Norbert Hofer ist gerührt, wie sehr sein Slogan, man werde sich noch wundern, was alles möglich ist, zur freiheitlichen Parteimaxime geworden ist.

Reuters/Lisi Niesner

Auf Untote Leichenreden zu halten gilt nach der politischen Friedhofsordnung als verfrüht. Aber was tun in den Fällen H.-C. Strache und Herbert Kickl? In der FPÖ ist man hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach einer möglichst schönen Leich' und der Hoffnung auf Auferstehung zu neuem Ruhm im Dienste einer migrantenreinen Heimat und für selbstbestimmtes Rauchen. Nirgendwo hat sich der Zwiespalt in den letzten Tagen tragischer dargeboten als in "Zur Zeit", wo Walter Seledec – man muss leise Orgelpräludien im Hintergrund mitempfinden – also zum Schwanengesang für Kickl, der Mann der Stunde anhub.

Er war der Mann, der dem freiheitlichen Regierungsprogramm am nächsten stand. Er exekutierte besonders, was den freiheitlichen Wählern am Herzen lag. (Konzentriertes Schluchzen aus Waldhäusls Kehle.) Schluss mit der Staat und Nation am meisten gefährdenden Massenimmigration! Er, Kickl, verkörperte den Politikertyp: ein Mann, ein Wort. So wie er im politischen Alltag sprach, so handelte er auch. (Trauriges, aber verhaltenes Wiehern eines zum Kondukt abkommandierten Polizeipferdes.) Das war selten geworden im Tagesgeschäft der österreichischen Politik. Das wusste vor allem die ÖVP, bevor sie den Freiheitlichen die Regierungszusammenarbeit angeboten hatte. (Von Erinnerungen überwältigt, schnäuzt sich der ÖVP-Obmann in ein türkises Taschentuch.)

Tränenerstickte Stimme

Und weiter Seledec mit tränenerstickter Stimme. Kickl war ein Mann der Grundsätze und kein "Herumlavierer" nach dem Muster der Großen Koalition. Wer Kickl "engagierte", wusste, wer Kickl war und welche Politik mit diesem Mann verbunden war. (Aus Ibiza in die mediale Aufbahrungshalle angereist, kämpft Strache an der Seite Philippas vergeblich gegen die Tränen, die ihm bei der Erinnerung an Kickls Engagement einschießen.)

Der Trauerredner seufzt tief auf, als er auf die Märtyrerrolle Kickls zu sprechen kommt. Seit dem Regierungsbruch wird Kickl von den Medien vernadert und von der Volkspartei (!) als neuer "Gott sei bei uns" stigmatisiert. (Christoph Dichand denkt an Richard Schmitt, Wolfgang Fellner an einen Talk mit dem "Gott sei bei uns" in oe24, ÖVP-Generalsekretär Nehammer findet, dass Stigmata nur einem zustehen.) Doch dem Märtyrer ist die Apotheose sicher. Allerdings legt der Ex-Innenminister an Beliebtheit und Ansehen zu, und da wird sich die ÖVP noch wundern. Und nicht nur sie. Alle sichtbaren und noch unsichtbaren Feinde der FPÖ werden sich noch wundern. (Norbert Hofer ist gerührt, wie sehr sein Slogan, man werde sich noch wundern, was alles möglich ist, zur freiheitlichen Parteimaxime geworden ist.)

Jede gute Leichenrede soll mit Trost für die versammelte Trauergemeinde enden, und mit einigen Worten, die sie im Geiste des Verblichenen zusammenschweißt. Seledec lässt sich nicht lumpen. Herbert Kickl bleibt für unsere FPÖ unverzichtbar und als absoluter Frontmann gewissermaßen ein Markenzeichen der Freiheitlichen. (An dieser Stelle denkt Hofer an Jörg Haider und überlegt, was er tun muss, um jemals absoluter Frontmann, gewissermaßen ein Markenzeichen der Freiheitlichen zu werden, statt ewig gewesener Hofburgkandidat zu bleiben.) Mit dem Absingen des Liedes "Wenn alle untreu werden" könnte die Trauerfeier ausklingen, aber Seledec schließt mit der Warnung: Personalchef der FPÖ bleibt immer noch die FPÖ!

Die Untoten der Partei

Ob er damit den einen der beiden Untoten der Partei in ein Leben nach dem Innenministerium zurückholt, ist noch offen. Interessant ist, dass über den anderen, der doch auch einmal als für unsere FPÖ unverzichtbar und absoluter Frontmann gegolten hat, sogar als ein Markenzeichen der Freiheitlichen, kein Wort verloren, keine Träne vergossen wird. Dabei hält sich Strache nur für scheintot und hofft, mithilfe von "Österreich" ins reale Leben zurückzufinden: Ex-FP-Chef bastelt an Comeback. Strache will wieder zurück an die Spitze.

Wer glaubt, dass Heinz-Christian Strache die Politik hinter sich gelassen hätte, irrt gewaltig. Und laut FPÖ-Insidern plant der gefallene Ex-FP-Vizekanzler nun nicht mehr nur sein Comeback als Spitzenkandidat der FPÖ Wien, sondern sogar seine Rückkehr an die Bundesspitze der Blauen.

Am stärksten Comeback seit Lazarus arbeitet er heftig. Wieder einmal in Ibiza, traf er laut "Österreich" den Regisseur Gabriel Barylli. Ihre Gespräche waren für ihn "Butter auf dem Brot für Geist und Seele". Der hatte auch keine dreckigen Zehennägel. (Günter Traxler, 3.8.2019)