Satellitenaufnahme einer Demonstration in Washington im Jahr 2018. Technologisch sind mittlerweile wesentlich höhere Auflösungen möglich.

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Private Nutzer kommen mit Satellitenbildern vor allem an einer Stelle in Berührung: Bei Kartendiensten wie Google Maps ermöglichen sie einen Blick in Regionen der Welt, die einem sonst verborgen blieben. Das ist für die einen nützlich in der Urlaubsplanung, andere betätigen sich auf diesem Weg lieber als Hobbyarchäologen. Alles fraglos nette, aber gleichzeitig auch weitgehend harmlose Anwendungsgebiete. Zur Überwachung taugt dies nur sehr begrenzt, und wo doch Sensibles – etwa militärische Anlagen – zu sehen sind, werden sie üblicherweise von diesen Diensten unkenntlich gemacht.

Doch jenseits dieser populären Dienste haben sich Satellitenbilder in den vergangenen Jahren so stark weiterentwickelt, dass dadurch grundlegende Fragen zur Privatsphäre aufgeworfen werden, wie das Magazin "Technology Review" warnt. Schon bald könnten Satelliten dazu genutzt werden, um die Menschheit rund um die Uhr zu überwachen.

Weiterentwicklung

Möglich machen dies mehrere Entwicklungen der vergangenen Jahre. Zunächst hat sich die Zahl jener kommerziell verfügbaren Satelliten, die die Erde laufend fotografieren, über die Jahre massiv erhöht. Waren es im Jahr 2008 noch "nur" 150 Stück, liegt dieser Wert mittlerweile bei 768. Und nicht zu vergessen: Dabei handelt es sich lediglich um kommerzielle Anbieter, Staaten haben hier für ihre Zwecke noch einmal zahlreiche zusätzliche Überwachungssatelliten in Betrieb.

Waren früher vor allem die USA und Russland dominant, drängen mittlerweile immer mehr Nationen in den Orbit – und platzieren dort Satelliten. Im Bild ein Raketenstart in Indien.
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Interessant ist dabei auch, dass sich derzeit das Machtverhältnis zwischen kommerziellen und staatlichen Betreibern verschiebt. War es lange so, dass vornehmlich von Militärs genutzte Satelliten die bessere Technologie hatten, ist die Weiterentwicklung bei kommerziellen Anbietern derzeit rasant.

Dem versucht etwa die US-Regierung über Auflösungsbeschränkungen Einhalt zu gebieten. Bereits seit dem Jahr 2014 gilt eine maximale Auflösung von 25 Zentimeter, bei der dann grob gesprochen ein Schuh die Größe eines einzelnen Bildpunkts hat. Das ist genug, um größere Objekt wie Autos zu erkennen, aber nicht ausreichend, um das betreffende Kennzeichen lesen oder gar Personen identifizieren zu können. Aus einer Privatsphärenperspektive ist das ein ganz guter Kompromiss, doch es zeichnet sich ab, dass diese Beschränkung nicht auf Dauer aufrechterhalten werden kann.

Bessere Qualität

Schon jetzt sind technisch gesehen Auflösungen von 10 cm oder weniger möglich. Und chinesischen Firmen wird es reichlich egal sein, welche Vorschriften die USA ihren eigenen Unternehmen auferlegen – ganz im Gegenteil wird man sich freuen, wenn man hier einen Wettbewerbsvorteil hat. Unter dem wachsenden Konkurrenzdruck werden wohl auch die US-Behörden ihre Regeln früher oder später lockern müssen.

Steigende Frequenz

Gleichzeitig ist die Frequenz der Aufnahmen in den vergangenen Jahren massiv gewachsen: So behauptet etwa die Firma Planet Labs, dass man mit den eigenen Satelliten den gesamten Planeten einmal täglich erfassen kann. Konkurrent Black Sky Global gibt an, jede große Stadt 70-mal am Tag zu fotografieren. All das reicht zwar noch nicht aus, um die Bewegungen einzelner Personen in Echtzeit verfolgen zu können, Muster lassen sich damit aber sehr wohl identifizieren. Also etwa, wohin sich ein Auto bewegt, wo die Kinder zur Schule gehen, welche Geschäfte besucht werden. Durch die neuen Möglichkeiten von Maschinenlernen kann das auch massenhaft automatisiert erfolgen.

Satellitenfotos werden immer öfter auch bei geopolitischen Ereignissen zur Beweisführung genutzt. Im Bild der von iranischen Behörden beschlagnahmte Tanker Stena Impero.
Foto: REUTERS / Handout

Und wie erwähnt ist das bloß der aktuelle Status quo. Dank neuer Technologien rückt eine 24-Stunden-Überwachung weiter Teile des Planeten in greifbare Nähe, betont Technology Review. Zwar nicht unbedingt mit Live-Videos, aber doch mit ausreichend Daten, um hier einen tiefen Einblick in die Privatsphäre der Weltbevölkerung zu bekommen. Und zwar "dank" des Aufstiegs kommerzieller Anbieter prinzipiell für jeden, der bereit ist, dafür genügend Geld auszugeben.

Umdenken ist nötig

Um all das in Relation zu setzen: Natürlich lassen sich auch auf anderem Weg viele Daten über einzelne Personen herausfinden. Gerade das Smartphone verrät derzeit sehr viel über unser Aktivitäten. Der Unterschied ist allerdings: Ein Smartphone kann man auch weglegen – bei dieser neuen Form der Satellitenüberwachung gibt es hingegen keinerlei Entkommen mehr.

Angesichts dessen fordert Menschenrechtsexperte Nathaniel Raymond, dass es an der Zeit ist, Privacy-Regelungen grundlegend zu hinterfragen. Derzeit fokussieren diese auf die Rechte von Individuen. Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und besser werdender Technologie werde es aber auch immer wichtiger, die Privatsphäre ganzer Gruppen zu schützen. (red, 24.7.2019)