Arbeiter in der chinesischen Hafenstadt Qingdao. Chinas Exporte in die USA sind zuletzt stark eingebrochen.

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Zu den neuesten Opfern im amerikanisch-chinesischen Handelsstreit gehört ein flauschiges, gelbes Fantasiewesen, das am ehesten einem Hasen gleicht. Pikachu ist ein Charakter aus den "Pokémon"-Videospielen und aus der gleichnamigen Kinderzeichentrickserie. "Pokémon" stammt ursprünglich aus Japan, das Videospiel wird weltweit von Nintendo vermarktet. Doch der Konzern lässt einen großen Teil seiner Spielkonsolen, Spiele und Spielzeugfiguren in China herstellen.

US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstagabend angekündigt, ab 1. September Zölle auch auf bisher davon verschont gebliebene chinesische Waren im Volumen von 300 Milliarden Dollar verhängen zu wollen – und hier kommt Pikachu ins Spiel. Die bisherigen US-Zölle gegen China betrafen vor allem Rohstoffe wie Aluminium und Stahl sowie Produktbestandteile, etwa diverse elektronische Komponenten. Konsumgüter betrafen die Maßnahmen also vor allem indirekt, sie verteuerten sich bisher nur moderat.

Exportmacht China

Nun aber verhängen die USA auf eine Vielzahl von aus China importierten Waren Zölle: Darunter fallen Kleidung, Schuhe, Textilien, Smartphones und Laptops, aber eben auch Spielzeug und Spielkonsolen. 85 Prozent des in den USA verkauften Spielzeugs kommen aus China. Der Handelskonflikt wird also spürbarer.

Zunächst werden die Preissteigerungen moderat ausfallen. Ab 1. September wollen die USA einen zehnprozentigen Zoll auf die erwähnten Konsumgüter einheben. Trump droht aber bereits mit einer Erhöhung der Tarife auf 25 Prozent. Was ist überhaupt die Strategie hinter den Maßnahmen?

"Trump will demonstrieren, dass er der härteste Junge im Viertel ist, wenn es darum geht, auf China einzudreschen", sagt der Ökonom Gary Hufbauer vom Washingtoner Peterson Institute for International Economics (PIIE) im STANDARD-Gespräch. Die neuen Maßnahmen richten sich laut Hufbauer vor allem an ein inneramerikanisches Publikum im anbrechenden US-Präsidentschaftswahlkampf.

Immer höher mit den Zöllen

Die USA haben im vergangenen Jahr damit begonnen, ausgewählte ausländische Produkte mit Zöllen zu belegen. Nachdem zunächst mehrere Staaten betroffen waren – die Zölle auf Stahlimporte richteten sich auch gegen Europa –, haben sich die weiteren Aktionen zunehmend auf China konzentriert. Laut Berechnung des PIEE lagen die US-Zölle auf allen aus China importierten Waren im Jahr 2017 bei nur 3,1 Prozent. Inzwischen sind sie auf 18,3 Prozent geklettert. Trumps neueste Ankündigung treibt die Zölle ab September auf 21,5 Prozent hoch.

Insgesamt importierten die USA im vergangenen Jahr Waren aus China im Wert von 540 Milliarden US-Dollar. Umgekehrt exportierten sie Güter im Wert von 120 Milliarden.

Dieser gewaltige Unterschied in den Handelsströmen erklärt laut dem Ökonomen Gabriel Felbermayr, der das Institut für Weltwirtschaft in Kiel leitet, warum Trump nun neue Maßnahmen umsetzt: Während die USA China hart treffen können, bleibt den Chinesen kaum noch Spielraum. China importiert zu wenig aus den USA und hat einen großen Teil dieser Güter bereits mit Zöllen belegt – als Vergeltung für vorangegangene Maßnahmen der USA. Die Regierung in Peking kündigte dennoch am Freitag umgehend neue Gegenmaßnahmen an.

Zweifel an Trumps Strategie

Washington und Peking führen parallel zu dem Konflikt seit Monaten Verhandlungen über einen Handelspakt. Was genau ein Deal beinhalten würde, ist bis heute unklar. Trump argumentiert, dass durch die neuen Zölle China zu Konzessionen bewegt werden soll. Felbermayr sieht das kritisch. Auch wenn die neuen Maßnahmen China wirtschaftlich treffen, könne es sich die Führung in Peking kaum leisten einzuknicken. In der Öffentlichkeit wäre dadurch Chinas Nationalstolz verletzt.

Felbermayr erwartet nicht, dass die US-Bürger das ganze Ausmaß der Zölle spüren werden. Bei Spielzeug und Textilien, wo die Gewinnmargen der Firmen gering sind, werden die Preise ab September steigen, glaubt er. Bei iPhones mit den viel, viel höheren Margen dagegen habe Apple einen Spielraum, um einen Teil der Preiserhöhungen selbst zu schlucken.

Wie sich der Handelskrieg bisher auf die beiden Volkswirtschaften ausgewirkt hat, ist umstritten. Die Exporte aus China in die USA sind eingebrochen, um zwölf Prozent in den ersten vier Monaten. Dafür sind Ausfuhren aus Vietnam, Südkorea und anderen asiatischen Ländern stark gestiegen. (András Szigetvari, 2.8.2019)