Ist es Zufall, dass Goma wie Gomorrha klingt? Die ostkongolesische Stadt liegt in einer der malerischsten Landschaften dieser Erde: am Ufer des Kivu-Sees, am Fuß des rauchenden Nyiragongo-Vulkans, von fruchtbarsten Auen und Mangobäumen umgeben. Doch Goma zieht auch wie kaum eine andere Stadt der Welt das Unheil an: starke Fluchtbewegungen, tödliche Choleraepidemien, zahllose Kriege und Rebellentruppen, gelegentlich sogar Lavaströme. Und jetzt Ebola.

Experten hatten seit langem befürchtet, dass die Seuche auch auf die weit mehr als eine Million Einwohner zählende Stadt übergreifen würde. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Epidemie im nördlichen Teil der Nord-Kivu-Provinz ist es so weit: Zunächst starb ein 46-jähriger Prediger, der Kranken die Hand aufgelegt hatte, nach seiner Reise nach Goma.

Nun entstand auch in Goma ein Behandlungszentren mit den bereits bekannten Gesundheitsmitarbeitern in Schutzanzügen.
Foto: REUTERS/Baz Ratner

Familie angesteckt

Wenige Tage später erlag ein Bergarbeiter aus der Ituri-Provinz dem Virus. Er war zuvor in tagelanger Fahrt in verschiedenen Kleinbussen fast 500 Kilometer weit durch die gesamte Nord-Kivu-Provinz nach Goma gereist, um sich dort schließlich krank von seiner elfköpfigen Familie pflegen zu lassen. Auch er starb an der Infektion – nicht ohne zuvor auch seine Frau, seine einjährige Tochter und eine Krankenschwester angesteckt zu haben. Die Tochter starb am Tag danach: das 2612. Opfer der Epidemie. Vor Geschäften, Restaurants und Hotels wurden Handwaschbecken aufgestellt, das Nachbarland Ruanda schloss vorübergehend seine nur wenige Hundert Meter von der Stadt entfernte Grenze.

Dass die Seuche selbst ein Jahr nach ihrem Ausbruch nicht unter Kontrolle gebracht sein würde, hatte Anfang dieses Jahres noch niemand erwartet. Im Umgang mit dem 1976 auf seinem Staatsgebiet entdeckten Virus war der Kongo bislang ziemlich erfolgreich gewesen: Alle neun vorigen Ebola-Epidemien im Land kosteten meist dutzende oder höchstens hunderte an Menschenleben. Kein Ausbruch kam dem in Westafrika vor fünf Jahren nahe, bei dem fast 11.000 Menschen starben. Der vorletzte Seuchenausbruch im Nordwesten des Landes war schon nach elf Wochen und nur 54 Infizierten beendet. Das Virus schien seinen Schrecken verloren zu haben.

An der Grenze zwischen dem Kongo und Ruanda überprüfen Gesundheitsmitarbeiter die Grenzgänger.
Foto: AP / Stringer

Täglich zwölf Neuinfektionen

Bis die Zahl der Angesteckten in der Nord-Kivu-Provinz in diesem Frühjahr wieder in die Höhe schnellte. Dauerte es zunächst noch 224 Tage, bis sich die ersten tausend Kongolesen angesteckt hatten, so waren für die zweiten Tausend nur noch 71 Tage nötig, allein im Mai wurden mehr als 400 Menschen infiziert. Derzeit werden täglich rund zwölf neue Infektionsfälle gemeldet – die zweitschlimmste Ebola-Seuche der Geschichte. Im Juli rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach langem Zögern einen "globalen Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung" aus.

"Das größte Problem ist zweifellos, dass die Ebola-Bekämpfer das Vertrauen der Bevölkerung nicht gewinnen konnten", sagt Trish Newport von Ärzte ohne Grenzen (MSF): Eine Einschätzung, mit der die ehemalige Koordinatorin des Einsatzes der Hilfsorganisation im Ostkongo nicht allein ist. Die Bevölkerung der Provinz, die schon seit Jahrzehnten von Spannungen, Unruhen und Blutbädern heimgesucht wird, traute weder den kongolesischen Gesundheitsbehörden noch den aus dem Ausland herbeigeeilten Helfern, wenn diese von dem unsichtbaren Killer-Virus sprachen.

