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Der US-amerikanische Autor Herman Melville hätte am 1. August seinen 200. Geburtstag gefeiert (Gratulation auch von dieser Seite!). Die Bedeutung seiner wichtigsten Werke wie eben "Moby Dick", "Typee", "Billy Budd" und vor allem der Erzählung Bartleby der Schreiber wurde hinreichend dokumentiert. Aber wieweit reicht die Strahlkraft dieses noch zu seinen Lebzeiten wieder in Vergessenheit geratenen Autors, der einst von seinem Roman um den großen weißen Wal gar nur 3000 Stück absetzen konnte?

Neben dem archaischen Mythos des großen weißen Wals gilt heute wohl besagter Bürogehilfe Bartleby im Vorfeld von Franz Kafka und dessen heutige Bürowelten mehr als vorwegnehmenden Szenarien als eine literarisch hochmoderne Figur. In ihrer Totalverweigerung, dem sinnlosen System sinnvoll zu dienen oder von ihm zu profitieren, stirbt sie in letzter Konsequenz den Hungertod. Zentraler Satz Bartlebys, der nicht und nicht ran ans Gerät jedweder Gestalt will: "I would prefer not to (Ich möchte lieber nicht)."

"I would prefer not to"

Diese Absage an die Leistungsgesellschaft und gesellschaftliche Zwänge fand in der Philosophiegeschichte bemerkenswerte Sichtungen, unter anderem von Giorgio Agamben und Gilles Deleuze. Beide widmeten dem sturen Hund, dem man auch gerne eine klinische Depression unterstellte, jeweils eigene philosophische Essays. Ganz zu schweigen von Vieldenker Slavoj Žižek, der "I would prefer not to" oft und gern zuletzt vor allem auch im Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung zitierte – und sich in seiner Filmdoku "The Pervert’s Guide to Cinema" wiederum auf Douglas Adams beruft.

In Douglas Adams‘ vor allem während der 1980er-Jahre gern gelesener und gesehener Science-Fiction-Comedy-Serie "The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy" will der irdische Protagonist Arthur Dent, dem man seinen Heimatplaneten aufgrund einer intergalaktischen Schnellverbindung weggesprengt hat, zwischendurch einmal zum Planeten "Barteldan" auswandern. Dort würden die Menschen ganz generell keinen Tätigkeiten nachgehen, sie seien in diesem vermeintlichen Paradies überhaupt mit großer geistiger Leblosigkeit gesegnet. Alles hängt mit allem zusammen.

Farm Aid

Als ungleich einflussreicher erweist sich natürlich Melvilles wuchtiger Wälzer "Moby Dick". Vom großen weißen Wal existieren diesbezüglich nicht nur diverse Verfilmungen und Adaptionen für das Theater oder "Moby Dick! The Musical". Wer wissen will, ob ein ebenso mythologischer wie in die Populärkultur strahlender Stoff tatsächlich Relevanz besitzt, der sollte am besten auch nach Pornos googeln. Die Antwort lautet, ja, man findet natürlich Moby-Dick-Pornos.

Im täglichen städtischen Straßenbild am auffälligsten in Bezug auf "Moby Dick" erweist sich allerdings die US-Kaffeesieder-Franchisekette Starbucks. Sie wurde 1971 von drei Slackern in Seattle unter dem Namen des Ersten Steuermanns Starbuck gegründet, nachdem man befürchtete, dass das ursprüngliche avisierte Branding Pequod, der Name des Schiffs von Captain Ahab, zu viele Assoziationen mit dem englischen Wort für Pinkeln erwecken könnte.

Der letzte große amerikanische Wal

In der Rockgeschichte zählt das Instrumental "Moby Dick" der britischen Hardrockband Led Zeppelin aus dem Jahr 1969 zu den rekordverdächtigen Kompositionen. Live oft auf bis zu einer halben Stunde Länge aufgebläht, beinhaltet es eines der längsten Schlagzeugsolos der Rockgeschichte. Von der deutschen Funeral-Doom-Band Ahab und ihrem empfehlenswerten Konzeptalbum "The Divinity Of Oceans" (2009) ein anderes Mal. Es behandelt das Schicksal des Walfängers Essex, der Herman Melville als reale Vorlage diente.

Geschichte schrieb 1989 auch Lou Reed mit seinem Album New York. Das beinhaltet neben dem Song "Good Evening Mr. Waldheim" auch "Last Great American Whale" und dessen Tötung durch eine geldgierige, ignorante Gesellschaft. Die möglicherweise gültigste Interpretation des Melville Klassikers.

Funfact: Herman Melville ist der Ur-Ur-Großonkel des berühmten US-Elektronikmusikers Richard Melville Hall, besser bekannt als Moby. (Christian Schachinger, 31. 7. 2019)