Das rekonstruierte Ishtar-Tor in Babylon im Irak: Seit 2016 wird ernsthaft an der Stabilisierung gearbeitet.

Foto: REUTERS/Thaier Al-Sudani

Die Stichwörter zu Babylon – Wiege der Zivilisation, Hängende Gärten, Codex Hammurabi, Ishtar-Tor, Turm von Babel, Löwe von Babylon, Nebukadnezar II. und so weiter – lassen einen zuerst einmal rätseln, warum die 4.000 Jahre alte antike Stätte es jetzt erst auf die Weltkulturerbeliste geschafft hat. Bei ihrer Tagung in Baku vergangenen Freitag hat die UN-Kulturorganisation Unesco dem Antrag des Irak stattgegeben: 36 Jahre nachdem der erste gestellt wurde.

Auch wenn die kulturelle Bedeutung des einstigen Zentrums des altbabylonischen Reichs gänzlich unbestritten ist, gibt es doch geteilte Meinungen zur Anlage an sich. So ist sie noch immer nicht als "gefährdet" eingestuft: Das würde auch implizieren, dass sie intakt im Sinn von original erhalten ist, und davon kann nicht die Rede sein. Babylon, etwa 100 Kilometer südlich von Bagdad und früher direkt am Euphrat gelegen, hat nach seiner Entdeckung durch Robert Koldewey Ende des 19. Jahrhunderts viele Zerstörungsphasen durchlitten. Wobei die meisten Schätzungen, wie viel überhaupt ausgegraben und erforscht wurde, bei etwa 18 Prozent liegen. Das Areal ist zehn Quadratkilometer groß.

Die Beschädigung von Babylon hat nicht, wie man aus manchen Medienberichten schließen könnte, damit begonnen, dass amerikanische Truppen nach der Irak-Invasion 2003 dort ihr Lager aufschlugen. Schon Koldewey, der den Nebukadnezar-Tempel ausgrub, hat Schiffsladungen an Material davongetragen, nicht zuletzt originale Teile des Ishtar-Tors, das später im Berliner Pergamon-Museum rekonstruiert wurde. Um eine Rekonstruktion handelt es sich natürlich auch beim in Babylon selbst zu sehenden Ishtar-Tor, wobei immer auch teilweise historisches Material verwendet wurde.

Ein Ziegellager

Bereits in den 1950er-Jahren begannen eigene irakische Restaurierungsarbeiten, überflüssig zu sagen, dass sie nicht späteren Standards entsprachen und manchmal kontraproduktiv waren, etwa das verwendete Material. Die Anlage in Babylon war dabei auch für die Bewohner umliegender Dörfer und Städte immer ein Selbstbedienungsladen für Baumaterial.

Dann kam Saddam Hussein mit seinem Größenwahn, der sich in den 1980er-Jahren – der Zeit des Kriegs mit dem Iran – immer mehr Bahn brach: Objektiv könnte man auch sagen, dass er unter Legitimationsdruck stand, für den ihm der antike Ruhm Babylons, in dessen Herrscherreihe er sich sehen wollte, gerade recht kam. Von den Gründungsinschriften Nebukadnezars II. (gestorben 562 vor Christus) inspiriert, ließ Saddam seine eigene Widmung in die Mauerziegel eingravieren: "Ich, Saddam Hussein, Präsident und Beschützer des irakischen Volkes, habe den Palast des Nebukadnezar und die Zivilisation des Irak wiederauferstehen lassen."

Das war genau zu der Zeit in den 1980ern, als sich die Iraker erstmals um die Unesco-Anerkennung bewarben. Widerstand aus Archäologenkreisen gegen den Neubau des Präsidenten, der 1979 die absolute Macht ergriffen hatte, waren zwecklos. Zwischen die originalen Mauern und die Rekonstruktionen wurden zwar teilweise Schutzschichten gelegt, aber für reversibel wird die jetzige Situation nicht gehalten. Dabei mag auch eine Änderung des archäologischen Ansatzes mitspielen, der heute die gesamte Geschichte einer Anlage mit all ihren Verirrungen miteinbezieht.

