Jubel in Istanbul.

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Für mitteleuropäische Gemüter war der Freudentaumel, der sich am Sonntag in Istanbul abspielte, bewegend. In vielen Vierteln der Stadt fanden sich spontan Menschen zusammen, um zu jubeln und zu tanzen. Der Sieg von Oppositionskandidat Ekrem İmamoğlu bei der Wiederholung der Bürgermeisterwahl ist auch ein Sieg der türkischen Demokratie. Und so wurde er auch gefeiert. Ein starkes Zeichen für die Türkei und die Welt, das zeigt: Rund die Hälfte der Türkei ist eben nicht einverstanden mit der Politik eines Mannes, der das Land seit 17 Jahren immer autokratischer regiert.

Der Anfang vom Ende der Ära Tayyip Erdoğans aber ist er noch nicht. Die Wahl ging für die AKP vor allem deswegen verloren, weil sie ihren größten Trumpf, die Schaffung von relativem Wohlstand für die Massen, nicht mehr ausspielen konnte. Die türkische Wirtschaft, allen voran die Währung, ist in einem miserablen Zustand. Bisher waren Erdoğan und die AKP mit vielen Einschränkungen des Rechtsstaat und Ermächtigungen durchgekommen, weil sie armen Türken den Aufstieg in die untere Mittelschicht garantierten. Dieser Deal bröckelt, weshalb sich viele AKP-Wähler nach einem Wechsel gesehnt haben.

Und doch ist ein Großteil dieses Landes eben tendenziell eher konservativ, religiös und patriarchal geprägt, während gleichzeitig ein säkularer Teil sehnsüchtig nach Europa blickt. Solange diese Spaltung nicht überwunden wird, bleibt die Türkei ein schwer regierbares Land. Dass İmamoğlu sich in seiner Ansprache auch an den Präsidenten wandte, um diese Gegensätze zu überwinden, macht Hoffnung. (Philipp Mattheis, 24.6.2019)