Eine Frau sucht auf den Wahllisten in Beni ihren Namen: In Ebola-Gebieten wurde die Wahl verschoben.
Foto: Luke DENNISON / AFP

Räuberische Soldaten

Warum sollte die Regierung aus der fernen Hauptstadt Kinshasa plötzlich an ihrem Wohlergehen interessiert sein, wenn sie in Nord-Kivu ansonsten nur für ihre mordende, plündernde und vergewaltigende Soldateska bekannt war? Jahrzehntelang waren Kongos Soldaten von den Rebellentruppen und ausländischen Invasionstruppen nicht zu unterscheiden gewesen: Sie traten genauso räuberisch wie die Regierungsbeamten auf, die der Bevölkerung alle möglichen Arten von Steuern und Strafzahlungen abpressen.

Zunächst drückte sich das Misstrauen der Bevölkerung in defensiver Sabotage aus: Erkrankte ein Familienmitglied, wurde es versteckt, kamen Offizielle mit Fragen, wurden sie nicht beantwortet. Und dann kamen die Wahlen. Gegen das Votum von Fachleuten ließ die Regierung die Abstimmung in der Ebola-Region Ende Dezember verschieben. Kinshasa kam das recht, denn die Bevölkerung der Nord-Kivu-Provinz gilt aus verständlichen Gründen als Hochburg der Opposition.

Für die Einwohner der Provinzstädte Beni und Butembo war damit vollends der Beweis erbracht, dass die Herrschenden in Kinshasa alles nur eingefädelt hatten, um die Ostkongolesen einmal mehr zum Schweigen zu bringen: Aus der defensiven wurde offensive Sabotage. Örtliche Milizen griffen immer häufiger Gesundheitseinrichtungen und Helfer an. Sie brannten zwei der Ebola-Behandlungszentren der Ärzte ohne Grenzen restlos nieder und töteten sieben Gesundheitshelfer.

Ärzte ohne Grenzen ist einer der Hauptakteure im Kampf gegen Ebola.
Foto: APA/AFP/JOHN WESSELS

Die Hälfte nie in Behandlungszentren

Bald machten sich die verheerenden Folgen der mangelnden Kooperation bemerkbar. Selbst ein Jahr nach Ausbruch der Seuche ist den Ebola-Experten höchstens die Hälfte aller Infektionsfälle bekannt, fast jedes zweite Ebola-Opfer wurde niemals in eines der Behandlungszentren gebracht. "Man kann die besten Einrichtungen dieser Welt haben", sagt Anne Marie Pegg, derzeitige Koordinatorin des MSF-Einsatzes, "wenn die Patienten nicht dorthin gebracht werden, nützen sie alle nichts."

Ihre Organisation ruft deshalb zu einer radikalen Wende der Strategie auf: Die Ebola-Zentren sollen nicht mehr länger vom herkömmlichen Gesundheitswesen getrennt, sondern mit diesem verbunden werden. Auf diese Weise werde der Kampf gegen die Seuche von der Bevölkerung als Teil der Sorge um ihre Gesundheit wahrgenommen. Die Patienten würden nicht lediglich in Ebola positiv und negativ aussortiert, sondern auch für Malaria, Tuberkulose und Schnupfen behandelt.

Gesundheitsminister Oly Ilunga ist gegangen.
Foto: FABRICE COFFRINI / AFP

Kampf um Impfstoff

Schließlich plädieren die Helfer noch für einen zweiten Richtungswechsel, der bereits zum Rücktritt des kongolesischen Gesundheitsministers Oly Ilunga führte. Der Arzt hatte darauf bestanden, nur den bereits bestätigten Impfstoff des US-Pharmakonzerns Merck einzusetzen – und nicht auch das neue Serum seines Konkurrenten Johnson&Johnson, das von der Regierung in Kinshasa noch nicht freigegeben wurde. Die Kongolesen sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten, argumentierte Ilunga – wurde jedoch von Kongos neuem Präsidenten Félix Tshisekedi jüngst als Verantwortlicher der Ebola-Kampagne abgesetzt und trat auch als Minister zurück. Nun hoffen die Seuchenbekämpfer, dass ihnen bald mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird, und sie zur Immunisierung der gesamten Bevölkerung übergehen können.

Doch schon heute lassen sich viele nicht impfen, weil sie argwöhnen, mit der Injektion angesteckt zu werden. "Zuerst müssen wir das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen", sagt die Krankenschwester Trish Newport. (Johannes Dieterich, 6.8.2019)