Saddams Bauwut

Saddams Bauwut beschränkte sich aber nicht auf die Ausgrabungsstätte selbst. In deren Nähe ließ er Hügel aufschütten, und auf einem davon einen seiner berühmt-berüchtigten Paläste bauen, ästhetisch zwischen Disney und Horrorfilm angesiedelt. Aufgehalten hat er sich dort nie. Die Gruben, aus denen das Erdmaterial zur Aufschüttung stammte, füllten sich mit Wasser. Der höhere Grundwasserspiegel bedeutete neue Schäden für die Grabungsstätte, von der ja nur die obersten Schichten von wahrscheinlich zwölf ausgegraben sind. Wobei das Grundwasserproblem nicht von Saddam allein verursacht wurde: Bereits Koldewey, der bis zur Hammurabi-Schicht, der sechsten aus dem 18. vorchristlichen Jahrhundert, hinuntergrub, berichtete von der Durchfeuchtung. Dazu kommt der hohe Salzgehalt.

Die nächste Attacke kam 2003, und zwar noch bevor die US-Armee auf dem Areal einzog: Das Museum wurde geplündert und in Brand gesteckt, ein Glück im Unglück, dass die irakische Antikenverwaltung die wertvollsten Stücke immer schon nach Bagdad bringen ließ (das galt auch für das vom "Islamischen Staat" zerstörte Museum in Mossul). Aber die alten Grabungsunterlagen gingen verloren, ein schwerer Verlust für Generationen von Archäologen.

US-Camp in Babylon

Es wird neben der vorhandenen praktischen Infrastruktur – ein rekonstruiertes hellenistisches Theater in Babylon wurde unter Saddam ja für Veranstaltungen genutzt –, die schlichte Ignoranz gewesen sein, die die US-Armee im April 2003 dazu bewegte, ihr Camp Alpha dort aufzuschlagen. Aber es passte, wie das Zulassen von Plünderungen in Bagdad, ins Narrativ des irakischen "Widerstands": Die Amerikaner wollen unsere Kultur vernichten. Was die Verdichtung des salzigen Bodens durch das Anlegen von Hubschrauberlandeplätzen und Pisten für Militärfahrzeuge für bröselnde Baureste im Boden bedeutete, ist klar. Angeblich füllte die US-Armee auch Sandsäcke mit Material aus den Ausgrabungsstätten. Später errichteten die Polen – die östlichen EU-Staaten waren ja fast allesamt bei der US-geführten Invasion 2003 dabei – dort ihr Militärlager.

Das Gebiet rund um Hillah, der nächsten großen Stadt, gehörte teilweise zum "Dreieck des Todes", in dem sich bald nach dem Einmarsch der Aufstand gegen die "Besatzer" und gegen die neue politische Elite, die Schiiten, formierte, was sich in Anschlägen auch gegen die schiitische Bevölkerung manifestierte. Lange Zeit war Babylon quasi in der Kriegszone und off limits – so wie ja auch die in der Nähe befindliche österreichische Ausgrabungsstätte Borsippa. Als vergangenen Freitag nach Bekanntgabe der Unesco-Entscheidung Sprachrohre schiitischer Milizen den Erfolg in Baku für sich beanspruchten, rief das einige bittere sunnitische Kommentare hervor. Die Schiitenmilizen heften sich ja auch den Sieg über den "Islamischen Staat", der das irakische Kulturerbe zerstörte oder verscherbelte, allein auf ihre Fahnen.

Unesco-Sinneswandel

Um den Sinneswandel der Unesco zu erreichen, wurde in den vergangenen Jahren viel getan. Unter der Ägide des World Monuments Fund wurde 2009 mit Erhebungen und Notmaßnahmen begonnen, etwa der Stabilisierung der berühmten Löwen-Statue. Seit 2016 läuft das Projekt "Zukunft von Babylon": Prioritäten sind die Trockenlegung der Fundamente des Ishtar-Tores sowie Maßnahmen zur Konservierung der originalen Bestandteile.

Zu den Bemühungen, in Babylon das Ruder herumzureißen, gehört auch die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung. Die Beziehung zu Babylon ist ja durchaus gespalten: von einer großen Gleichgültigkeit bis zu echtem Stolz auf das nationale Erbe, das durch Saddam Hussein aber missbraucht wurde – was dem islamistischen Hass auf alles Vorislamische weiteren Vorschub leistete. In Babylon sollen auch Arbeitsplätze geschaffen werden, direkt bei den Ausgrabungen oder sekundäre durch den Tourismus. Nach einem Jahrhundert der Zerstörungen glaubt Babylon an die Auferstehung. (Gudrun Harrer, 12.7.2019)