Der Uluru soll bald wieder menschenleer sein.

Foto: AP Photo/Rob Griffith

Canberra – Parkplatznot mitten im australischen "Outback": Um den Uluru stauen sich Allradautos, Pkws, Camper und Wohnmobile. Tausende Besucher reisen in das rote Zentrum des Kontinents, um ein letztes Mal den früher als Ayers Rock bekannten Inselberg zu besteigen.

Am 29. Oktober ist Schluss. Ab dann ist es gesetzlich verboten, auf den 348 Meter hohen Sandsteinberg zu steigen. Bisher hatten die Indigenen, die seit zehntausenden Jahren im Schatten des Uluru leben, Besucher nur darum bitten können, freiwillig auf den Aufstieg zu verzichten – aus Respekt vor jahrtausendealten Traditionen.

Beitrag des Guardian zu den Besuchermassen am Uluru.
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Für die Mitglieder des Stammes der Anangu ist der Berg heilig. Nur initiierte Männer dürfen klettern – und auch das nur zu besonderen Anlässen. Viele natürliche Formationen am Felsen sind tabu. Höhlen etwa, in die Frauen zum Gebären gingen und Burschen zur Beschneidung. Diese Stellen dürfen auch von Touristen nicht fotografiert werden. Im Vorjahr hatte der Aufsichtsrat des Uluru-Kata-Tjuta-Nationalparks beschlossen, den Aufstieg zu verbieten – nach jahrzehntelangem Widerstand der politisch mächtigen Tourismusindustrie.

Die bevorstehende Schließung hat einen historisch einzigartigen Ansturm ausgelöst, mit Folgen für Anwohner und Umwelt. So sind die Campingplätze des Nationalparks, die nahegelegenen Autoraststätten und das Hotelresort in Yulara ausgelastet. Touristen lagern deshalb illegal am Straßenrand. Touristen entsorgen ihren Müll an ungeeigneten Orten.

Geruch nach Urin

Auch die 100 Kilometer vor dem Nationalpark gelegene Rinderfarm Curtin Springs ist überfüllt. Laut Eigentümerin Lyndee Severin ist die Belegung ihrer Campinganlage um 20 Prozent höher als im Vorjahr. Sie habe Menschen gesehen, die illegal campen, Müll zurücklassen, Feuer anzünden und sogar die Abwässer aus ihren Wohnwagen auf ihrem Grundstück entsorgten, so die Bäuerin im TV.

Derweil stauen sich am Fuß des Berges die Besucher. Es kann bis zu einer Stunde dauern, sich an einer Kette über den an einigen Stellen glatten und steilen Felsen hochzuziehen. Da es auf dem Berg an Toiletten fehlt, riecht es am Gipfel nach Urin und Fäkalien. Vor allem weiße Australier bestehen auf ihrem "Recht", den anstrengenden Aufstieg unter die Füße zu nehmen, wie eine nicht repräsentative Umfrage vor Ort ergibt. "Ich bin genauso ein Australier wie die Aborigines", so ein 39-jähriger Familienvater aus Melbourne: "Es ist mein Geburtsrecht, da hochzusteigen." Wie viele Kletterer verurteilt er das kommende Verbot als "politische Korrektheit" gegenüber den Indigenen.

Für diese ist die jüngste Entwicklung ein Schlag ins Gesicht. Seit den 80er-Jahren bitten die Anangu die jährlich rund 300.000 Besucher, den Uluru nicht zu besteigen. Es geht nicht nur um die Einhaltung von uralten Gesetzen: Als traditionelle Hüter der Region fühlen sie sich auch für die Sicherheit der Besucher verantwortlich. Seit den 50er-Jahren sind mindestens 36 Menschen dabei umgekommen – als Folge von Abstürzen, Herz- und Kreislaufproblemen. (Urs Wälterlin, 13.7.2019)