Die Gelse gibt beim Blutsaugen etwas Speichel ab. Das registriert das Immunsystem und schüttet Histamin aus.

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In der Sommerzeit könnte es so schön sein. Bis in die Nacht hinein im Gastgarten sitzen, am Donauinselfest feiern oder einfach nur chillen. Doch all diese lauen Sommerabende können schnell sehr unbequem werden – wenn nämlich die Gelsen über einen herfallen. Ein unbemerktes Anfliegen, ein Stich, und schon juckt es: Im schlechtesten Fall bildet sich ein roter Gelsendippel und raubt einem für die nächsten Tage die Nerven.

Durch den regnerischen Mai und den heißen Juni konnten sich die Stechmücken heuer optimal – und vor allem in Massen – entwickeln. Und das ist spürbar. Immer wieder berichten Personen von aggressiven Gelsen und allergischen Reaktionen. Auch bei der telefonischen Gesundheitsberatung 1450 gehen gerade vermehrt Anrufe wegen Insektenstichen ein. Offensichtlich sind die Menschen, die von Gelsen gestochen werden, vor allem dann unsicher, wenn sich Rötungen und Schwellungen bilden.

Jeder reagiert anders

"Ein Gelsenstich ist im Normalfall kein Grund zur Sorge. Meist vergehen der Juckreiz und die leichte Schwellung nach einigen Tagen von selbst wieder", sagt Wolfgang Hemmer, Facharzt für Allergologie, der im Floridsdorfer Allergiezentrum tätig ist. Manche Menschen reagieren jedoch stärker auf die Stiche und leiden mehr als andere darunter. Die Betroffenen interpretieren es manchmal als allergische Reaktion, vergleichbar mit Bienen- oder Wespenstichen. Woran liegt es nun, dass der Gelsendippel bei manchen Menschen nur etwas juckt und bei anderen dick und rot anschwillt?

Individuelle Immunreaktion

"Der Grund dafür liegt jedenfalls nicht an der Aggressivität der Gelsen. Ausschlaggebend ist hier die individuelle Immunreaktion der Gestochenen", sagt Hemmer. Er beschreibt die Grenze zwischen einer normalen immunologischen Reaktion auf einen Gelsenstich und einer wirklichen Gelsenallergie als fließend. Strenggenommen sei schon eine kleine Schwellung mit leichtem Juckreiz als allergische Reaktion einzustufen. Wie stark die Gestochenen reagieren, hängt von ihrem Immunsystem und ihrer individuellen Sensibilität auf die Gelsenallergene ab.

Personen, die extrem häufig (und von der immer gleichen Stechmückenart) gestochen werden, reagieren nach einiger Zeit immer weniger auf die Stiche, so Hemmer. Bei häufigem Kontakt mit den Allergenen im Gelsenspeichel, also bei starker Antigenexposition, kann es sogar zu einer Gewöhnung an die Stiche kommen, die Sensibilität der Gestochenen lässt nach. Um eine solche Desensibilisierung zu erreichen, wäre jedoch eine so große Zahl von täglichen Stichen nötig, dass die meisten Mitteleuropäer diese nie erreichen würden, so der Allergologe.

Wie der Juckreiz entsteht

Warum es genau juckt? Die stechenden Mückenweibchen geben beim Blutsaugen immer ein wenig Speichel ab. Er enthält viele Inhaltsstoffe, "bis heute wurden noch nicht alle Inhaltsstoffe erforscht". Es ist jedoch bekannt, dass sich neben Gerinnungsfaktoren und Verdauungsenzymen auch einige Proteine im Gelsenspeichel befinden, denen eine allergene Wirkung beim Menschen zugesprochen wird. Der Körper reagiert auf diese fremden Proteine sofort mit der Aktivierung der sogenannten Mastzellen – diese sorgen dafür, dass im Körper der Botenstoff Histamin freigesetzt wird. Durch die Histaminausschüttung kommt es dann auch zur lokalen Rötung, zum Anschwellen und natürlich zum Juckreiz. Im Normalfall ist diese leichte immunologische Reaktion jedoch auf die Einstichstelle beschränkt.

"Zu wirklich starken allergischen Reaktionen und ausgeprägten systemischen Symptomen kommt es bei Gelsenstichen nur sehr selten", sagt Hemmer. Diese treten nur bei Personen auf, die übermäßig viele Mastzellen produzieren und somit auch vermehrt Histamin ausschütten. Bei Menschen, die an einer sogenannten Mastozytose leiden (eine Erkrankung, bei der im Körper übermäßig viele Mastzellen gebildet werden), könne es nach einem Gelsenstich auch zu Herz-Kreislauf-Problemen, Nesselausschlag und starken Schwellungen bis hin zum anaphylaktischen Schock kommen. Hemmer betont jedoch, dass es sich dabei um Ausnahmen handelt.

Schutz vor Gelsen

Laut dem Facharzt ist das wichtigste Mittel, um unangenehme Reaktionen auf Gelsenstiche zu vermeiden, weiterhin die Stichprophylaxe. Da die meisten Menschen sich jedoch nicht den ganzen Sommer über zu Hause hinter Gelsengittern verstecken wollen, empfiehlt der Experte, zu wirksamen Insektenschutzmitteln zu greifen. Viele Menschen wüssten jedoch nicht, dass der Geruch der Schutzmittel von den Tieren erst aus wenigen Zentimetern Entfernung wahrgenommen wird, weshalb eine flächendeckende Verteilung des Schutzmittels auf allen unbedeckten Körperstellen nötig ist. Ansonsten würden die Gelsen einfach in den ungeschützten Arealen zustechen.

Speziell bei Auslandsaufenthalten ist der Schutz vor den stechenden Insekten unabdinglich, da die Gelsen hier gefährliche Erkrankungen übertragen und erheblich größeren Schaden anrichten können als leichte allergische Reaktionen.

Gelsenmonitoring der Ages

Um zu überwachen, inwiefern Stechmücken auch in Österreich exotische Krankheiten übertragen, hat die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) ein Gelsenmonitoring-Programm aufgebaut. Dabei werden österreichweit Gelsenproben gesammelt und auf humanpathogene Viren, etwa das West-Nil-Virus, getestet. Es konnten zwar einzelne infizierte Gelsen gefangen werden. Das Risiko, sich in Österreich etwa mit dem West-Nil-Virus zu infizieren, ist laut Ages derzeit aber sehr gering.

Bis auf weiteres besteht in Österreich kein Grund, sich vor den Quälgeistern zu fürchten. Auch wenn nicht alle Menschen gleich stark unter den Stechmücken leiden, so bleiben die Gelsen für die meisten unter uns unerwünschte, aber ungefährliche Quälgeister. (Katharina Janecek, 22.6.2019)