Wexelerate im 2. Wiener Bezirk zieht internationale Start-ups an.

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Der Geldregen hält an. Wer heute einen halbwegs plausiblen Geschäftsplan vorlegt, kann sich der monetären Flut kaum erwehren. Denn Kapital gibt es mehr als genug, und mit Investments in Start-ups ließen sich gerade in Zeiten negativer Realzinsen vergleichsweise satte Gewinne machen. In Europa wurden allein im zweiten Quartal neun Milliarden Euro in Hightech-Start-ups gesteckt. Diese Entwicklung spürt auch Österreichs größter Risikokapitalgeber für innovative Gründer, Speedinvest.

Er sammelt für seinen dritten Fonds gerade viel Geld ein, bis zum Frühjahr sollen Investoren 175 Millionen in die Kassen spülen, die dann wieder in neue und in den Ausbau bestehender Beteiligungen fließen sollen. Das wäre dann der mit Abstand größte private Venture-Fonds, den es bisher hierzulande gab und der sich auch international herzeigen ließe.

100 Millionen bis Herbst

Laut den Speedinvest-Gründern Oliver Holle und Daniel Keiper-Knorr laufen die Gespräche derzeit vielversprechend, sodass im Oktober eine Zwischensumme von 90 bis 100 Millionen Euro verfügbar sein sollte. Neue Engagements werden vor allem in den Bereichen Fintech, Online-Marktplätze und IT-Lösungen in der Industrie angestrebt, in denen der neue Fonds Speedinvest 3 im Herbst vier bis sechs Beteiligungen präsentieren will.

Auch zarte Pflänzchen werden derzeit reichhaltig finanziell gedüngt.
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Das Geld sitzt in der Venture-Capital-Industrie so locker, dass sich heute die Gründer aussuchen können, wer finanzieren darf. "Da pitchen die Investoren bei den Start-ups, nicht umgekehrt", erzählt Holle. Das gelte insbesondere für sogenannte Serial Founder, also schon öfters erfolgreiche Gründer.

Kapital kein Engpass

Drei bis sechs Millionen würden da recht locker aufgetrieben, selbst wenn es wenig konkrete Zahlen und Fakten zum Geschäft gibt. "Kapital ist kein Engpassfaktor mehr", ergänzt Keiper-Knorr, der bei Speedinvest unter anderem für das Fundraising zuständig ist. "Derzeit herrscht Partystimmung", wie Holle formuliert. Mittelfristig rechnet er mit einer Korrektur.

Das auf Frühphasenfinanzierung spezialisierte Unternehmen mit Sitz im Wiener Start-up-Hub Wexelerate versucht angesichts der Geldschwemme, vielversprechende Gründungen mit besonderem Service anzusprechen. Auf Branchen spezialisierte Teams tauschen sich mit den Unternehmern aus, assistiert wird auch bei der Suche nach Talenten, bei der Vermarktung und der weiteren Kapitalsuche. Das Angebot wird über Büros in Wien, München, Berlin, London, Moskau und San Francisco zur Verfügung gestellt. Das Konzept sei ziemlich einzigartig in Europa, sagt Holle.

Oliver Holle rechnet mit einer Korrektur in der Start-up-Szene.
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Investoren beißen an

Investoren beißen auch wegen der bisherigen Performance an. Bei Speedinvest 1 erzielten die Anleger für jeden eingesetzten Euro eine Wertsteigerung auf rund 1,5 Euro, sagen die Partner. "Und viele Perlen wie Bitmovin, Wikifolio oder Tourradar befinden sich noch im Portfolio", so Holle im Gespräch mit dem STANDARD. Um neue Beteiligungen macht sich Speedinvest keine Sorgen. Pro Monat werden 700 Businesspläne eingereicht – Tendenz stark steigend, wie Keiper-Knorr erklärt.

Eine funktionierende Venture-Capital-Industrie gilt auch als volkswirtschaftlich relevant. Können die Gründer ihr Wachstum nicht finanzieren, kommt es immer wieder zum Verkauf an internationale Konzerne. Das war etwa beim Verkauf der Wiener Flohmarkt-App Shpock an den norwegischen Medienkonzern Schibsted so, dem bisher zweitgrößten Exit von Speedinvest. Kürzlich wurde in Österreich ordentlich rationalisiert und die Expansion gestoppt. Die Lauf-App Runtastic wiederum wird nun von Adidas beherrscht.

Geld für Ausbau

Speedinvest hat daher 60 Prozent der erhofften 175 Millionen reserviert, um bei Kapitalerhöhungen mitziehen zu können. Absiedelungen, wie sie US-Investoren oft wünschen, können so möglicherweise verhindert werden. Ein weiteres Anliegen von Keiper-Knorr, um Eigenständigkeit zu erhalten: mehr Engagement der heimischen Pensionskassen.

Daniel Keiper-Knor: "Kapital ist kein Engpass mehr."r:
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Und wie steht es um das Umfeld? Die Ex-Kanzler Christian Kern und Sebastian Kurz haben sich die Start-ups ja groß auf die Fahnen geheftet. "Es gibt eine positive Grundstimmung, aber substanziell ist bei den Rahmenbedingungen für Start-ups nichts weitergegangen", beklagt Holle. "Start-ups sind für die Politik ein Schönwetterthema. Vieles ist Symbolpolitik."

Wenig Anschub

Österreich liege in dem Segment immer noch am unteren Ende. Die staatliche Fördergesellschaft AWS investiere einen Bruchteil dessen, was andere Länder im Start-up-Bereich machen, erklärt Keiper-Knorr. Auch gesellschaftsrechtliche und steuerliche Defizite werden beklagt. "Wir sitzen jede Woche durchschnittlich fünfmal beim Notar, sagt Holle. Bei der GmbH seien die Voraussetzungen für Mitarbeiterbeteiligungen und Handelbarkeit der Anteile dürftig. Es gelinge Österreich auch nicht, internationale Start-ups herzulocken. "Ein talentierter Gründer aus Rumänien geht eher nach Berlin, London oder gleich in die USA", so Holle.

Ein Dauerbrenner auf der Beschwerdeliste ist dabei die Rot-Weiß-Rot-Karte, die nur schwer erhältlich, das Verfahren langwierig sei. "Das ist ein tatsächlicher Blocker", so Speedinvest-Chef Holle. Auch Keiper-Knorr berichtet von regelmäßigen Problemen, wenn Hightech-Firmen Spezialisten aus Drittstaaten anheuern wollen. Und hoffen neuerlich, dass die nächste Regierung das Thema konsequent angeht. (Andreas Schnauder, 7.7.2019)