Eigentlich könnte alles so schön sein: Rund zehn Jahre nach der globalen Wirtschaftskrise scheinen ihre Auswirkungen in der EU überwunden zu sein. Die Lebenserwartung steigt, die Armut wird zurückgedrängt. Wären da nicht die mangelnden Fortschritte beim Umweltschutz und der Bekämpfung des Klimawandels.

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Wien – Für die Bewohner der Europäischen Union ging es in Sachen Lebensqualität während der vergangenen fünf Jahre stetig bergauf. Die Beschäftigung nahm zu, Armut nahm ab, die Gesundheitssituation verbesserte sich. So weit, so gut. Entwickeln sich Bereiche positiv, passiert das meist unumgänglich zulasten anderer. Die Leidtragenden sind in dem Fall Umwelt und Klima. Wie aus einem aktuellen Bericht des europäischen Statistikamts Eurostat hervorgeht, läuft die EU Gefahr, die Klima- und Energieziele 2020 zu verfehlen.

Wirtschaftlicher Aufschwung führt zu seit 2014 ständig steigendem Material-, Energie- und Flächenverbrauch, was wiederum den Klima- und Umweltschutz torpediert. Und vice versa, wie die Daten zeigen. "In den Jahren nach der Wirtschaftskrise, 2009 bis 2013, ging es mit dem Klima und der Umwelt bergauf. Weniger Material und Energieverbrauch, weniger Treibhausgase. "Dafür entwickelten sich die Wirtschaftsindikatoren schlecht", sagt Markus Hametner von der Wirtschaftsuniversität Wien. Seit 2007 analysiert das WU-Institut für Nachhaltigkeitsmanagement im Auftrag von Eurostat die Entwicklung der EU. Die aktuellen Daten stammen von 2017.

Plakative Landwirtschaft

Als plakatives Beispiel dient die Landwirtschaft. Negative Auswirkungen landwirtschaftlicher Produktion nehmen seit fünf Jahren wieder zu. So stieg laut des Berichts der Stickstoffeintrag in Böden beispielsweise durch den Einsatz von Düngern. Außerdem wirkt sich die fortschreitende Flächenversiegelung auf die Biodiversität aus. Seit Anfang der 1990er-Jahre verringerte sich die Population von Schmetterlingen und Feldvögeln um ein Drittel.

Die Ziele lauten: 20 Prozent weniger Treibhausgase, den Anteil erneuerbarer Energie auf 20 Prozent steigern und die Energieeffizienz um 20 Prozent erhöhen. Die Krux liegt im wachsenden Verbrauch von Primär- und Endenergie. Dadurch steigt einerseits der Materialverbrauch, andererseits die Importabhängigkeit – vor allem von Russland. Das Gros der fossilen Energieträger wird importiert, was der Effizienz widerspricht. Wurde 2003 weniger als die Hälfte des Energiebedarfs der EU importiert, so mussten 2017 bereits 55,1 Prozent durch Importe gedeckt werden – auch weil der Ausbau erneuerbarer Energien mit dem Anstieg des Energieverbrauches nur bedingt Schritt halten konnte. Zu schlechter Letzt stiegen dadurch auch die Treibhausgase seit 2014.

Positive Entwicklungen mit Schönheitsfehler

Seit 2013 wächst das Bruttoinlandsprodukt der EU kontinuierlich um 1,9 Prozent, was deutliche Auswirkungen am Arbeitsmarkt zeigt. "Die Beschäftigungsquote ist im selben Zeitraum von 68,4 Prozent auf einen neuen Rekordwert von 73,2 Prozent im Vorjahr gewachsen. Das Ziel von 75 Prozent liegt somit in Reichweite", erklärt der WU-Forscher. Weiters stieg die durchschnittliche Lebenserwartung auf 80,9 Jahre, und die Zahl frühzeitiger Todesfälle nahm ab.

Verbesserungen gab es auch bei der Bekämpfung von Armut – jedoch mit Schönheitsfehlern. 113 Millionen Menschen sind armuts- beziehungsweise ausgrenzungsgefährdet – ein neuer Allzeit-Tiefstand. Das entspricht aber immer noch mehr als einem Fünftel der Bevölkerung. Außerdem wächst die Kluft zwischen Arm und Reich weiter. "Es gab klare Fortschritte bei der Bekämpfung der materiellen Deprivation (sich Dinge des täglichen Bedarfs nicht leisten können, Anm.) und bei Haushalten, die mit der Wohnsituation zu kämpfen haben. Bei der Einkommensverteilung verbesserte sich praktisch nichts", sagt Hametner.

Das aktuelle Wirtschaftssystem kann offenbar umweltpolitische Ziele oder jene sozialpolitischer Natur bedienen – aber nicht beides zugleich. Seit einem Jahr lässt der Aufschwung etwas nach. Da Energieverbrauch an Wachstum gekoppelt ist, könnte das eine Chance fürs Klima sein – jedoch zulasten anderer Bereiche. (Andreas Danzer, 8.7.2019)