Präsidentschaftsbewerber Cory Booker (li.) spricht mit Publizist Ta-Nehisi Coates.
Foto: AP Photo/Pablo Martinez Monsivais

Neulich auf Capitol Hill. Ein Unterausschuss des Repräsentantenhauses tagt, um über die Frage zu diskutieren, ob die Nachfahren schwarzer Sklaven für das von ihren Vorfahren erlittene Leid entschädigt werden sollten. Man ist im ersten Moment überrascht, wenn Ta-Nehisi Coates zu sprechen beginnt: mit sehr heller, hoher Stimme, die man im ersten Moment nicht erwartet.

Coates (43) ist Journalist und Buchautor. Er ist jener Mann, der die Debatte über Reparationen für Nachfahren ehemaliger Sklaven mit seinen Recherchen erst in Schwung gebracht hat. So sehr, dass sich der Kongress erstmals ernsthaft mit einer Resolution beschäftigt, die ein mittlerweile ausgeschiedener Abgeordneter bereits vor drei Jahrzehnten eingebracht hat: John Conyers beantragte die Gründung einer Expertenkommission, die sowohl die Hinterlassenschaften der Sklaverei untersuchen als auch ein Prozedere für eventuelle Entschädigungen entwickeln soll. Von 1989 an, bis er sich 2017 zur Ruhe gesetzt hatte, stellte der Volksvertreter aus Detroit alle zwölf Monate denselben Antrag, ohne dass das Parlament je darüber abgestimmt hätte.

156 Jahre nach Abraham Lincolns Emancipation Declaration, die Sklaven die Freiheit garantierte, widmet sich die US-Politik nun dem Thema mit einer Dringlichkeit, wie es nie zuvor der Fall gewesen ist. Zumindest tun das die Demokraten, während es die meisten Republikaner mit ihrem Senator Mitch McConnell halten: Was vor 150 Jahren geschah, dafür könne man keinen der heute Lebenden verantwortlich machen, weshalb er Schadenersatz ablehne. Worauf Coates erwidert, der Herr Senator, geboren 1942, habe zweifellos noch die Zeiten erlebt, in denen schwarze Amerikaner in seinem Heimatstaat Alabama ihres Wahlrechts beraubt wurden.

Menschenrechtsaktivisten bei einem Hearing des Unterausschusses des US-Kongresses zur Frage von Reparationszahlungen
Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

Benachteiligung ...

Eine schwarze Durchschnittsfamilie, zitiert der Journalist aus Statistiken, verfügt gerade einmal über ein Zehntel des Vermögens einer weißen. 2016 erhielt ein schwarzer Arbeiter rund 70 Prozent des Stundenlohns eines weißen – ein Rückschritt gegenüber dem Ende der 1970er, als es noch 80 Prozent waren. Während 71 Prozent aller weißen Familien die vier Wände gehören, in denen sie wohnen, trifft dies nur auf 41 Prozent der schwarzen zu. "Dann ist da noch die Schande, dass dieses Land der Freien die größte Gefängnisbevölkerung des Planeten aufweist, wobei die Nachkommen der Versklavten die größte Gruppe bilden", sagt Coates.

Es war womöglich ein Schlüsselmoment im Streit um Reparationen. Seither haben elf der 24 demokratischen Präsidentschaftskandidaten erklärt, sich für eine Entschädigungskommission einsetzen zu wollen. Was an praktischen Schritten folgen könnte, bleibt indes völlig offen. Ob der Fiskus den Urenkeln von Sklaven tatsächlich Geld überweisen soll, darüber wird heftig gestritten.

... Demütigung ...

Ex-Football-Profi Burgess Owens stemmt sich vehement dagegen: Reparationen könnten Menschen mit dunkler Haut das Gefühl vermitteln, dass man ihnen nicht zutraue, es aus eigener Kraft zu schaffen. Es wäre das falsche Signal, zumal es die vielen afro amerikanischen Erfolgsgeschichten ignoriere.

Coates wiederum legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm allenfalls am Rande um Pekuniäres geht, sondern vielmehr darum, das finsterste Kapitel der US-Geschichte aufzuarbeiten. Ein Kapitel, das 1619 begann, als die ersten verschleppten Afrikaner nach Jamestown, Virginia, gebracht wurden. Und das 1865 mit dem Sieg des Sklavereigegners Lincoln im Bürgerkrieg nur dem Schein nach beendet war.

Fotos von Nachkommen schwarzer Sklaven, die im 19. Jahrhundert nach Louisiana verkauft wurden
Foto: Claire Vail/American Ancestors/New England Historic Genealogical Society via AP

Welche Spur der Diskriminierung sich von den Baumwollplantagen der Südstaaten bis in die Gegenwart zieht, hat Coates bereits vor fünf Jahren in The Atlantic beschrieben, in einem Essay, der heute als Meilenstein des Diskurses gilt. Darin erzählte er von Clyde Ross aus Mississippi. In Chicago bekam er einen Job bei Campbell’s Soup, verdiente nicht schlecht, heiratete und wollte ein Eigenheim erwerben. Nur hatte die Stadtverwaltung Wohngegenden, in denen sich Schwarze ansiedelten, mit roter Schraffierung als problematisch gekennzeichnet. Folglich fand Ross keine Bank, bei der er einen Kredit hätte aufnehmen können.

Der windige Broker, bei dem er landete, lieh ihm zwar Geld, verweigerte ihm aber den Grundbucheintrag und lauerte nur darauf, dass seine Schuldner mit den Zahlungen in Verzug gerieten, worauf sie ihr Eigenkapital eingebüßt hätten. Ross gehörte zu den wenigen in seinem Viertel, die ihr Haus nicht an die Kredithaie verloren hätten.

... und Diebstahl

Diese offene Benachteiligung, so Coates, war Diebstahl. Zudem sei sie offizielle Politik der Stadt Chicago gewesen, bis in die 1960er-Jahre hinein. Indem er den Fall schildere, wolle er deutlich machen, dass die Folgen der Sklaverei nicht nur Stoff für Geschichtsbücher seien. Zumindest hätten die Leute aufgehört, jemanden auszulachen, der solche Rechnungen aufmache. "Sie lachen dir nicht mehr ins Gesicht – und das allein ist schon ziemlich wichtig." (Frank Herrmann aus Washington, 12.7.2019)