Keine 20 Minuten, dann ist der "Check-in" inklusive Anstellen erledigt. Der Sitzplatz ist breit genug, an der Beinfreiheit gibt es nichts auszusetzen. Keine Sicherheitskontrollen, keine Flugbegleiter, kein Video mit Notfallanweisungen. Ich habe soeben einen Air-Kona-Reisebus am Vienna International Busterminal in Wien-Erdberg bestiegen. Um 20.30 Uhr geht’s los in Richtung Sofia. Einmal tief ausatmen und zurücklehnen – vor mir liegen 14 Stunden Nachtfahrt. Und das ist nur der erste Teil der Strecke meiner Reise. Ziel: die griechische Insel Sifnos.

Um knappe 180 Euro kommt man mit dem Bus von Wien via Sofia nach Athen und zurück.
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Mit diesem Selbstversuch will ich ergründen, ob die Anreise in ein typisches Sommerurlaubsland auch langsamer, entspannter und umweltfreundlicher gelingt als mit dem Flugzeug. Mittlerweile haben wir uns so sehr ans Fliegen gewöhnt, dass die meisten von uns alternative Optionen gar nicht mehr in Betracht ziehen. Reisen per Flugzeug gilt als schnell, billig und praktisch. Tatsächlich verliert es immer mehr an Reiz: die weite Anfahrt zu Billigflughäfen, lange Wartezeiten, strenge Sicherheitsvorschriften, Streiks, Verschiebungen, Verspätungen. Das eigene Reiseverhalten zu überdenken würde wahrscheinlich nicht nur der Umwelt guttun, sondern auch der von Stress und Hektik geplagten Reiseseele.

Das Ziel: die Kykladen-Insel Sifnos. Der Weg dorthin führt mit dem Bus von Wien über Sofia nach Athen. Von dort sind es noch drei Stunden mit der Fähre.
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Die anfängliche Idee, mit dem Zug nach Griechenland zu reisen, verwerfe ich schnell. Der Bahnhof in Belgrad wird gerade umgebaut, mit dem Bus scheint es aktuell einfacher zu sein. Die gewählte Route führt von Wien über Sofia nach Athen und weiter zur Inselwelt der Kykladen. Erstaunlicherweise klappt das mit nur zweimal Umsteigen: in Sofia und in Athen. Insgesamt werde ich rund 2000 Kilometer zurücklegen. Mit dem Flugzeug wäre man in zwei Stunden in Athen. Mit dem Bus beträgt die reine Fahrtzeit mehr als 26 Stunden. Bei der Suche nach passenden Verbindungen setze ich auf die europaweite Transportmittelsuchmaschine omio.com. Für das One-Way-Ticket Wien–Sofia bezahle ich 39 Euro, für die Strecke Sofia–Athen 49 Euro. Hin und zurück geht’s also um knappe 180 Euro. Die dreistündige Weiterfahrt mit der Fähre auf die Insel Sifnos wird mich 50 Euro kosten.

Smartphone oder Fenster

Der Bus nach Sofia ist gut besetzt, aber nicht voll. Manche Mitfahrer schauen auf ihr Smartphone, andere dösen vor sich hin. Mir reicht für viele Stunden lang der Blick aus dem Fenster. Ein ungewohntes Gefühl der Entspannung macht sich breit: Die viele Zeit, die vor einem liegt, muss mit nichts gefüllt werden. Mit jedem weiteren Kilometer verlangsamen sich die Gedankengänge, der Körper entkrampft sich. In der Nacht legen sich einige Fahrgäste quer über zwei Sitze und strecken die Beine aus. Während andere leise schnarchen, bin ich die meiste Zeit halbwach, drehe mich, wende mich, wechsle die Position und beneide all jene, die beim Fahren schlafen können. Gemütlich ist das nicht, darunter leidet auch das Gefühl der Entschleunigung.

Der viel frequentierte Busbahnhof in Sofia ist nur ein paar U-Bahnstationen vom Zentrum entfernt.
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Die Route führt über Ungarn nach Serbien und weiter nach Bulgarien. Sie wird immer wieder von Pausen an Tankstellen und durch Grenzkontrollen unterbrochen. Als die Sonne langsam aufgeht, tut sich eine grüne Landschaft mit sanften Hügeln auf. Gegen elf Uhr Ortszeit erreichen wir Sofia. Vom Busbahnhof sind es nur ein paar U-Bahn-Stationen ins Zentrum. Dort habe ich mich für eine Nacht in einer kleinen Pension eingemietet. Um mir die Beine zu vertreten, spaziere ich stundenlang durch die Stadt mit ihren ausgedehnten Parkanlagen, besuche eine Ausstellung, flaniere über die breite Fußgängerzone Vitosha Boulevard und hole schließlich den fehlenden Schlaf nach.

Früh in Urlaubsstimmung

Nächster Tag, nächster Abschnitt: Um acht Uhr morgens bricht ein Tourist-Service-Bus in Richtung Athen auf. Noch einmal zwölf Stunden sitzen, diesmal bei Tageslicht. Schon der erste Tankstellenhalt nach der Grenze lässt Urlaubsstimmung aufkommen. Hier gibt es alles zu kaufen, was man aus Griechenland kennt: die Süßigkeit Loukoumia, das Sesamgebäck Pasteli, die Käseteigtaschen Tiropita. Ins gesamt scheint die Fahrt weniger zäh, der immerwährende Blick aus dem Fenster auf das immer karger werdende Landschaftsbild trägt dazu bei.

Am Ende reiht sich der Bus in den Athener Abendverkehr ein. Schritttempo. Dann geht wieder alles schnell: aussteigen, die U-Bahn-Station suchen, kurze Zeit später Check-in in der Unterkunft. Die Prioritäten: duschen, sich eine Weile auf dem Bett ausstrecken und noch einen Hauch vom Athener Abendflair mitbekommen. Es lohnt, einige Tage in der griechischen Hauptstadt zu bleiben. Wer wenig Zeit hat, sollte zumindest eine Nacht einplanen, bevor es mit der U-Bahn zum Hafen Piräus geht.

Wenn die Fähren nicht wie zuletzt Anfang Juli streiken, steht einem von Piräus aus die gesamte Inselwelt der Kykladen offen.
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Von hier aus steht einem die gesamte kykladische Inselwelt offen. Mich führt die letzte Etappe der Anreise auf die Insel Sifnos. Die Fähre Speedrunner 3 braucht gerade einmal drei Stunden dorthin. Mein Blick schweift über die tiefblaue Ägäis und folgt der Bewegung der Wellen. Nach zwei langen Busfahrten vergehen die drei Stunden bis zur Hafeneinfahrt auf Sifnos flott. Insgesamt fühlt sich das langsame Ankommen anders an: bewusster, auch erhabener.

Fazit: Mit dem Bus nach Griechenland zu fahren ist leichter als gedacht. Das viele Sitzen ist vielleicht ein wenig mühsam, aber anders als bei einem langen Flug kann man sich alle paar Stunden die Beine vertreten. Für Alleinreisende und Paare ist das auf jeden Fall machbar, für Familien mit kleinen Kindern ist es strapaziös. Im konkreten Fall muss man mindestens vier Tage für An- und Abreise sowie für Übernachtungen an den Zwischenstationen einplanen. Am besten bucht man die Unterkünfte im Voraus, wählt sie praktisch gelegen aus und informiert sich vorab, wie man dorthin kommt. Wer den bewusster wahrgenommen Weg als Ziel versteht, kann jedenfalls leichter aufs Fliegen verzichten. (Maria Kapeller, 14.7.2019)