit 36 Prozent für Johnson entschieden. Die beiden Nächstplatzierten, Johnsons Amtsnachfolger Jeremy Hunt sowie Umweltminister Michael Gove, brachten es gemeinsam gerade einmal auf 80 Stimmen. Die diesmal geltende Hürde fürs Weiterkommen von 16 Unterstützungserklärungen (fünf Prozent der Fraktionsmitglieder) erwies sich für zwei Bewerberinnen und einen Bewerber als zu hoch: Sie mussten mit elf, zehn und neun Stimmen abtreten.

"Beendet diese Farce!"

Erfahrungsgemäß stimmen die politisch versierten Wahlberechtigten zunächst mit dem Herzen ab, ehe sie bei weiteren Urnengängen die Chancen der weit vorn Liegenden abwägen. Beim nächsten Wahlgang am kommenden Dienstag dürfte es entscheidend darauf ankommen, welcher Bewerber den größten Sprung nach vorn machen kann. Für vier Kandidaten wird dies zur existenziellen Frage: Allesamt lagen sie unter der dann geltenden Hürde von 32 Stimmen.

Am Donnerstag wurden erste Stimmen laut, die Johnson gleich den Sieg zusprechen wollten: "Beendet diese Farce und wählt jetzt Boris", schrieb Freddy Gray im einflussreichen Tory-Magazin Spectator mit Blick auf die knappe Zeit bis zur nächsten Brexit-Frist Ende Oktober. Hingegen geben sich die Mitbewerber einstweilen entschlossen, den Kampf zu Ende zu fechten.

Erkennbar hoffen viele Anhänger des moderaten Tory-Kreises um die scheidende Premierminister Theresa May, dass ihr Kandidat Jeremy Hunt in den bekanntermaßen brutalen Kreuzverhören der britischen TV-Sender die Nerven behält, während dem Favoriten Johnson dessen bekanntermaßen loses Mundwerk zum Verhängnis werden könnte.

5630 Euro für eine Kolumne

In den Londoner Medien besteht erheblicher Unmut über die Art und Weise, wie der einstige Berufskollege und wöchentliche Star-Kolumnist des Daily Telegraph (sein Honorar pro Kolumne liegt bei umgerechnet 5630 Euro) bisher die Befragung zu seiner Vergangenheit und zu kontroversen Themen verweigert.

Detailliert haben die Londoner Medien – bis auf das Boris-Blatt Telegraph – die vielfältigen Verfehlungen des Spitzenreiters aufgezählt. Sie reichen von einer Vielzahl von Affären, ein uneheliches Kind eingeschlossen, über die Beihilfe zur Körperverletzung eines unliebsamen Journalisten bis hin zu nachweisbaren Lügen, die Johnson einen Job bei der Times und später seinen Posten im Team des damaligen Parteivorsitzenden Michael Howard kosteten.

Völlig unklar bleibt bei allen Kandidaten die Herangehensweise an das wichtigste Problem der britischen Politik, den bevorstehenden EU-Austritt. Anders als Hunt und Gove will Johnson den Brexit am 31. Oktober um jeden Preis – notfalls eben auch ohne Vereinbarung mit Brüssel ("No Deal"). (Sebastian Borger aus London, 13.6.2019)