Die LNG-Branche in den USA hat in den vergangenen Jahren die Produktion stark erweitert und sucht neue Absatzmärkte.

Foto: Reuters/Timothy Gardner

Zufriedene Gesichter auf der Jahreshauptversammlung von Gazprom: Die Aktionäre freuten sich über die beispiellose Großzügigkeit der Konzernführung bei der Dividendenausschüttung. Umgerechnet 0,24 Euro pro Aktie zahlt Gazprom seinen mehr als einer halben Million Aktionären aus. Immerhin 27 Prozent des Gewinns. Und künftig könnten es noch mehr werden. Bis zu 50 Prozent Gewinnausschüttung hat die Konzernführung als Zielsetzung versprochen.

Und auch der Gewinn selbst ist noch steigerungsfähig, obwohl Konzernchef Alexej Miller in St. Petersburg das zurückliegende 2018 schon als "finanzielles Rekordjahr" charakterisierte. Die Aktionäre hoffen, dass Gazprom sich nicht noch weitere kostspielige Pipelineprojekte ans Bein bindet – und die, die realisiert wurden – wie die "Kraft Sibiriens" – oder in Arbeit sind – wie Nordstream 2 – bald Resultate erbringen. Selbst die Gefahr durch die LNG-Revolution, die der russische Gasriese fast vollkommen verschlafen hat, scheint dieser Tage nicht mehr so groß.

Kampf um Marktanteile

Im Kampf um den lukrativen europäischen Markt jedenfalls wittert Gazprom wieder Morgenluft. Obwohl das Halbjahresergebnis beim Export noch schwächer ausfällt als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum, konnte Gazprom zuletzt aufholen. Die Förderung liegt inzwischen sogar 2,3 Prozent über dem Vorjahresniveau. Und auch der Rückgang beim Export um derzeit noch 5,9 Prozent auf 95,3 Milliarden Kubikmeter ist weniger dramatisch als gedacht. Der Winter war warm, der Energieverbrauch in Europa daher gering. Doch nun pumpen die europäischen Energieversorger eifrig Gas in die leeren Speicher. Diese Gasmengen gehen derzeit noch nicht in die Exportstatistik ein, sondern erst wenn das Gas aus den Speichern in die Netze fließt.

Die Tendenz freilich stimmt die Gazprom-Führung optimistisch: Daher hob Miller in der vergangenen Woche die Exportprognose für das laufende Jahr auf 198,6 bis 201 Milliarde Kubikmeter an. Das ist bereits die zweite Prognoseanhebung und die neue Bandbreite liegt fast auf dem überaus erfolgreichen Vorjahresniveau.

Kurios ist dabei, dass ausgerechnet der niedrige Gaspreis für Gazprom zur Erfolgsformel werden könnte. An der niederländischen virtuellen Gasbörse TTF (Title Transfer Facility) wird der Rohstoff auf dem Zehnjahrestief gehandelt. Futures auf 1000 Kubikmeter Gas kosten dort weniger als 110 Euro. Marktanalysten erwarten im Juli sogar noch eine weitere Abschwächung. Umgerechnet auf die Stromproduktion soll dann der Preis pro Megawattstunde von 10,51 Euro auf 9,50 Euro fallen, ergab eine Umfrage der norwegischen Energiemarkt-Portals Montel.

Absatzmärkte gesucht

Zu dem Preisverfall haben massive LNG-Lieferungen aus den USA maßgeblich mit beigetragen. Der Sturmlauf von US-Präsident Donald Trump gegen Nordstream 2 ist eben kein Zufall. Der Widerstand gegen die Erweiterung der Ostseepipeline sei eng mit wirtschaftlichen Interessen verbunden, betonte OMV-Chef Rainer Seele – gleichzeitig Präsident der deutschen Auslandshandelskammer in Moskau – bei der Vorstellung des Geschäftsklimaindexes in der vergangenen Woche. Die LNG-Branche in den USA hat in den vergangenen Jahren die Produktion stark erweitert und sucht neue Absatzmärkte. Europa rückt daher mehr und mehr in den Fokus.

Gerade im Frühjahr dockten jede Menge LNG-Tanker an den europäischen Terminals an, im März 77, im April sogar 79. Der europäische Markt wurde regelrecht überflutet, doch inzwischen geraten die LNG-Produzenten durch die niedrigen Preise selbst unter Druck. Die Produktions- und Transportkosten für LNG liegen bereits über den Verkaufserlösen. In der Situation sollten sich die LNG-Produzenten normalerweise auf den asiatischen Markt umorientieren. Allerdings ist auch dort die Marge aufgrund des Überangebots äußerst gering. Vielen Anbietern drohen daher rote Zahlen zu schreiben – und sollte die Durststrecke länger anhalten im Endeffekt aus dem Wettbewerb auszuscheiden.

Wettbewerbsvorteil

Für Gazprom hingegen ist der niedrige Gaspreis ein weit geringeres Problem. Die Pipelines sind ohnehin gebaut. Die Wege sind nicht nur kürzer als über den Atlantik, sondern bei einer bestehenden Pipeline sind auch die Transportkosten geringer als mit den Tankschiffen. Zudem entfällt die umständliche Prozedur der Verflüssigung und Gasifizierung. Die Russen sehen hier einen klaren Wettbewerbsvorteil für sich.

Da Gazprom mit steigender Nachfrage rechnet, kauft der Konzern nun sogar selbst wieder Gas ein. Gazprom hat nach drei Jahren Abstinenz einen neuen Fünfjahresvertrag mit der zentralasiatischen GUS-Republik Turkmenistan abgeschlossen. Demnach beziehen vom gasreichen Kaspi-Anrainer jährlich 5,5 Milliarden Kubikmeter, die wohl dann nach Europa weitergepumpt werden.

Zwar dürfte der Preiskampf die Gewinne im laufenden Jahr etwas schmälern, doch zugleich gewinnt Gazprom in Europa weitere Marktanteile hinzu. Bereits 2018 konnte der russische Gasexportmonopolist ein Rekordhoch erzielen. Mit einer Steigerung von 34,7 Prozent auf 36,7 Prozent festigte das Unternehmen trotz der jahrelangen Querelen mit der Ukraine um Lieferungen und Transit seine Stellung als wichtigster Gaslieferant Europas. Die Tendenz könnte 2019 weiter nach oben gehen. Und spätestens mit Herbst- und Wintereinbruch werden auch die Gaspreise wieder steigen. Die Dezember-Futures auf Gaslieferungen kosten das Doppelte des derzeitigen Tiefpreises. (André Ballin, 4.7.2019)