Präsident Trump macht in Sachen Taiwan eher auf abgelenkter Teenager.

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Die "Madman-Theorie", heißt es oft in wohlwollenden Analysen, sei eines der wichtigsten Werkzeuge im außenpolitischen Arbeitskoffer des Donald Trump. Eigentlich stammt sie aus der Zeit Richard Nixons. Ziel ist es, Gegner mit dem Eindruck eines allzu unberechenbaren Gegenübers einzuschüchtern und zum Nachgeben zu bringen. Im Fall Nordkoreas etwa, als Trump und Machthaber Kim Jong-un einander wochenlang beschimpften und mit Atomkrieg drohten, hat das funktioniert: Beide Seiten erkannten, dass Dialog besser ist als Vernichtung.

Militärische Routine oder diplomatisches Unwissen

Taiwan wünscht sich in den USA vielleicht auch einen "Irren", doch Trump macht hier eher auf abgelenkter Teenager. Zwar haben die USA zuletzt neue Waffenverkäufe an Taiwan bewilligt; zwar fährt die US-Marine immer wieder mit Kriegsschiffen vor Taiwans Küste auf; zwar hat Trump sogar schon vor Amtsantritt mit der Präsidentin Taiwans, Tsai Ing-wen, telefoniert und Peking damit verärgert. Aber all das wirkt, als basiere es auf militärischer Routine oder diplomatischem Unwissen. Dass ihm die Verteidigung des demokratischen Taiwan gegen die Allmachtsbestrebungen des autokratischen China ein Anliegen ist – daran lässt das Verhalten Trumps Zweifel aufkommen. Vielmehr hat seine Regierung die Möglichkeit offengelassen, die Insel als Jeton im Handelsstreit einzusetzen.

Es ist gut, wenn die USA nicht die ganze Welt als Hinterhof sehen, und es ist positiv, wenn Trump gewillt ist, Kontrolle abzugeben – und natürlich ist all das besser als Krieg. Aber die Krise zwischen Taipeh und Peking ist auch Beleg dafür, was passiert, wenn Washington Unentschlossenheit zeigt und sich zurückzieht. Nicht kleine Staaten gewinnen Souveränität, sondern andere Großmachtsaspiranten füllen das Vakuum – oft undemokratische. Das läuft eher nicht auf eine friedlichere Welt hinaus. Schlimmstenfalls birgt es die Gefahr militärischer Fehlkalkulation. (Manuel Escher, 1.8.2019)