Indische Soldaten halten Wache in der Stadt Srinagar.

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Srinagar/Delhi – Vom "dunkelsten Tag der indischen Demokratie" sprach die ehemalige Regierungschefin von Indiens Unruheregion Kaschmir am Montag auf Twitter. Dieser, so Mehbooba Mufti, werde "katastrophale Konsequenzen" haben.

Kurz zuvor hatte in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt Delhi Innenminister Amit Shah von der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP ein Dekret verlesen, dem viel Sprengkraft innewohnt: Ab sofort sind die Autonomierechte des Bundesstaats Jammu und Kaschmir ersatzlos gestrichen. Indien schlüpfe so in die Rolle einer Besatzungsmacht, kommentierte Ex-Regierungschefin Mufti, bevor sie laut eigenen Angaben unter Hausarrest gestellt wurde.

Bisher hatte Jammu und Kaschmir dank Artikel 370 der indischen Verfassung mehr Autonomie als die übrigen 28 Bundesstaaten genossen, samt eigener Verfassung und Flagge. Einzig die Agenden Verteidigung, Außenpolitik und Kommunikation waren noch in der Hand der Bundesregierung.

Doch schon vor der Rede des indischen Innenministers im Parlament waren die Spannungen in der seit einem Krieg 1947 zwischen den beiden Atommächten Indien und Pakistan geteilten mehrheitlich muslimischen Region im Himalaja zuletzt gestiegen. Erst im Frühling hatte es nach einem verheerenden Terroranschlag auf indische Soldaten Zusammenstöße gegeben, Indiens Luftwaffe griff Ziele in Kaschmir an, Pakistan will zwei indische Kampfflugzeuge abgeschossen haben.

Ausgangssperre

Die Behörden verhängten am Montag Ausgangssperren in der regionalen Hauptstadt Srinagar und in umliegenden Gebieten. Internetdienste wurden blockiert, das Handynetz und das Festnetz abgeschaltet, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Mehrere Regionalpolitiker erklärten, sie seien unter Hausarrest gestellt worden.

Bewohner von Srinagar sagten zu AFP, in Teilen der Regionalhauptstadt seien zahlreiche Soldaten unterwegs. Auch seien Schüsse zu hören.

Die genauen Gründe für die Ausgangssperren waren zunächst unklar. Indien hat in den vergangenen Tagen nach Angaben eines Sicherheitsvertreters zehntausende zusätzliche Soldaten in die Region geschickt, die zwischen Indien und Pakistan umstritten ist. Zuletzt wurde zudem eine Terrorwarnung ausgesprochen.

Am Sonntag erklärte die indische Armee dann, pakistanische Soldaten und Milizionäre hätten versucht, die Demarkationslinie in Kaschmir zu überqueren. Der Versuch sei abgewehrt, fünf bis sieben Angreifer seien getötet worden. Pakistan wies die Angaben zurück.

Trump als Vermittler

Am Sonntag hat Pakistan US-Präsident Donald Trump um Vermittlung in dem sich zuspitzenden Konflikt mit Indien gebeten. "Präsident Trump bot an, in Kaschmir zu vermitteln. Dies ist der Zeitpunkt, dies zu tun", twitterte Ministerpräsident Imran Khan, der im Juli zu Gast im Weißen Haus war, am Sonntag.

Die Situation habe sich verschlechtert, was auf "neue aggressive Aktionen der indischen Besatzungstruppen" zurückzuführen sei. "Das hat das Potenzial, sich zu einer regionale Krise hochzuschaukeln."

Seine Regierung warf dem verfeindeten Nachbarn vor, am Samstag an der Waffenstillstandsgrenze in Kaschmir international geächtete Streumunition eingesetzt zu haben. Dabei sollen zwei Zivilisten getötet und elf weitere Menschen verletzt worden sein. Indien wies die Vorwürfe zurück. (flon, APA, 2.8.2019)