Visaginas – Vergangenen Sommer sorgte Litauen noch für Aufregung, als sich das Land als "G-Punkt Europas" präsentiert hat. Fraglich ist, wie viele Touristen diese Kampagne in das baltische Land gelockt hat.

Deutlich erfolgreicher scheint die Promotion durch die US-Fernsehserie "Chernobyl" zu sein, die die Ereignisse rund um die Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 aufgreift: Deren Drehorte liegen in Litauen und haben das Land zu einer Touristenattraktion gemacht. Die Miniserie, die am 16. Juli für 19 Emmy-Preise nominiert worden ist, zeigt die Folgen der Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl.

Seit fast zehn Jahren stillgelegt: das Kernkraftwerk Ignalina.
Foto: AP/Mindaugas Kulbis

Ausländische Besucher können nun Drehorte wie das vor fast einem Jahrzehnt stillgelegte Kraftwerk Ignalina mit einem Reaktor vom gleichen Typ wie in Tschernobyl besichtigen. Sein Kern ist hochradioaktiv und liegt sieben Meter unter den Füßen der Touristen, abgeschirmt durch Schutzschichten.

Leichtes Unwohlsein

"Als wir den Atomreaktor betraten und der Guide erklärte, worauf wir tatsächlich standen, fühlte ich mich ein wenig unwohl", sagt der 32-jährige britische Tourist Tom Slaytor. Die Besucher erhalten Dosimeter, Schutzhelme, weiße Kleidung und Schuhe, bevor sie sich durch ein Labyrinth aus langen, schlecht beleuchteten Gängen, Reaktorhallen, Turbinenhangars und die Leitstelle mit dem roten Knopf, der kurz vor der Explosion gedrückt wurde, wagen. Handys, Kameras, Essen, Trinken und Rauchen ist strengstens verboten. Beim Ausgang wird jeder auf Kontamination untersucht.

Der hochradioaktive Kern liegt sieben Meter unter den Füßen der Besucher.
Foto: REUTERS/Ints Kalnins

Die Touren durch das Kraftwerk sind bis Jänner 2020 ausgebucht. Man arbeitet aber bereits daran, die Besucherkapazität zu verdoppeln, um der Nachfrage aus Europa und der ganzen Welt gerecht zu werden. Führungen finden auch in Fabijoniskes statt, einem Stadtteil von Vilnius, wo Szenen aufgenommen wurden, die in der heute verlassenen Stadt Pripyat spielen, in der die Arbeiter des Atomkraftwerks Tschernobyl untergebracht waren und die später in die Sperrzone fiel.

Alte Wunden

Während das Land vom Atomtourismus profitiert, reißt die Erinnerung an die Vorkommnisse und vor allem deren Nachwehen, die bis heute wirken, alte Wunden auf. Vor allem bei jenen, die damals bei den Aufräumarbeiten dabei waren – gezwungenermaßen, war Litauen doch bis 1990 Teil der Sowjetunion. Die sowjetische Führung schickte in den Monaten und Jahren nach der Katastrophe schätzungsweise 7.000 Litauer nach Tschernobyl.

Die Touristenführerin zeigt den roten Knopf im Kontrollraum, mit dem die Katastrophe in Tschernobyl mit ausgelöst wurde.
Foto: REUTERS/Ints Kalnins

Wie viele andere aus der ganzen Sowjetunion mussten sie, ohne ausreichenden Schutz oder Medikamente, an der Sanierung des Katastrophenreaktors arbeiten, wo sie hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt waren. Viele leiden inzwischen an Krankheiten und gesundheitlichen Problemen.

Radioaktiver Schnaps

Kestutis Kazlauskas, heute 61 Jahre alt, war damals 28 Jahre alt und musste als Wehrpflichtiger 105 Tage in einem 30 Kilometer von Tschernobyl entfernten Lager verbringen und dabei helfen, einen Staudamm zu bauen, um das Wasser eines verstrahlten Flusses zu filtern. "Wir hatten das Gefühl, in den Krieg zu ziehen", erzählt er. "Wir rechneten damit, zu sterben – und waren fast überrascht, lebend zurückzukommen." Kazlaukas berichtet davon, dass er und seine Kollegen gegen den Stress illegal gebrannten Schnaps getrunken hätten. Dieser war offensichtlich radioaktiv: "Ich bekam Probleme mit der Schilddrüse, hohen Blutdruck, und mir fielen die Zähne aus."

Das Kernkraftwerk Ignalina in Visaginas ist baugleich mit dem AKW in Tschernobyl.
Foto: REUTERS/Ints Kalnins

Die Fernsehserie, die die Geschehnisse kritisch aufarbeitet und auch als Anerkennung gesehen werden kann, erinnert dennoch schmerzlich daran, wie die sowjetische und später die litauische Regierung den Katastrophenhelfern wenig Aufmerksamkeit schenkten, sagen auch andere ehemalige Retter.

Pessimismus

Algiridas Simenas (63) steuerte einen Hubschrauber mehrmals über den schwelenden Reaktor, um die Flammen in den Tagen unmittelbar nach der Explosion zu löschen. "Mir geht es gut ... aber ich finde es nicht fair, wie die anderen behandelt werden", sagte er. Er erhielt sogar eine handschriftliche Ankerkennung von Michail Gorbatschow, litt jedoch an strahlenbedingten Herzproblemen, die ihn daran hinderten, jemals wieder ein Flugzeug oder einen Hubschrauber zu fliegen. Die Werbung nach der Serie werde für sie nichts ändern, meinen viele der ehemaligen Helfer.

Simenas hat eine Organisation für ehemalige Aufräumarbeiter gegründet, um für mehr Unterstützung durch die Regierung zu werben. Der Staat bietet ehemaligen Katastrophenhelfern zwar Unterstützung an, Voraussetzung dafür ist aber, dass man nachweisen muss, dass eine Krankheit direkt von Tschernobyl herrührt. Das sei in vielen Fällen aber fast unmöglich zu beweisen, sagen Betroffene. (Reuters, Andrius Sytas, red, 5.8.2019)