Urlaubszeit bedeutet oft auch Schwerarbeit für das eigene Smartphone. Egal ob Telefonate mit Freunden, Verwandten oder Gastgebern, Fotos und Videos von Strand, Meer und Bergen oder entspanntes Spielen während der Siesta: Aus dem Alltag sind die taschentauglichen Computer mit Touchscreen kaum noch wegzudenken.

Dementsprechend ärgerlich ist es, wenn man etwas Dringendes erledigen möchte, und der Ladestand scheinbar überraschend auf ein bedrohlich niedriges Niveau gesunken ist. Nicht zuletzt darum kursieren im Netz allerlei Mythen und Tipps, die dabei helfen sollen, die Akkus unserer Handys zu schonen.

Doch wie sinnvoll sind diese Empfehlungen tatsächlich? DER STANDARD hat bei Martin Wilkening nachgefragt. Er leitet das Institut für Chemische Technologien von Materialien (ICTM) sowie das Christian-Doppler-Labor für Lithium-Batterien an der TU Graz.

Wie groß ist die Lebensdauer eines modernen Lithium-Ionen- oder Lithium-Polymer-Akkus?

Wie lange ein Akku durchhält, bis signifikante Leistungsverluste eintreten, lässt sich nicht pauschal sagen, da dies ganz von der Zellart, den verwendeten Materialien, der Bauart, der Größe und dem Anwendungsgebiet abhängt, erklärt Wilkening.

"Kleinere Batterien können über Jahre hinweg exzellente Leistungen erbringen", so der Experte. "Es gibt Lithium-Titanate, die praktisch tausende von Zyklen stabil und ohne Leistungsverluste durchhalten, also weitaus langlebiger sind, als die zu erwartende Lebensdauer des gesamten Gerätes." Dementsprechend ist in vielen Anwendungsfeldern die Lebenszeit der Batterie kein entscheidender Einflussfaktor mehr.

Martin Wilkening leitet das Institut für Chemische Technologien von Materialien sowie das Christian-Doppler-Labor für Lithium-Batterien an der TU Graz.
Foto: TU Graz/Lunghammer

Ist es wirklich schlecht, einen Akku ganz zu entladen oder über 80 Prozent aufzuladen? Oder das Handy über Nacht am Ladegerät angesteckt zu lassen?

Wilkening ist der Ansicht, dass Nutzer heutzutage keine "zusätzlichen Strategien" entwickeln müssen, wenn es um das Aufladen geht. Denn "die meisten Batterien arbeiten mit intelligenten Ladestrategien, die diese Überlegungen bereits berücksichtigen". So bedeutet eine Ladestandsanzeige von 100 Prozent nicht unbedingt, dass der Akku auch wirklich zu 100 Prozent geladen wurde.

Dementsprechend muss man sich auch nicht sorgen, wenn das Handy über Nacht am Ladegerät hängt. Denn die Elektronik der Geräte berücksichtigt auch "interne Ladeabbruchkriterien". In speziellen Situationen, etwa bei wochenlanger Lagerung, helfen "bestimmte Ladezustände" allerdings tatsächlich, um negativen Einfluss auf die Lebensdauer zu minimieren.

Das Handy über Nacht angesteckt zu lassen sollte normalerweise kein Problem darstellen.
Foto: DER STANDARD/Pichler

Generell weist der Wissenschaftler darauf hin, dass die Lithium-Ionen-Akkutechnologie in den letzten Jahren enorme Fortschritte in puncto Effizienz und Leistung gemacht hat. Bei "herkömmlicher Benutzung" ist nicht mit wahrnehmbaren Leistungsverlusten zu rechnen – es sei denn, ein Akku ist von einem Produktionsfehler betroffen.

Wie sieht es mit Schnelllade-Features und drahtlosem Laden aus?

Dass Quickcharging per se negativen Einfluss auf die Lebensdauer hat, denkt Wilkening nicht. Allerdings kommt es letztlich auf den Typ der Batterie und die verwendeten Materialien an. Er rät allerdings dazu, "jene Ladegeräte zu verwenden, die auch der Hersteller des jeweiligen Handys empfiehlt".

Auch durch Wireless Charging dürfte es seiner Einschätzung nach nicht zu einer "deutlich stärkeren Verkürzung der Lebensdauer" kommen. Forscher der University of Warwick halten negative Effekte allerdings für möglich, da laut ihren Messungen bei drahtloser Aufladung mehr Wärme entsteht, die letztlich die Lebensdauer eines Akkus beeinträchtigen kann.

Man sollte es tunlichst vermeiden, das Handy in die Sonne zu legen oder es aufzuladen, wenn es sehr kalt ist.
Foto: Getty Images

Welche Auswirkung haben extreme Temperaturen, etwa die aktuelle Sommerhitze in Zentraleuropa oder winterliche Kältewellen, wie man sie in den USA in diesem Frühjahr erlebt hat?

"Hohe Temperaturen sorgen für eine signifikant schnellere Alterung der Batterien", warnt Wilkening. Denn sie schaden laut dem Forscher vor allem den flüssigen Elektrolyten in den Batterien. Man sollte batteriebetriebene Geräte dementsprechend nicht lange in der Sonne liegen lassen. Er rät auch davon ab, Handys bei niedrigen Temperaturen mit hoher Leistung aufzuladen, da man so dem Akku irreversible Schäden zufügen kann.

Immer wieder ist die Rede von Feststoffbatterien, die viele der Probleme aktueller Akkus lösen sollen. Wie sieht es da aus?

Tatsächlich sieht Wilkening viel Potenzial für sogenannte "All-Solid-State"-Akkus. Diese nutzen beispielsweise keramische Elektrolyte, können somit viel höheren Temperaturen widerstehen und sind daher auch sicherer. Insbesondere Hersteller, die der Automobilindustrie zuliefern, arbeiten "fieberhaft" an diesen Technologien. Wilkening rechnet damit, dass sie schon "in den nächsten Jahren" Einzug halten werden.

Auch die TU Graz ist hier involviert. "Wir arbeiten im Christian-Doppler-Labor mit Unternehmen, die zum Beispiel keramische Minibatterien entwickeln, die im Sinne des 'Internet of Things' sehr vielversprechende Einsatzmöglichkeiten bieten", so Wilkening. (Georg Pichler, 6.7.2019)